FAZ.NET-Fernsehkritik

Ein Kaugummi für Jens Lehmann

Von Michael Hanfeld

Alleskönner: Günther Jauch

Alleskönner: Günther Jauch

11. Dezember 2006 Normalerweise kommt der Dank zum Schluß. Zum Schluß des Auftritts oder zum Schluß der Sendung. Man bedankt sich, daß alle gekommen oder bis zum Schluß wachgeblieben sind. Also verneigte sich auch Günther Jauch zum Schluß seiner Jahresrückblicksendung „Menschen 2006“ vor der wiedervereinigten Popgruppe „Take That“, weil die ganz am Ende, nach drei Stunden und fünfzehn Minuten, nach geschätzten sechs oder sieben Werbepausen und dreimal so vielen Gästen, brav ihre Playbacknummer abgezogen hatten. Der Titel hieß passenderweise „Patience“.

Wir aber wollen uns einzig und allein bei Hape Kerkeling bedanken. Weil er an diesem langen Abend der einzige Lichtblick war; weil er ein Buch geschrieben hat, das sich 800.000 mal verkauft hat und sich augenscheinlich trotzdem nichts darauf einbildet und - last but not least -, weil er durch den Erfolg von „Ich bin dann mal weg“, seiner sehr lesbaren Beschreibung des Jakobswegs, wie er ihn ging, verhindert hat, daß Gerhard Schröder bei Jauchs Jahresrückblick auftauchte.

Danke, Hape Kerkeling!

Schröder schaffte es mit seinen Frühmemoiren nämlich gerade mal für eine Woche nach ganz vorn auf die Bestsellerlisten, Hape Kerkeling aber stand und steht mit seinem Buch Woche um Woche um Woche da, noch viel länger, als er zu Fuß von Frankreich bis nach Santiago de Compostela unterwegs war. Und so kam Schröder für Jauch nicht in Frage: Der Weg ist das Ziel und wenn man dabei die Selbstbespiegelung eines Altkanzlers auch noch aus dem Weg räumt, um so besser. Danke, Hape Kerkeling!

Und natürlich geht ein Dank auch an Horst Schlämmer, Kerkelings wunderbare Lokalreporterkunstfigur. Schlämmer sorgte für die ersten und die letzten Pointen des Abends, wer nach fünf Minuten abschaltete, verpaßte danach wenig. Er war Jauchs zweiter Gast, der erste war einer jener wenigen Glücklichen, die in Jauchs Millionärsshow tatsächlich eine Million gewonnen haben. Und da Schlämmer in der „Wer wird Millionär“-Promi-Ausgabe eine halbe Million für den guten Zweck eingespielt hat, traten hier zwei Herren auf, die RTL zusammen anderthalb Millionen Euro gekostet haben. Kann es irgend etwas Wichtigeres geben aus dem Jahr 2006, bei einer Show, die bei RTL läuft, als das Werk dieser beiden? Das ganze Leben ist ein Quiz und wir sind nur die Kandidaten und wenn wir alles richtig geraten haben, sind wir sogar noch länger als fünfzehn Minuten berühmt, wie einst Andy Warhol sagte. Am Ende kommen wir sogar in Jauchs Jahresendshow.

Sie kennen Guy Goma nicht?

Wobei man es auch machen kann wie Guy Goma. Sie kennen Guy Goma nicht? Das war jener nette Herr, der sich bei der BBC um eine Stelle in der Buchhaltung bewerben wollte, aber statt dessen als vermeintlicher Internetexperte im Fernsehstudio landete, wo er sich zu illegalen Musikdownloads äußern sollte. Er hatte natürlich von Tuten und Blasen keine Ahnung, machte aber ein verschmitztes Gesicht und half durch seine netten Worte der Moderatorin, ihr Gesicht zu wahren. Den Job in der Buchhaltung bekam er leider nicht. Weil sie bei der BBC der Ansicht waren, daß er den jetzt ja gar nicht mehr übernehmen könne, da er von einem Fernsehauftritt zum nächsten reise, um seine Geschichte zu erzählen. Sagte er und erzählte seine Geschichte bei Jauch. Ob sie jetzt vielleicht einen Job für Guy Goma in Köln haben? Wahrscheinlich nicht, bei RTL werden ja gerade Stellen abgebaut.

Wenn wir jetzt noch die Geschichte von Jens Lehmann und dem Kaugummi erzählen, haben wir die große Jauchshow auf ihre Höhepunkte reduziert, von drei Stunden fünfzehn Minuten auf drei Minuten fünfzehn Sekunden. Den Nationaltorhüter Jens Lehmann nämlich verlangte es während des WM-Halbfinales nach einem neuen Kaugummi. Den braucht er, wie er videozugeschaltet sagte, um sich in die Handschuhe zu spucken, an denen der Ball dann besser kleben bleibt. Daß das funktioniert, wird nach dem Viertelfinale gegen Argentinien mit den zwei gehaltenen Elfmetern wohl niemand bezweifeln.

Die Jugend ist käuflich

Also bat Lehmann den zwölfjährigen Balljungen Kevin Heese, ihm beim Trainer einen neuen Kaugummi zu besorgen. Der Junge tat, wie ihm geheißen, trabte tapfer um den halben Platz und fragte den Teamchef nach einem Kaugummi für Jens Lehmann. Das Kaugummipapier hat sich der Junge gerahmt, wollte es aber für 150 Euro glatt an Jauch verkaufen, als der danach fragte und dann doch nichts wollte, als den Jungen zu prüfen: „Die Jugend ist käuflich.“ In ein paar Jahren wird das Kaugummipapier bestimmt mehr als 150 Euro bringen.

Das waren die Highlights, der Rest war business as usual. Die Weltrekordschwimmerin Britta Steffen durfte beim Interview auf einem Startblock sitzen, Miroslav Klose, Lukas Podolski und Phillip Lahm nahmen auf einer Holzbank Platz und schossen statt auf eine Torwand auf einen überdimensionierten Lichtschalter (weil Klose das zu Hause mit seinen Jungs im Wohnzimmer auch übt), Tim Mälzer kam mit einem getunten Pickup aus dem Jahr 1948, den er spontan für einen guten Zweck zu Versteigerung stellte, die Comedians Michael „Bully“ Herbig und Christoph Maria Herbst gingen mit Jauch in die Knie, um drei Scherzartikel-Gummihände anzufeuern, die über die Bühne krabbelten (es ging um den Kinder-Gruselfilm „Hui Buh“), Jauch setzte sich kurz mal eine Mehlsackmaske auf, beim Auftritt von „Tokio Hotel“ nahm das Gekreische kein Ende, die „Prinzen“ sangen ein Potpourri, „Texas Lightning“ ihren einzigen Hit und Xavier Naidoo seine WM-Hymne, umrahmt von einem Deutschlandfähnchenheer im Publikum.

Die Mutter von Natascha Kampusch kam, obwohl sie sich tags zuvor die Schulter gebrochen hatte, Ermyas M., der von zwei Rassisten ins Koma geprügelt worden war, die Ehefrau eines der beiden israelischen Soldaten, deren Entführung den jüngsten Krieg im Libanon nach sich zog, und der Hochseilartist Johann Traber junior, der nach einem Sturz sich langsam seinen Weg zurück ins Leben erkämpft.

Denkbar läppisch

Ihr aller Erscheinen moderierte Jauch in der ihm eigenen unspektakulären Art weg, nicht ohne ein ums andere Mal schön penetrant zu erwähnen, daß sie bei niemanden anderem als ihm vor die Kamera wollten. Sogar der Auftritt des Künstlers Pablo Wendel, der sich stilecht verkleidet in China in die Terrakotta-Armee eingeschlichen hatte, geriet denkbar läppisch. Der junge Mann stand da, im Kostüm unter Pappkameraden und sagte kein Wort. Jauchs Anspielung auf den Prinzen von Homburg dürften die wenigsten verstanden haben. Er meinte den denkwürdigen Auftritt des deutschen Boxers, der vor Jahrzehnten einmal ins Fernsehstudio kam, nur um den Reporter nach einem verlorenen Kampf ostentativ anzuschweigen. Da war die Sekt-Werbung, die vor und neben den eigentlichen Werbepausen überblendet wurde, wenn die Kamera ins Publikum schwenkte, spektakulärer. Man könnte meinen, das Fernsehen habe sich diese Werbeform vom Internet abgeschaut.

Das alles war - inklusive der Alibi-Bilderstrecken mittendrin, vom Transpapid-Unglück bis zum Papst-Besuch - nichts anderes als eine überdimensionierte Ausgabe von „Stern TV“. Immerhin weniger peinlich und professioneller und mit mehr Aufwand inszeniert als Kerners Jahresrückblick im ZDF (Siehe auch: Fernsehkritik: „Menschen 2006“ im ZDF), aber trotzdem nichts als eine Pflichtübung. Wird das im nächsten Jahr wohl genauso aussehen, wenn Günther Jauch - so die Intendanten wollen -, den Rückblick 2007 in der ARD moderiert?

Er kann ja einfach alles

Die ARD ist ja fest entschlossen, Jauch in großem Stil abzuwerben. Er soll nicht nur Christiansens Talkshow übernehmen, sondern auch noch ein zweites journalistisches Format. Und da ihm die ARD die Weberauftritte abhandeln will, werden vielleicht noch eine ganze Reihe anderer Auftrittsmöglichkeiten hinzukommen, man muß ihn schließlich kompensieren und er kann ja einfach alles: Politik, Sport und Unterhaltung. Die Kollegen Beckmann und Pilawa werden sich warm anziehen müssen. Und RTL auch. Jauch ist das Maß der Dinge. Er allein wäre fürs Erste, was Kerner und Gottschalk fürs ZDF darstellen, und ohne ihn ist das Programm von RTL nicht mal die Hälfte wert. Er hat das Beste der beiden Welten des dualen Systems. Warum das so ist, das verrät einem eine Sendung wie „Menschen 2006“ allerdings auch nicht.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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Lichtblick des Abends: Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling neben Quiz-Millionär Stefan LangDer Hochseilartist Johannes Traber sen. berichtete über den schweren Unfall seines Sohns Johann Traber jun.Die Comedians Michael „Bully” Herbig und Christoph Maria Herbst gingen mit Jauch in die Knie, um Scherzartikel-Gummihände anzufeuern Bester Dinge: Die Fußball-Nationalspieler Klose, Lahm und Podolski (v.l.) neben Fußball-Freund JauchGünther Jauch neben dem Künstler Pablo Wendel, der sich stilecht verkleidet in China in die Terrakotta-Armee eingeschlichen hatteJauch hatte am Sonntag abend Karnit Goldwasser zu Gast, die Ehefrau des von der Hizbullah entführten israelischen Soldaten Ehnud Goldwasser