Osteuropa-Geschäft

Holtzbrinck-Dämmerung in Prag

Von Karl-Peter Schwarz, Prag

Firmenzentrale der Verlagsgruppe Holtzbrinck in Stuttgart

Firmenzentrale der Verlagsgruppe Holtzbrinck in Stuttgart

22. Juli 2008 „Kein Kommentar. Warten Sie die Pressemeldung ab.“ Man wird knapp abgefertigt, wenn man sich in Düsseldorf bei der Verlagsgruppe Handelsblatt über den bevorstehenden Verkauf des tschechischen Verlages Economia erkundigen möchte. Es geht um viel Geld, angeblich um mehr als hundert Millionen Euro. Unter den Bewerbern sollen sich dem Vernehmen nach Zeitungsverlage aus Österreich und Finnland sowie eine Gruppe tschechischer Investoren befinden. Der Bieter, der das großzügigste Angebot unterbreitet haben soll, ist jedoch ein absoluter Außenseiter im Zeitungsgeschäft: der tschechische Buch- und Zeitschriftenverlag Mlada Fronta a.s. (MFa.s.), der rote Zahlen schreibt und seine Finanzquellen im Dunkeln lässt. In Prag besteht die Vermutung, dass die Handelsblatt-Gruppe drauf und dran ist, einen der wichtigsten Verlage der Tschechischen Republik obskuren russischen Investoren auszuliefern, die MFa.s. als Strohfirma benutzen.

Tschechen, die sich rasch, gründlich und sachlich informieren möchten, greifen am Morgen als Erstes nach dem Wirtschaftsblatt „Hospodárské Noviny“ (HN) oder klicken auf iHned, das hauseigene Nachrichtenportal. HN bietet nicht nur die mit Abstand beste und umfangreichste Wirtschaftsberichterstattung der Tschechischen Republik, sondern kommt auch in Politik, Kultur, Sport und Lifestyle so gut wie allen Ansprüchen entgegen, die Entscheidungsträger an eine moderne Tageszeitung stellen.

Neuer Schwerpunkt im Internet

„Hospodárské Noviny“ (zu Deutsch: Wirtschaftsnachrichten) erscheint fünfmal in der Woche und verzeichnete im Vorjahr eine verkaufte Auflage von knapp 60.000, iHned registriert monatlich mehr als eine halbe Million regelmäßiger Nutzer. Die Tageszeitung ist das Flaggschiff des Verlagshauses Economia, das zudem die nicht minder erfolgreiche Wochenzeitung „Ekonom“ und knapp zwei Dutzend Fachzeitschriften und Lifestyle-Beilagen herausgibt. 88 Prozent der Verlagsanteile hält die Düsseldorfer Verlagsgruppe Handelsblatt (VHB), die ihrerseits zur Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört.

VHB zählt zu jenen deutschen Unternehmen, die nach dem Fall der Mauer erfolgreich in Ostmittel- und Südosteuropa expandierten. Mittlerweile aber stößt man die ausländischen Anteile wieder ab. Zuerst wurden Beteiligungen in der Ukraine und in Bulgarien aufgelöst. Seit Anfang dieses Jahres steht die tschechische Economia zum Verkauf, die auch in der Slowakei eine erfolgreiche Wirtschaftszeitung betreibt und seit Jahren kräftige Gewinne einfährt. Die Handelsblatt-Gruppe will ihre Präsenz im Internet stärken, und ein guter Teil dieser Investitionen soll aus den rund hundert Millionen Euro bestritten werden, die sie sich vom Verkauf der Economia erhofft. Zudem muss Dieter von Holtzbrinck ausbezahlt werden, der vor zwei Jahren das Stuttgarter Familienunternehmen verließ.

Nicht der Verkauf, sondern ein Bieter ist das Problem

Im Prager Verlagshaus und in seinen Redaktionen bedauert man den Ausstieg der Deutschen sehr, hat aber Verständnis für ihre Gründe und stellt die Legitimität der Änderung ihrer Unternehmensstrategie nicht in Frage. Das Problem sei nicht der Verkauf, hört man dort, sondern einer der Mitbieter. Vieles deute darauf hin, dass nicht ein erfahrenes Verlagshaus oder ein seriöser Investor, sondern die anonymen Hintermänner des tschechischen Verlags MFa.s. den Zuschlag erhalten. MFa.s. tritt angeblich als Meistbieter auf und soll bereit sein, mehr als hundert Millionen Euro zu zahlen. Branchenkenner schätzen den von seriösen Investoren zu erzielenden Betrag um etwa zwanzig Millionen niedriger ein.

Mit der angesehenen Tageszeitung „Mlada Fronta Dnes“, die gemeinsam mit „Lidové Noviny“ im Besitz der Rheinisch-Bergischen Verlagsgruppe (Düsseldorf) ist, hat der Verlag Mlada Fronta a.s. nur den Namen und die Herkunft aus dem Fonds des früheren „Bundes sozialistischer Jugend“ gemein. Die Tageszeitung jedoch wurde gleich nach der Wende vom Management privatisiert und vom Fonds getrennt. Dieser wurde 2001 auf eine Weise liquidiert, die polizeiliche Ermittlungen nach sich zog. Wie die Prager Wochenzeitung „Týden“ berichtete, wurden die lukrativen Teile des Fonds einschließlich der Immobilien zu Preisen verkauft, die weit unter den Marktpreisen lagen; günstige Geschäfte machten eine bis dahin unbekannte Aktiengesellschaft sowie Unternehmer, die mit den Managern des Fonds kooperierten - „Untertunneln“ nennt man in der Tschechischen Republik diese weitverbreitete Praxis.

Entgegen der Gepflogenheiten

Den Managern von Mlada Fronta a.s. werden gute Kontakte zum tschechischen Staatsapparat wie zu einflussreichen Leuten in Russland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion nachgesagt. Die Schlüsselfigur ist der sechsunddreißig Jahre alte Frantisek Savov, Sohn eines gleichnamigen kommunistischen Funktionärs. Savovs Name wurde unter anderem in der Affäre um die Millionenverluste der Konsolidierungsagentur CKA genannt. Er erscheint zwar nicht in den Führungsgremien der MFa.s., aber er trifft die Entscheidungen und repräsentiert, wie „Týden“ schreibt, die Eigentümer.

Sämtliche Anteile an MFa.s. hält eine in Oregon registrierte Gesellschaft mit dem Namen „European Financial Services“, die ihren Sitz auf einer kleinen Insel in der Karibik hat. Dominica, nicht zu verwechseln mit der Dominikanischen Republik, ist nicht nur ein Offshore-Paradies, sondern auch dafür bekannt, dass es Staatsbürgerschaften verkauft. Man legt 100.000 Dollar auf den Tisch, und schon hat das rund 70.000 Einwohner zählende „Commonwealth of Dominica“ einen Mitbürger mehr. Die Vermutung liegt nahe, dass „European Financial Services“ Investoren aus dem Bereich der ehemaligen Sowjetunion vertritt, die lieber im Schatten der Anonymität verharren, als ihre Interessen offenzulegen. Bei den Verhandlungen mit den Düsseldorfern ließ sich die Gesellschaft durch die Unicredit vertreten. Die Vertreter des MF-Verlages waren entgegen den Gepflogenheiten bei den Verhandlungen nicht einmal anwesend.

Zwei Versionen für die Gründe Holtzbrincks

In Prag hört man zwei unterschiedliche Interpretationen darüber, warum sich die Handelsblatt-Gruppe mit dermaßen zwielichtigen Leuten einlässt. Die freundliche Version vertritt der Economia-Geschäftsführer Michal Klima, ein Sohn des Schriftstellers Ivan Klima. Er meint, dass Mlada Fronta a.s. nur deshalb im Bieterkreis gehalten werde, weil man so den Preis möglichst hoch halten könne. Klima ist überzeugt davon, dass die Mlada Fronta a.s., die sich als einziges tschechisches Verlagshaus der Auflagenkontrolle entzieht und die Angabe von Zahlen verweigert, absolut nicht in der Lage sei, den Kauf von Economia aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Allein mit ihrem Informationsblatt „E15“, das praktisch anzeigenfrei erscheint, soll der Verlag im Vorjahr Verluste in Höhe von hundert Millionen Kronen (4,33 Millionen Euro) erlitten haben. Häufiger hört man in Prag die weniger freundliche Version. Ihr zufolge sei Stefan von Holtzbrinck einfach darauf aus, den höchsten Erlös zu erzielen, um seine Internetprojekte verfolgen zu können. Woher das Geld stamme, sei für ihn von eher untergeordneter Bedeutung.

Die Stimmung der Redaktion sei miserabel, sagt HN-Chefredakteur Petr Simunek. Mehrere Journalisten hätten ihm bereits angekündigt, das Blatt sofort verlassen zu wollen, sollte es von MFa.s. übernommen werden. Er habe, sagte Simunek, seit je die Ansicht vertreten, dass ausländische Verlagshäuser in einem Land wie der Tschechischen Republik die Unabhängigkeit der Medien nicht bedrohten, sondern diese ganz im Gegenteil am besten garantierten. Diese Erfahrung habe er bereits bei der Tageszeitung „Mlada Fronta Dnes“ gemacht und dann noch einmal bei HN. Die Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Eigentümer aus Ländern mit einer offenen Gesellschaft und einer freien Presse stammten. Dies aber sei bei Savovs Hintermännern nicht der Fall. Gerade erst hätten die Diskussionen über die Sicherung der Energieversorgung und die Errichtung der Radarstation des amerikanischen Raketenabwehrschildes in der Tschechischen Republik gezeigt, wie wichtig der Kampf um die öffentliche Meinung aus sicherheitspolitischer Sicht sei.

Eine „Ukrainisierung“ der Presselandschaft

Die Journalisten von HN sorgen sich nicht nur um die Zukunft ihrer Zeitung. Sie befürchten, dass viel mehr auf dem Spiel steht. Droht nun auch der Tschechischen Republik eine „Ukrainisierung“ der Presselandschaft? Man kann zumindest vermuten, dass das russische Interesse, eine der fünf meinungsbildenden Qualitätszeitungen des Landes steuern und strategisch nutzen zu können, erheblich ist. Erstaunlich ist, dass die Politiker und die Medien des Landes dieses Thema nicht aufgreifen. In Polen hätte sich wohl sofort eine heftige Debatte entzündet, es hätte parlamentarische Anfragen gegeben, und die Regierung hätte sich geäußert. In der Tschechischen Republik, in der sonst durchaus kontrovers über die russischen Hegemonialambitionen diskutiert wird, herrscht hingegen lähmendes Schweigen, wie schon so oft, wenn es wirklich ernst wurde. Viel Zeit ist nicht mehr. In Düsseldorf soll die Entscheidung über den Verkauf am 1. August fallen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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