Twittern

Promi 2.0

Von Henning Hoff

Twittern - auch auf dem Berlinale-Teppich? Demi Moore und Ashton Kutcher

Twittern - auch auf dem Berlinale-Teppich? Demi Moore und Ashton Kutcher

15. Februar 2009 Vor ein paar Tagen stockte der Fahrstuhl in Londons Hochhaus Centre Point. „O. K. Das ist verrückt. Ich stecke auf der 26. Etage fest. Verdammt. Arsch, Kack' und Pisse“, textete Stephen Fry, Großbritanniens beliebter Unterhalter, Schauspieler, Autor und „nationales Kulturgut“, per Mikro-Blog-Dienst Twitter aus unangenehmer Lage in den Abendhimmel.

Fry war nicht allein im Lift. Vier Unglückliche waren auf dem langen Weg vom „Paramount Club“ nach unten ebenfalls gefangen, und über 100.000 von Frys „Twitter-Anhängern“ verfolgten das Geschehen, sandten aufmunternde Nachrichten, fragten nach Livefotos (und einer nach der Telefonnummer von Frys „süßem“ Nebenmann). Nach zwanzig Minuten war Fry wieder frei, am nächsten Tag berichteten die Zeitungen. Doch nur das Boulevardblatt „Mirror“ erkannte die ganze Tragweite des Vorfalls und leitartikelte ironisch-entrüstet: „Es ist ein Skandal, dass Prominente nun selbst Fotos von sich in peinlichen Situationen veröffentlichen - das ist unser Job!“

Ausschaltung des Zwischenhändlers

“Ausschaltung des Zwischenhändlers“: John Cleese

"Ausschaltung des Zwischenhändlers": John Cleese

Die britische Klatschpresse, und nicht nur diese, hätte auch ohne den neuesten, nun die Prominentenwelt erfassenden Trend schon Sorgen genug. Nun kommen echte (und auch ein paar nicht ganz echte) Berühmtheiten aus Unterhaltung und Sport und drohen, wie es das frühere „Monty Python“-Mitglied John Cleese händereibend auf „Twitter“ formuliert, ihr die Luft herauszulassen. „Die Presse hatte lange Zeit ein faktisches Monopol. Es muss wehtun, das verschwinden zu sehen. Pfffffffft!!“, so Cleese in einer seiner eher sporadischen Mitteilungen. „Ich sehe es als Ausschaltung des Zwischenhändlers. Anstatt die Zeitungen jedes langweilige Detail berichten, tun es nun die Prominenten selbst. :)“

Was nicht untertrieben ist. Wie die Geburt des Kindes von Soulsängerin Erykah Badu verlaufen ist, wann Radrennfahrer Lance Armstrong seine Kinder zur Schule fährt und welches Stück danach im Autoradio läuft (die englischen Hardrocker Whitesnake), wo Tennisprofi Andy Murray gerade mit Bikram-Yoga den Tag abschließt, dass sich Rapper MC Hammer so gut fühlt, dass er tanzt, während er am Flughafen aufs Gepäck wartet, wie Ashton Kutcher und Demi Moore in ihrer „Adlon“-Suite die Szene nachspielen, als Michael Jackson sein Baby aus dem Fenster hielt, und wie Basketballstar Shaquille O'Neal - in avantgardistischer Orthographie - die Antrittsrede Obamas bewundert („Wow war das alles auswendig gelernt ich bin neidisch“), lässt sich alles auf Twitter in Echtzeit verfolgen. „Wie langweilig“, schrieb die „Mirror“-Konkurrentin „Daily Mail“ schon Anfang des Jahres in durchsichtiger Absicht und, angesichts des Niveaus der eigenen Celebrity-Berichte, gewohnt schamlos.

Seit Frys Fahrstuhlabenteuer hat sich die Zahl seiner Twitter-„Verfolger“ fast verdoppelt und erreicht damit Verbreitungszahlen, die klassischen Klatschmedien doch ganz langsam unheimlich werden könnten. Aber noch gibt es Wege der Revanche. Zur Twitter-Grundinformation gehört eigentlich die Mitteilung des Aufenthaltsorts. Als Fry vor kurzem auf einem der ersten Internetzugang bietenden US-Flüge „begeistert und fröhlich vor sich her twitterte“, musste er feststellen, dass auch ein paar alte Bekannte zu seinen Twitter-Anhängern gehören: Auf dem Flughafen von Los Angeles wartete schon ein Paparazzo auf ihn.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, dpa

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