Von Michael Ludwig, Barnaul / Moskau
08. Oktober 2007 Sich die Angst von der Seele schreiben, in Blei setzen lassen, was der eigene Kopf für richtig befunden hat, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ein Apparatschik querschießt oder am Ende sogar die sozialistische Gerichtsbarkeit zuschlägt; endlich Kurs auf die Freiheit nehmen, die eigene Befreiung und die der Sowjetmenschen in der eigenen Region zu Staatsbürgern mit aufrechtem Gang herbeischreiben - Jurij Purgin erinnert sich noch genau an die Gedanken, die er und einige Gesinnungsgenossen damals, 1990, hatten.
Sie waren Redakteure des regionalen Ablegers der kommunistischen Parteizeitung im Altai-Gebiet, der Altajskaja Prawda, bis sie sich entschlossen, eine eigene Zeitung zu machen. Millionen besaßen sie nicht, in Rubel nicht und schon gar nicht in Dollar. Sie begannen bei null und mit geliehenem Geld. Als Ende Dezember 1990 die erste Ausgabe ihrer Zeitung Swobodnyj Kurs (Freiheitlicher Kurs) in Barnaul, der Hauptstadt der Altai-Region, erschien, war Glasnost auch in Südsibirien angekommen. Die Parteibonzen waren nach Gorbatschows Perestrojka nicht mehr mächtig genug, um dagegen einzuschreiten.
Ausländische Hilfsorganisation finanzierte Druckmaschine
Die Zeitung gibt es noch immer, und sie prosperiert. Purgin ist Direktor des Verlagshauses Altapress in Barnaul, das den Swobodnyj Kurs als Wochenzeitung herausgibt sowie eine Wirtschaftszeitung für die Region und etwa ein Dutzend anderer Presseerzeugnisse. Stolz zeigt Purgin die verlagseigene Druckmaschine, die man vor Jahren mit dem Kredit einer ausländischen Hilfsorganisation erwarb und inzwischen fast abbezahlt hat: Die Druckmaschine sei ein Faustpfand für die Unabhängigkeit des Verlags, sagt er. Das Ende mancher anderen Provinzzeitungen begann damit, dass Druckereien, die unter Einfluss der örtlichen Machthaber standen oder von ihnen wirtschaftlich unter Druck gesetzt wurden, die Annahme von Aufträgen verweigerten oder die Preise willkürlich in die Höhe trieben.
Noch Anfang der neunziger Jahre hatten Direktoren von Staatsunternehmen den Neuverlegern um Purgin eine Zeitlang als finanzielle Nothelfer dienen müssen. Weil den Direktoren die Richtung der Partei nicht passte, waren sie bereit, eine unabhängige Zeitung finanziell zu unterstützen. Im Gegenzug durften sie im Freiheitlichen Kurs kostenlos für ihre Betriebe werben. Politischer Einflussnahme auf die Zeitung sei durch einen Vertrag jedoch ein Riegel vorgeschoben worden, sagt Purgin, denn die einmal gewonnene Freiheit habe man um keinen Preis aufgeben wollen. Dann machte die Idee, ein Anzeigenblatt herauszubringen, die Nothelfer bald überflüssig. Kaufe und verkaufe wurde ein großer kommerzieller Erfolg. Das und das eigene Maschinchen für den Druck seien die Meilensteine auf dem Weg in die schwarzen Zahlen gewesen.
Was im Lande vor sich geht
Das Ziel der Verleger von Altapress ist das gleiche wie vor 17 Jahren: Mit akkuraten Informationen sollen die Menschen in die Lage versetzt werden, über das nachzudenken, was im Lande vor sich geht. Eigentlich hätten die Zeitungsleute von Barnaul dafür einen staatlichen Orden verdient. Denn im Wechselspiel zwischen internationaler Kritik an der schleichenden Strangulierung der freien russischen Medien durch den Staat und den Verteidigungsreden russischer Politiker lässt Präsident Putin keine Gelegenheit aus, sich zur Freiheit der Medien zu bekennen, ohne die es in Russland keine Bürgergesellschaft geben könne. Staatsdiener, die dem offen widersprechen, wird man kaum finden.
Aber zwischen Worten und Taten der Staatsmacht erstreckt sich ein Abgrund, in dem immer mehr unabhängige Zeitungen verschwinden. Die drei größten zentralen Fernsehkanäle, die wichtigste Informationsquelle vieler Russen, sind schon lange auf die Orchestrierung von Jubelhymnen für den Kreml beschränkt worden. Und der Generalsekretär des russischen Journalistenverbandes, Igor Jakowenko, hat mit seiner Prognose recht behalten, dass die russische Medienlandschaft vor den Parlaments- und Präsidentenwahlen 2007/ 2008 erstaunlich einheitlich sein werde. Nach Auskunft des Instituts für regionale Presse ist die Zahl der Regionalzeitungen in Russland in den vergangenen Jahren katastrophal zurückgegangen. Einer der Gründe dafür sei der staatliche Druck.
Unabhängige Verleger in einer Notgemeinschaft
Die unabhängigen Verleger in den Regionen haben deshalb eine Art Notgemeinschaft gegründet, um sich gegenseitig zu stützen. Aber was könnten diese 33 Verleger, die sich als Inseln der Pressefreiheit betrachten, schon erreichen, fragt Jurij Purgin, wenn der Staat die aus dem Haushalt finanzierte Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta und eine zugehörige Wochenzeitung in Millionenauflagen kostenlos verteilen lässt? Und wie könne man sich gegen mögliche Erpressungsversuche zur Wehr setzen, wenn die meisten Zeitungskioske im Land von dem kremlnahen Aluminiumbaron Oleg Deripaska kontrolliert werden? Wenn die Post jederzeit im Sinne der Staatsmacht gegen einzelne Unliebsame mit Gebührenforderungen vorgehen könne?
Nur wenigen regionalen Verlagen ist es wie Altapress gelungen, die gesamte Produktion bis hin zum Druck zu kontrollieren und auch den Vertrieb ihrer Zeitungen selbst zu organisieren. Da der Verlag zu den großen Arbeitgebern in Barnaul zählt, kann er von den staatlichen Behörden nicht ohne weiteres behandelt werden wie ein Prügelknabe. An Versuchen hat es aber nicht gefehlt, den Freiheitlichen Kurs vom Weg abzubringen, und für finanzschwächere Unternehmen hätten sie das Ende bedeuten können.
Sie lieben uns nicht, aber respektieren uns - noch
Wie eine Trophäe hängt in den Redaktionsräumen gleich neben der Titelseite der ersten Ausgabe des Freiheitlichen Kurses das Porträt des hohen Beamten, der die Zeitung vor Jahren aus Rache für kritische Berichte zum Schweigen bringen wollte. Er schickte dem Verlag mehrere Male die Steuerinspektion ins Haus, finanzielle Verluste und Produktionseinbrüche waren die Folge. Seither herrsche Ruhe an der Behördenfront. Sie lieben uns nicht, aber respektieren uns - noch, sagt der Chef von Altapress.
Dmitrij Muratow hatte mit Redaktionskollegen der Komsomolskaja Prawda - des einstigen Organs des kommunistischen Jugendverbands - im Moskau der neunziger Jahre einen ähnlichen Weg eingeschlagen wie die Redakteure der Altajskaja Prawda um Purgin. Sie gründeten die Nowaja Gaseta (Neue Zeitung). Als einzige der Neugründungen jener Jahre hat sie es geschafft, zu überleben und gleichzeitig ihren Anfängen treu zu bleiben.
Barnaul, als Insel der Pressefreiheit
Im Juni 2006 nahm das Blatt, das bis dahin ganz seinen Mitarbeitern gehört hatte, Michail Gorbatschow und Aleksandr Lebedew als Miteigentümer ins Boot, einen milliardenschweren Geschäftsmann mit Geheimdienstvergangenheit, Großaktionär von Aeroflot und Politiker, der nur knapp neben dem politischen Mainstream unter Putin agiert. Gorbatschow übernahm zehn Prozent, Lebedew 39 Prozent der Aktien. Die Zeitung soll zwei Millionen Dollar erlöst haben. Viele Redakteure und Leser fürchteten, das sei das Ende der Nowaja Gaseta.
Doch bisher ist eine Änderung der Linie nicht festzustellen. Die Redakteure der Nowaja Gaseta fühlen sich wie die unabhängigen Verlage in der Provinz, wie Jurij Purgin und dessen Leute in Barnaul, als Insel der Pressefreiheit. Deswegen schreiben die Redakteure der Nowaja Gaseta nach wie vor über Dinge, über die das Fernsehen nicht oder nur beiläufig berichtet - Korruption, Menschenrechtsverletzungen in der Armee oder in Tschetschenien. Sie müssen sich Russland als eine vertikal integrierte Holding vorstellen. Die Dachgesellschaft bestimmt, und das Volk ist eigentlich nur Minderheitsaktionär. Dagegen schreiben wir an, und dabei kann man die Schere im Kopf, wie sie die Staatsmacht am liebsten bei jedem russischen Journalisten in Aktion sehen würde, nicht gebrauchen. So einfach sei es, sagt Chefredakteur Dmitrij Muratow.
Staatsmacht schickt die Miliz in Regionalbüros
Die neuen Aktionäre der Nowaja Gaseta hatten öffentlich zugesichert, sich nicht in die Politik der Zeitung einzumischen. Sie hatten sich lediglich das Recht ausbedungen, ihre eigene Meinung in Namensbeiträgen ins Blatt bringen zu dürfen, wenn sie die Meinung der Redaktion nicht teilen. Viel Schutz haben die neuen Miteigentümer der Zeitung nicht bieten können. Wird kritisch über Missstände berichtet, schickt die Staatsmacht die Miliz in Regionalbüros, die die Technik mitnimmt und so das Erscheinen einzelner Ausgaben verhindert. Aus den Kiosken in der Moskauer Metro sei die Zeitung verbannt worden, sagt Muratow. Und wie Purgin stöhnt auch er über die Macht des Aluminiummagnaten Deripaska über Russlands Zeitungskioske.
Der Vertrieb der 180.000 Exemplare der Nowaja Gaseta, die zweimal in der Woche die Leser in ganz Russland erreichen sollen, sei jedes Mal ein Lotteriespiel. Ein eigenes, gar russlandweites Vertriebsnetz kann sich die Nowaja Gaseta nicht leisten. Schutz haben die neuen Mitbesitzer Lebedew und Gorbatschow auch in anderer Hinsicht nicht bieten können: Zu den beiden schon früher getöteten Redakteuren der Nowaja Gaseta, Igor Domnikow und Jurij Tschekotschichin, die zur Legion der russischen Journalisten gehören, die im vergangenen Jahrzehnt ermordet wurden, kam vor genau einem Jahr, am 7. Oktober, der Name Anna Politkowskaja hinzu.
Redakteure ermitteln parallel zur Staatsanwaltschaft
Redakteure der Zeitung ermitteln seit dem Mord parallel zur Staatsanwaltschaft. Muratow ist guten Mutes, dass die staatlichen Ermittler die Täter trotz der offensichtlichen Störversuche der Geheimdienste finden. Putin, so sagte er im Radiosender Echo Moskwy, sei persönlich daran interessiert, dass die unmittelbaren Täter gefasst würden, und deshalb habe er verhindert, dass die Ermittlungen platzten. Die Frage ist jedoch, ob dieses Interesse auch dem oder den Auftraggebern des Mordes gilt. Muratow rechnet damit, dass die Hintergründe des Mordes an Politkowskaja verschleiert werden, wenn dies im Interesse der hohen Politik sei.
Bisher hat die Zeitung über ihre eigenen Ermittlungen über die Ermordung Anna Politkowskajas Stillschweigen bewahrt. Aber wenn deutlich werde, dass die Öffentlichkeit über den wahren Auftraggeber des Verbrechens getäuscht werden solle, dann, sagte Muratow dieser Zeitung, werden wir unsere Zurückhaltung aufgeben und sagen, was wir herausgefunden haben. Bleibt zu hoffen, dass der Chefredakteur dann noch am Leben ist.
Anna Politkowskaja ist vor allem durch ihre Berichte über den Krieg in Tschetschenien bekannt geworden, in denen sie ein Bild zeichnete, das der offiziellen Darstellung der Geschehnisse entgegenstand. Sie berichtete detailliert über Verbrechen der russischen Streitkräfte, der moskautreuen Tschetschenen, aber auch der Aufständischen. Das war nicht das einzige Thema, mit dem sie sich mächtige Feinde machte: Sie schrieb auch viel über Korruption und Machtmissbrauch durch die russischen Behörden.
Wegen Morddrohungen hatte die 1958 als Tochter sowjetischer Diplomaten in New York geborene Journalistin schon 2001 Russland für einige Monate verlassen. Nachdem sie am 7. Oktober 2006 in Moskau erschossen worden war, herrschte sowohl unter ihren Freunden als auch unter ihren Gegnern sofort Einigkeit, dass es sich um einen politischen Auftragsmord handelte.
Die russische Staatsanwaltschaft gab Ende August bekannt, dass der Mord so gut wie aufgeklärt sei. Mehrere Personen, darunter ein Geheimdienstoffizier, wurden festgenommen. Eine Spur führte zu moskautreuen Tschetschenen. Die Auftraggeber wurden von den russischen Behörden aber im Ausland vermutet. Wie im Fall des ermordeten ehemaligen Geheimdienstlers Alexander Litwinenko wollten - so die offizielle Version - Exilrussen durch die Tat der russischen Regierung schaden.
Kritiker des Kremls dagegen vermuten die Auftraggeber der Tat in einflussreichen Kreisen in Russland, denen Politkowskaja unbequem geworden war. rve.
Text: F.A.Z., 08.10.2007, Nr. 233 / Seite 3
Bildmaterial: AFP, ASSOCIATED PRESS, dpa, picture-alliance/ dpa