02. März 2007 Es kommt selten vor, dass eine Pause das Highlight einer Sendung ist. Doch Pro Sieben hat es in Germany's Next Topmodel geschafft. Nur die Halbzeit des Fußballspiels Borussia Dortmund gegen VfB Stuttgart bot die Spannung, die Germany's Next Topmodel im Studio gebraucht hätte. Pro Sieben ist kein Fußballsender und die Bälle waren nicht auf dem Rasen, sondern auf den Busen und Hintern von 25 frierenden hübschen Frauen. Heidi Klums Redakteure hatten einen einzigen guten Einfall.
25 Models hatten sich im ersten Test auf dem Laufsteg unter 100 Bewerberinnen durchgesetzt und mussten nun eine weitere Prüfung bestehen. Die Mittellinie des Dortmunder Westfalenstadions wurde zum Laufsteg, auf dem sich die im frauengerechten Borussia-Dress gekleideten Heidi-Schülerinnen dem Fußball-Publikum stellen mussten. Wie verirrte Stürmer wackelten die Mädchen einmal die Linie hoch und wieder runter. Danach taten sie das, was betrunkene Männer meist erfolglos von Frauen fordern: Sie zogen sich aus - bis auf die Unterwäsche. Das Motiv von knappem Höschen und BH bestand aus schwarz-weißen Fußbällen, das irgendwie an ein billiges Karnevals-Outfit erinnerte. 70.000 Fans wussten nicht wie ihnen geschah. Interessant wäre die Reaktion des Publikums gewesen, interviewt wurden leider die Models und kein einziger Stadionbesucher.
Wer hat diese Jury ausgesucht?
Die Zuschauer zu Hause vorm Fernseher hätten sich auch lieber ein Bundesligaspiel und zwischendrin die attraktiven Frauen angeschaut als zweieinhalb Stunden weichgespülte Pseudo-Casting-Show. Das Bild in der ersten und zweiten Studio-Halbzeit war immer das Gleiche. Die Jury, bestehend aus Bruce, Peyman, Boris und Heidi, begutachtete junge Frauen, die im bekannten Fuß-vor-Fuß-Schritt auf die fantastischen Vier zuliefen. Mal glamourös, mal im Bikini, mal einfach so. Die jungen Damen versuchte man zu individualisieren mit Sätzen wie Was bist du für ein Mensch? (Bruce), Erzähl uns was von dir! (Heidi) oder Ich will das beste aus den Menschen herauszuholen. (Boris). Die Gegenfrage hat sich natürlich niemand getraut zu stellen, aber sie hätte lauten müssen: Wer hat diese Jury ausgesucht?.
In Deutschland dominiert momentan unter den Casting-Shows im Fernsehen Deutschland sucht den Superstar (DSDS). Und die lebt von Dieter Bohlen, einem netten Onkel aus Köln und einer permanent gut gelaunten Kandidatenversteherin. Ohne Bohlen wäre DSDS nicht so erfolgreich. Die Teilnehmer zittern vor ihm, er beleidigt sie oder lobt sie mit holprigen Worten. Auch wenn Bohlen häufig den falschen Ton trifft: Germany's Next Model fehlt ein Dieter, der Leben in die Show bringt. Model-Agent Peyman bemüht sich, ist aber wohl nicht fies genug. Ist alles echt an dir?, fragt er eine Kandidatin und deutet auf ihren Busen. Sie sagt Ja und Peyman legt die Waffen nieder. Bei der Angabe der Körpergröße glaubt man den anderen Mädchen allerdings nicht immer so schnell. Eine Messlatte wird herausgeholt. Und in der Tat: Einige haben geschummelt. Doch anstatt mehr harte Kriterien festzulegen, wird weiter weich gespült.
Ja, aber nur ein, zwei Kilo
Scheinbar haben die Macher der Sendung Angst davor, dass abermals eine Diskussion über die nötigen Maße von Models losbricht. Bei der letzten Show sorgte das Urteil, ein Mädchen zu dick, für Die-hat-doch-eine-super-Figur-Artikel in der Boulevard-Presse. Dieses Mal war man vorsichtiger, etwa bei der Körpergröße: 1,72 geht gerade so. Um die Magermodel-Debatte erst gar nicht aufkommen zu lassen, weist man die achtzehnjährige Isabel daraufhin, dass sie dünner als auf den Bewerbungsfotos wirke. Hast du abgenommen?, Ja, aber nur ein, zwei Kilo. In mütterlicher Weise warnt Bruce das Model, dass man im Business Kraft und Ausdauer bräuchte. Das könne bei ihr ein Problem sein. Wird es nicht, denn Isabel ist ausgeschieden.
Überhaupt ist Pro Sieben darauf bedacht, etwas Emotionalität außerhalb des Tränenreichs der Ausgeschiedenen in die Sendung zu bringen. Julina hat ihren Vater eineinhalb Jahre nicht gesehen. Heidi gibt den Pflaume, indem sie den Vater rechtzeitig zur Show einfliegen lässt. Während der Vorstellung von Aneta kommt heraus, dass ihr Bruder vor zwei Jahren gestorben ist. Er hatte ihr damals gesagt, sie sei auf dem besten Weg zum Model. Allgemeine Betroffenheit in der Jury. Auch Pro Sieben ist wie Sat1 powered by emotion. Überall im Privatfernsehen werden solche Momente mit Berechnung eingesetzt. Hier wirkten sie besonders bemüht.
'Einmal drehen bitte'
Germany's Next Model hat ein Problem, das alle Model-Casting-Shows haben. Außer Laufen und Plaudern passiert nicht viel. Das kann man ein bisschen besser oder schlechter machen, aber keiner blamiert sich. Die Mädels sehen alle gut aus, sie können sich problemlos im Bikini präsentieren. Wie soll die Jury nachvollziehbare Kriterien finden, um die schlanken Mädchen durch das Sieb fallen zu lassen? Ob Persönlichkeit, Ausstrahlung oder Figur, die Auswahl scheint beliebig. Die Prüfung auch: 'Einmal drehen bitte', 'Halt mal die Haare hoch' und 'Sei spontan' sind zu harmlose Anforderungen, um als streitbares Kriterium zu dienen, damit zu Hause auf dem Sofa ein Streit über die Qualitäten der Models ausbrechen könnte.
Und dann ist da noch Heidi Klum: Ihre Stimme ist unerträglich, ihr Verhalten erinnert eher an das ehemalige Gladbacher Mädchen als an ein internationales Supermodel. Sie stolpert verbal ähnlich hilflos durch die ihre Fernsehauftritte wie die in den letzten Monaten gern gebuchte Eva Padberg. Man weiß nicht so recht, ob sie sich selbst in die nächsten Runde gewählt hätte, denn sie sucht Menschen mit dem gewissen Etwas. Über die Gewinnerin der ersten Staffel, Lena Gercke, sagt Heidi: Sie sieht nicht nur perfekt aus, sondern sie ist auch noch supernett. Wie du Heidi! Ist Kate Moss etwa supernett? Nein, sicherlich nicht. Aber sie ist immer noch das Topmodel der Stunde. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Skandale.
Kein Mut in der Regie
Was ebenfalls auffällt, ist die Unentschlossenheit des Regisseurs. Wenn gegen Ende die auserwählten 15 auf Heidi zuschreiten, um ihr Ticket für die nächste Runde abzuholen, wird verständlicherweise mit Zeitlupe gearbeitet. Die Kamera hält zunächst auf die Gesichter der Models, ihre Emotionen werden durch ausdrucksstarke Musik unterstützt. Eine beliebte Methode für das Finish von Casting-Shows, selbst im Sport setzt die Regie das gerne ein. Doch auch hier trauen sich die Verantwortlichen nicht, sich wirklich Zeit zu lassen. Sie schneiden zu schnell wieder auf die normale Geschwindigkeit um. Die Wirkung verpufft. Ein anderes Beispiel: Als Heidi ein Model zurecht für ihre elvisartige Lippenbewegung kritisiert, ertönt im Hintergrund ein Song des King of Rock'n'Roll. Warum nicht mehr davon?
Eigentlich dürften sich die 70.000 Fans im Dortmunder Westfalenstadion genauso wenig beschweren, wie die Millionen Fernsehzuschauer. Pro Sieben präsentiert zur besten Sendezeit hübsche Frauen im Bikini oder Unterwäsche. Keine wird ausfällig, alle sind wahrscheinlich supernett. Vielleicht hat Bruce aus der Jury die Belanglosigkeit der Sendung gespürt, ihre große Schwäche entdeckt, wenn er versucht, den Models einzureden: I think you are so hot, Sexy, sexy, sexy oder I want you sexy. Schöne Frauen können nun einmal auch verdammt langweilig sein. Und diese Sendung war noch nicht einmal schön.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa