Von Michael Hanfeld
18. März 2008 Eines muss man Kurt Beck lassen: Ihn bringt scheinbar nichts aus dem Gleichgewicht. Nicht die Katastrophen-Kaskade, die er sich und seiner Partei mit dem Strategiewechsel hin zur Linkspartei im Westen beschert hat, nicht der Wortbruch und das Hin- und Herwinden in Hessen und auch nicht die Glaubwürdigkeitserosion im Bund. Nicht das Absinken seines persönlichen Ansehens Richtung Null-Linie und auch nicht das Fehlen jedweder Perspektive, wie die SPD den Nimbus als Volkspartei wahren will, da sie doch allein numerisch Schwierigkeiten hat, die Linke auf Distanz zu halten. Alles kein Problem, denn hier kommt Kurt und schwimmt sich frei.
Es ist alles nur ein notwendiger Erklärungsprozess, der anstand. Sagt der SPD-Vorsitzende, erklärt ansonsten gar nichts und fühlt sich offenbar gut dabei - nicht ein Buddhist, wie Reinhold Beckmann am Montag im Ersten mutmaßte, sondern ein fröhlicher Autist im Weinberg.
War da was?
Man kann nicht sagen, dass Beckmann es nicht probiert hätte. Bei ihm finden seit einer ganzen Weile die ernsthaftesten Gespräche über Politik im Ersten statt. Und so versuchte er nach allen Regeln der Kunst, aus Beck herauszulocken, warum es um dessen Partei so schlecht steht, worin Sinn und Zweck des gewandelten Umgangs der SPD mit der Linken zu finden sind. Mit Kurt Beck ist alles nichts, vor allem ist nichts ein Problem, nach dem Motto: War da was?
Ein Linksruck jedenfalls war nicht. Die SPD ist und bleibt die Partei der Mitte. Ein kleiner Fehler, den der alte Fahrensmann Beck gemacht hat, ja, den gab es, als er in kleiner Runde vor der Hamburg-Wahl verriet, dass man sich von der Linkspartei künftig nicht mehr so fern halten könnte, wie Andrea Ypsilanti es ihren Wählern mantra-artig versprochen hatte. Worauf Beckmann dann doch noch einmal den Unterschied herausarbeitete zwischen einem verfehlten Wahlziel - nämlich an die Regierung zu kommen - und einem gebrochenen Wahlversprechen - nämlich niemals nicht und auf gar keinen Fall unter überhaupt keinen Umständen sich von den Linken nicht einmal auch nur tolerieren zu lassen wollen würde. Aber was sagt Kurt Beck? Politik ist manchmal ein schwieriges Geschäft, erst recht, wenn man mit zuenem Hals krank daniederliegt und sich erst zurückmelden kann, wenn schon alles von allen gesagt ist.
Jetzt will Kurt Beck, wie er sagt, zum Thema Linkspartei die Bringschuld als Parteichef gerne einlösen, denn das hat etwas mit Pflicht zu tun, die mit einer gewissen Ehre verbunden ist, dass einem das zugetraut wird. Alles klar?
Ich stehe, ich bleibe!
Bei so viel trautem Zutrauen hatte man nach einer halben Stunde fast vergessen, ob es irgendwelche inhaltlichen Gründe - oder gar Hindernisse? - dafür gibt, dass die SPD nun mit der Linkspartei paktiert, beziehungsweise nicht paktiert, oder vielleicht nur ein bisschen und das auch nur in den Ländern und niemals im Bund, weil sich da ja die Verantwortungslosigkeit der Linken auf so unendlich vielen Politikfeldern besonders zeige, was sich sogar, wie Kurt Beck meinte, auf traumwandlerische Mehrausgaben von 150 Milliarden Euro hochrechnen lasse. Und deswegen gebe es keine Kooperation mit der Ex-PDS im Bund weit über 2009 hinaus. So hat es der SPD-Vorsitzende zumindest bei Beckmann versprochen. Auf dieses Versprechen vom 17. März 2008 (aufgezeichnet am 16.) werden wir zu gegebener Zeit noch zurückkommen.
Und wer wird Kanzlerkandidat der nicht und niemals mit der Linken gemeinsame Sache machenden SPD? Ich weiß, sagt Kurt Beck, was ich will und was ich vorschlagen werde. Das werde ich der staunenden Öffentlichkeit im Herbst sagen oder im frühen Frühjahr des kommenden Jahres. Für ihn persönlich gelte: Ich stehe, ich bleibe! Er kann nicht anders, dürfen wir an dieser Stelle mit Luther sagen. Da müssen noch ganz andere kommen, um ihn fallen zu sehen. Und warum auch nicht, weiß Beck doch den Löwenanteil der Partei hinter sich. Amen.
Auf in den Weinberg!
Wie schwierig es ist, die Vorstellung eines solch stoischen Staatsschauspielers aufzubrechen, der nach einer halben Stunden auch den alertesten Frager ausgesessen und die Zuschauer mit nichtssagenden Freundlichkeiten eingeschläfert hat, zeigte sich nicht nur in der anschließenden Runde, in der Ulrich Wickert und die Schriftstellerin Thea Dorn dem Moderator Beckmann gewissermaßen assistierten, um zumindest den Unterschied zwischen situativer Machtpolitik und inhaltlicher Standfestigkeit hervorzukehren. Es zeigte sich auch ganz zum Schluss von Beckmanns Sendung, als dieser die Beck-Parodie des Kabarettisten Mathias Richling einblendete. Die war so schön absurd, wie es sein soll, spielte Richling doch einen SPD-Vorsitzenden, dem für seine Nachfolge nur Leute von der CDU einfallen. Doch Kurt Beck fand sich nicht so gut getroffen. Weil - Richling doch eher einen Mannheimer Singsang drauf habe und nicht das Pfälzische.
Woran soll es uns da noch mangeln? Mit Kurt Beck in Land und Bund und überhaupt. Auf in den Weinberg, den Riesling ernten.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
