China

Schlafen Sie mit dem Produzenten!

Von Mark Siemons, Peking

Internet-Berühmtheit: Zhang Yu

Internet-Berühmtheit: Zhang Yu

31. Januar 2007 Zhang Yu dürfte gegenwärtig eine der berühmtesten Schauspielerinnen Chinas sein. Allerdings kennen sie die meisten nicht von den Filmen und Fernsehserien her, in denen sie mitspielte, sondern durch sechs Reality-Videos, die sie ins Internet gestellt hat und die in der kurzen Zeit, bis sie gesperrt wurden, von Millionen interessierter Nutzer angeschaut wurden. Die Videos zeigten sie beim Sex mit verschiedenen bekannten Regisseuren, Produzenten und Schauspielern. Gleichzeitig veröffentlichte sie einen „Offenen Brief an das chinesische Volk“, in dem sie die „dunklen Seiten der Unterhaltungsindustrie“ mit unüberbietbarer Konkretion entlarvte: Keine Schauspielerin könne in China eine Rolle bekommen, wenn sie nicht bereit sei, mit den entscheidenden Männern der Branche zu schlafen. Den Beweis hatte sie schon kurz zuvor geliefert, als sie in einem Pekinger Feuertopfrestaurant Journalisten nicht weniger als zwanzig Videobänder gleichen Inhalts mit vollständigen Namen- und Zeitangaben zur Verfügung stellte.

Die lückenlose Dokumentation verdankt sich dem Umstand, daß Zhang Yu von Anfang an den Männern nicht traute, die ihr eine Karriere versprachen. So installierte sie eine Kamera im Schlafzimmer, um mit den aufgezeichneten Szenen hinterher ein Druckmittel in der Hand zu haben. Genutzt hat ihr das allerdings nichts. Mehrmals hielten sich die Regisseure tatsächlich nicht an den ausgemachten Handel „Rolle gegen Sex“ und lachten nur über den Videobeweis. „Sie waren überhaupt nicht ängstlich“, sagte die Schauspielerin in einem Interview. Einige, die die Kamera entdeckten, sagten bloß: „Zhang Yu, du wirst keine Zukunft haben, wenn du das machst.“

„Ich bin offen schamlos“

Wahrscheinlich war es diese von der männlichen Machtposition gestützte Kaltschnäuzigkeit, die das Fass bei der jetzt dreißig Jahre alten Schauspielerin zum Überlaufen brachte. „Ich bin offen schamlos, um ihre heimliche Schamlosigkeit zu bekämpfen“, sagt sie, und: „Ich tue es für die Nachwelt.“ Tatsächlich haben die Videos ihr nicht viel Sympathie eingebracht. Das Internetpublikum nahm die Enthüllungen zwar begierig auf, nannte sie nachträglich aber entweder Lüge oder etwas, was man sich ohnehin habe denken können. Li Xiaolin vom Verband chinesischer Filmemacher ging sogar so weit zu sagen, dass nicht bloß die Filmindustrie, sondern jede Industrie von der Sexökonomie beherrscht sei.

Diese Abgeklärtheit ist das Neue an dem Skandal, dessen sensationsgierige Ausschlachtung im Internet den kulturkritischen Blogger Wang Xiaofeng von der „Ruinierung einer öffentlichen Plattform“ sprechen ließ. Zhang Yu selbst gibt sich auf eine Weise amoralisch, wie sie noch vor kurzem in China nicht denkbar gewesen wäre: „In dieser Welt gibt es keine ehrenhafte oder schändliche Weise, sein Ziel zu erreichen“, sagte sie in einem Interview. Für das, was sie haben will, sei sie bereit, jeden Preis zu zahlen - aber sie wolle dafür auch den Gegenwert, und der sei ihr oft vorenthalten worden. Nicht die Entgrenzung des ökonomischen Tauschprinzips ist es, die sie anklagt, sondern bloß dessen Verletzung.

Text: F.A.Z., 31.01.2007, Nr. 26 / Seite 36
Bildmaterial: Archiv

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