Merkel bei Beckmann

Bloß keine Extreme!

Von Jürgen Kaube

Angela Merkel bei “Beckmann“

Angela Merkel bei "Beckmann"

12. Dezember 2006 Wovon träumt die Bundeskanzlerin? Dumme Frage, sie träumt von dem, wovon alle träumen, die in Amt und Würden und überlastet sind. Von freier Zeit, von Muße, wie man früher gesagt hätte. Außerdem würde sie sagen, daß sie nicht davon träumt. Träumen wäre ihr ein viel zu überspannter Ausdruck. Wünschen - schon besser.

Viel zu selten, sagt die Bundeskanzlerin, kommt sie, das sind ihre Beispiele, zum Einkaufen, zum Kochen und dazu, „einen Blumenstrauß zu kaufen“. Über Weihnachten wird sie lesen, ein Sachbuch könne auch interessant sein, Bewegung suchen, ausschlafen. Es sind, vom Lesen einmal abgesehen, geradezu volkstümliche Wünsche, die Angela Merkel dem Herrn Beckmann in seiner Talkshow mitgeteilt hat.

Wagner und Mozart

Angela Merkel macht falsch, was wir alle falsch machen

Angela Merkel macht falsch, was wir alle falsch machen

Es ist überhaupt alles von Sehnsucht nach volkstümlichen Einstellungen und volkstümlichen Verhaltenssicherheiten getragen, was Angela Merkel an Wünschen äußert. Selber zu singen, das fehle ihr. In der Oper, da könne man „mal abschalten“. Vor allem aber: „Ab und zu mal nachzudenken“, das hält die Kanzlerin für erforderlich und an Weihnachten denkbar.

Es wäre wohlfeil, darüber zu spotten. Denn selbstverständlich ist alles andere als selbstverständlich für eine Bundeskanzlerin, ab und zu mal nachdenken zu können. Sie hat schließlich Termine. Sie muß schließlich das Meiste von dem, was ihr allenfalls über dem Nachdenken zufallen könnte, in sich verschließen, schon damit es keine diplomatischen Verwicklungen gibt. Nicht einmal die Mitteilung, Wagner zu mögen, ist ihr, der Dauerbeobachteten und sich dauerbeobachtet Fühlenden, gegenüber Herrn Beckmann möglich ohne den ausgleichenden Zusatz, Mozart möge sie aber auch. Bloß keine Extreme!

Etwas Treuherziges

Dabei kann es ja durchaus sein, daß sie selber gar keinen extremen Geschmack hat, das glauben wir sofort. Aber eigentlich, denkt man, würde sie gerne zugeben, irgend etwas bedingungslos zu mögen, selbst wenn es niemand sonst verstünde. Doch sie würde es, träfe dieses extreme Mögen denn zu, nicht zugeben können und noch viel weniger wollen. Ständig sagt Angela Merkel so etwas wie: „Ja, schon, aber natürlich auch, und außerdem auch noch etwas anderes und so dramatisch ist das alles, wenn man davon absieht, daß es dramatisch ist, überhaupt nicht“.

Es liegt insofern etwas Treuherziges in dem, was die Bundeskanzlerin zu Protokoll gibt. Es ist eine Treuherzigkeit, die jedes Wort, das ihr entschlüpft, sogleich mit Anführungszeichen versieht. Rauchverbot, Irak-Krieg, russische Geheimdienste, Konjunktur - es gibt nichts, worüber Angela Merkel ein Wort verlieren könnte, das nicht in Anführungszeichen stünde. Weil sie ja daran nichts machen kann, weil es ja Ländersache, oder Sache der Globalisierung, der Russen oder der Amerikaner ist, und außerdem noch des Koalitionspartners und des Gaststättengesetzes.

Es kann alles mißverstanden werden

Nicht einmal die Frage, ob sie mittels Mobilfunk-SMS regiert, beantwortet sie geradeheraus. Es könnte ja ohne Anführungszeichen mißverstanden werden. Da hat sie Recht. Es kann alles mißverstanden werden. Und die ebenso absichtsvollen wie berufsmäßigen Mißversteher halten sich dazu jederzeit bereit. Aber wenn das so ist, läßt sich das Mißverstehen wirklich vermeiden, indem man, mit Anführungszeichen bewaffnet, in Talkshows auftritt? Indem man nichts sagt und das eine Stunde lang? Die gute Frau von um die Ecke gibt, die man auch ist oder jedenfalls gern wäre? Die Vielbeschäftigte, die lieber gerne mehr sänge, mehr läse, mehr einkaufte, mehr wanderte, aber eben dazu so wenig kommt, wie zu faßbaren Ansichten, weil eben alles, alles in Anführungszeichen steht? Wird es dadurch wirklich besser?

Nein, wird es nicht. Wirklich besser würde es allenfalls, wenn die Kanzlerin einen Augenblick lang tatsächlich nachdächte, um festzustellen, daß Auftritte bei Herrn Beckmann nicht die Lösung, sondern Teil des Problems sind, weil die Zeit, die man mit unbestimmtem Herumreden verbringt, fürs Lesen und Nachdenken oder Kochen oder einfach nur fürs Ausruhen, Ausschlafen und Ausspannen nicht mehr zur Verfügung steht.

Was macht die Bundeskanzlerin falsch? Dumme Frage, sie macht falsch, was wir alle falsch machen. Sie verbringt zu viel Zeit mit Dingen, von denen sie selber weiß, daß sie unsinnig sind. Sie geht in die Talkshow, wir schauen sie an. Und darum heißt es auch „repräsentative Demokratie“.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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