Von Ernst Horst
19. Juni 2006 Flix hat Schreckliches erlebt. Wer Edgar Allan Poes Arthur Gordon Pym gelesen hat, kennt eine vergleichbare Geschichte: eine Folge von furchtbaren Ereignissen, die sich scheinbar nicht übertreffen lassen. Dann kommt es noch schlimmer. Flix ist Comic-Zeichner. Deshalb traf man ihn in Erlangen beim Internationalen Comic-Salon. Flix hat seine Waffe gefunden, den Zeichenstift. Damit besiegt er die Dämonen, die ihn quälen. Beim Zeltlager der katholischen Kirche mußte er einmal ohne dieses Instrument auskommen. Die Konsequenzen waren entsetzlich. Heute macht Flix einen glücklichen Eindruck.
Am Eröffnungstag wartete eine gewaltige Menschenschlange in der Mittagshitze auf Einlaß: Durchschnittsalter Anfang Zwanzig, eher männlich als weiblich, viele woodstockeske Typen. Dazwischen immer wieder Leute in phantasievollen Kostümen. Man wußte oft nicht, ob es Besucher oder von den Ausstellern bezahlte Darsteller waren. Es gab keine klare Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten. Es gab auch keine klare Trennung zwischen Hochkultur und Kommerz.
So stellen sich Agnostiker einen protestantischen Kirchentag vor
Es hatte etwas sehr Demokratisches, wie hier ein jeder nach seiner Façon selig wurde. So stellt man sich als Agnostiker einen protestantischen Kirchentag vor. Man trifft sich regelmäßig, nicht mit Gleichgesinnten, aber doch mit anderen, die an einen ähnlichen Gott glauben. Der Comicologe Wolfgang Strzyz (seinen verballhornten Namen trägt ein nicht unbekannter Comicstrip) sagt, daß Erlangen so ist, wie Erlangen immer ist. Seit 1984 findet der Salon alle zwei Jahre statt.
Die Verkaufsstände in der Eingangshalle lockten das meiste Publikum an. Comics sind dünn, und deshalb paßt da immer einiges auf wenige Quadratmeter. Es war schwer zu schätzen, wie viele verschiedene Titel hier angeboten wurden. Zehntausende, Hunderttausende? Ein Sammler fühlte sich hier vermutlich wie ein Kind, das in den Zaubertrank gefallen ist. Nach den Gesetzen des Marktes gab es wohl für alles auch potentielle Käufer. Viele Fans und Sammler sind zwar nur bessere Erbsenzähler, aber schon damit tragen sie zum Fundament bei, auf dem die Pyramide ruht.
Will man wirklich wissen, wie das Manga-Marketing funktioniert?
Nun zu den höheren Weihen: Es gab zahlreiche Ausstellungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen und - äh - Events. Man mußte auswählen. Das war noch ein Glück, denn manches ist vielleicht notwendig, aber trotzdem öde. Will man als Schöngeist wirklich wissen, wie das Marketing von Mangas funktioniert?
Erlangen ist klein und drahtig, man konnte überallhin zu Fuß gehen. Gleich am ersten Tag fand in einem winzigen Theater eine Lesung von Flix statt: Flix liest laut. Erstaunlicherweise funktioniert eine solche Durchwirrung der Medien. Flix trug Teile seiner Werke vor und präsentierte simultan die zugehörigen Comic-Bilder auf einem Display. Dazu machte er Geräusche. Der Reiz der Darstellung lag im Stilbruch. Eine differenzierte und durchaus ehrliche Umsetzung von Flixens eigener Biographie in der Form von, nun ja, Witzzeichnungen. Die Leiden des jungen Felix Görmann, genannt Flix, mit der überaus häßlichen Brille.
Ein Vergnügen, die Ausstellung Fußballhelden nicht zu besuchen
In der Städtischen Galerie ist (noch bis zum 25.Juni) eine wunderbare Ausstellung mit Werken des italienischen Zeichners Lorenzo Mattotti zu besichtigen. Feuer, Farben, Träume beschreibt der Katalog seine hypnotischen Werke. So ist es. Bei der musealen Präsentation von längeren Comics fehlt natürlich immer der umfassende epische Zusammenhang, aber hier sind schon die einzelnen Seiten ein großes Erlebnis. Ein nicht minderes Vergnügen bereitete es, die Ausstellung Fußballhelden - 700 Fußballerporträts aus aller Welt nicht zu besuchen.
Zurück zum Stammgelände. Thomas von Kummant - Pose mit Schwert hieß eine Ausstellung über den Comic zu Wolfgang Hohlbeins Fantasy-Epos Chronik der Unsterblichen. Dazu gehörte ein Video über die dabei angewandte Technik. Der Comic-Experte Eckart Sackmann hatte zuvor etwas über Comics aus dem Computer vorgetragen. Kurz gesagt, ist es so, daß die Evolution der Hardware rasend schnell war, aber für ein Künstlerleben doch auch wieder frustrierend langsam. Thomas von Kummant arbeitet - wie alle - mit dem Programm Photoshop. Er setzt seine Bilder aus vielen Schichten zusammen und erreicht damit Effekte, die mit Pinsel und Farbe überhaupt nicht möglich sind. Wenn ihm seine Figuren nicht fleckig genug sind, legt er eben noch eine Ebene Blut drüber.
Genetische Zusammenhänge: Männer bevorzugten Schlammfarben
Ein Höhepunkt war die Podiumsdiskussion Comic Sisters - Frauen in der Comicbranche. Seit kurzem ist der weibliche Anteil an den deutschen Comic-Kreativen deutlich gestiegen. Das hängt mit dem großen Erfolg der Mangas zusammen. Auf diesem Podium saßen jedoch zum größeren Teil Vertreterinnen der Generationen davor, die noch mehr im Hintergrund gearbeitet haben. Unter ihnen waren Persönlichkeiten wie Gudrun Penndorf, die Asterix-Übersetzerin, und Rossi Schreiber, die Verlegerin von Milo Manara. Mit fröhlichem Sarkasmus annotierten diese Sisters die Unarten der Männer in der Comic-Szene. Marion Egenberger, Pressesprecherin vom Micky-Maus-Verlag Ehapa, vermutet bei der Comic-Rezeption genetische Zusammenhänge: Männer bevorzugten Schlammfarben. Lorenzo Mattotti und mich hat Frau Egenberger in ihrer Theorie nicht berücksichtigt.
Bei einer weiteren Podiumsdiskussion kochten dann die Emotionen hoch. Es ging um die Mohammed-Karikaturen. Das Podium und der Teil des Publikums, der sich an der Diskussion beteiligte, zerfielen in drei sehr disjunkte Teile. Der Comic-Künstler Ralf König (siehe auch: Ralf Königs Kommentar zum Prophetenbild) und der Literaturkritiker Denis Scheck vertraten die Pressefreiheit ohne Kompromisse. Scheck konstatierte, daß er ja schließlich Steuern zahle, damit notfalls das Militär seine Grundrechte verteidigt.
Der Medienwissenschaftler Herbert Heinzelmann und der Publizist Andreas C. Knigge bildeten die Ja-aber-Fraktion: Die Karikaturen waren eine bewußte Provokation mit bösen Hintergedanken, und deshalb müsse man auch die genaueren Umstände berücksichtigen. Mohamed Abu Al-Qomsan, Informatiker, Muslim und überzeugter Demokrat, empfand die Pressefreiheit als eine Art Rote Karte, die ihm vorgehalten wird. Die blutigen Demonstrationen, vor allem in undemokratischen muslimischen Ländern, bezeichnete er dann aber doch deutlich als Randale.
Tote und Verletzte waren in Erlangen nicht zu beklagen. Das große Stofftransparent an der Stirnseite des Saales ging nicht in Flammen auf, was für einen geradezu vorbildlichen Umgang mit dem Thema spricht.
Text: F.A.Z., 20.06.2006, Nr. 140 / Seite 48
Bildmaterial: Erich Malter, Fahrlight, Flix, Lorenzo Mattotti
