Von Peer Schader
27. August 2006 Ich schlag' einfach weiter, bis jemand stirbt, schreit Gianluca seine Mutter an. Er spuckt, tritt, knallt die Türen zu, wirft mit Schuhen und CD-Hüllen, strampelt und zieht andere an den Haaren. Gianluca ist fünf. Im Kindergarten hat er eine Erzieherin verletzt, ein Mädchen gewürgt und bei seiner Mutter neulich so fest zugehauen, daß sie krankgeschrieben werden mußte. Als die Oma es nicht mehr ertragen konnte, hat sie bei RTL angerufen und die Super-Nanny geholt.
Das ist ihr extremster Fall, orakelte nachher der Off-Sprecher, als im Fernsehen lief, wie Gianluca ausrastete. Selbst die Super-Nanny hat nicht weitergewußt. Aus dem Wutball, an dem Gianluca sich abreagieren sollte, hat der Fünfjährige die Luft herausgelassen, die Super-Nanny Arschlochfickerhurensohn genannt und klargestellt: Du bist hier nicht der Boß! So ratlos wie an diesem Mittwoch im Mai hat man die RTL-Erzieherin Katharina Saalfrank selten gesehen. Nach einer Stunde Kinderzimmerterror konnte man endlich ausschalten und froh sein, sich nicht mit so was herumschlagen zu müssen. Kinder? Um Himmels willen!
Es ist viel diskutiert und geschimpft worden über die RTL-Dokusoap, in der eine junge Pädagogin Chaosfamilien beibringen soll, unter einem Dach zusammenzuleben, ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. In der Sendung würden Kinder vorgeführt und ihrer Persönlichkeitsrechte beraubt, hieß es. Kaum jemand hat die Frage gestellt: Was bewirken solche Sendungen eigentlich bei den Zuschauern?
Kinder machen arm
Im Hauptabendprogramm der TV-Sender kommen Kinder derzeit fast ausschließlich in Extremsituationen vor. In Dokusoaps sind sie zu laut, zu frech oder zu fett und machen Erwachsenen das Leben zur Hölle. In den Nachrichten sieht man sie als leidende Kriegsopfer oder wenn sie bei Pisa gepatzt haben, in Reportage-Magazinen wie ZDF.reporter, wenn von der Schuldenfalle Handy die Rede ist oder auf dem Schulhof die Gewalt eskaliert.
Im Frühjahr sendete das ZDF die Reportage-Reihe S.O.S. Schule mit dem verheißungsvollen Untertitel Hilferuf aus dem Klassenzimmer. Zu sehen waren Hauptschüler, die Lehrer anpöbelten und dauerschwänzten. Ein Problemschüler sagte: Ich bereue keine einzige Alkoholvergiftung. Selbst bei einer harmlosen Sendung wie Zuhause im Glück auf RTL 2, in der Familien die Wohnung neu eingerichtet bekommen, sind Kinder die Ursache dafür, daß das Fernsehen eingreifen muß. Alleine hätten sich die Eltern die Renovierung nicht leisten können. Der Zuschauer lernt: Kinder machen nicht nur Probleme, sondern auch arm.
Man kann das alles verurteilen. Oder nicht so schlimm finden. In jedem Fall muß man sich fragen, welches Bild von Kindern dabei in der Öffentlichkeit entsteht. Kein besonders gutes vermutlich - und das in einer Gesellschaft, die über Demographieprobleme diskutiert und beklagt, daß junge Menschen immer häufiger auf Nachwuchs verzichten. Was Kinder denken, was sie interessiert - wer weiß das schon so genau, wenn er sich aufs Fernsehen verläßt?
Spiel mir das Lied vom Tod
Wenn ich abends fernsehe, frage ich mich immer, weshalb ich so anomale Kinder habe. Die entsprechen alle nicht dem Bild, das dort vermittelt wird, wundert sich Claude Schmit, Geschäftsführer des Kölner Kindersenders Super RTL, wo es Pflicht ist, zu wissen, was die Jüngsten bewegt.
Erwachsene ohne Nachwuchs interessierten sich nur selten dafür, was Acht- oder Neunjährigen wichtig ist, glaubt er. Deshalb sei das auch für viele Sender kein Thema. Schmit sagt: Auf mich wirken Kinder im Fernsehen sehr schemenhaft: entweder sind sie jugendstrafverdächtig oder überschlaue Alleswisser.
Auch Friedhelm Güthoff, Geschäftsführer des Kinderschutzbunds NRW, hält die TV-Monsterparade für problematisch: Mir fehlen die positiven Beiträge. Es gibt sicher Kinder, die uns fordern, aber viele lassen sich auch auf die Spielregeln der Familie ein. Das sieht man nur selten. Als Pro Sieben vor zwei Jahren die Sendung Fit for Kids - Eltern auf Probe ausstrahlte, in der Kinder an Erwachsene ausgeliehen wurden, damit die testen konnten, ob das Familienleben ihnen zusagt, hat Güthoff fassungslos vor dem Fernseher gesessen und war richtig sauer, als zu einer Konfliktszene der Soundtrack aus Spiel mir das Lied vom Tod lief: Was wird da vermittelt? Daß es hier um einen Machtkampf auf Leben und Tod geht?
Negativprognose und Positivanimation
Scheint ganz der Fall zu sein. Liebling, wir bringen die Kinder um ist der martialisch klingende Titel einer neuen Dokusoap, die ab Montag bei RTL 2 läuft. Das Vorbild kommt von der BBC aus Großbritannien, wo gerade darüber diskutiert wird, wie man Fettleibigkeit bei Kindern reduzieren kann. Die Medienaufsicht Ofcom hat angekündigt, Werbespots für Dickmacher im Umfeld von Kinderprogrammen einzuschränken. Und in Honey, we're killing the kids, wie die Sendung im Original heißt, bekommen Eltern per Computeranimation vorgeführt, wie ihre Kinder mit 40 aussehen, wenn sie sie weiter mit Pommes und Burgern füttern anstatt auf gesunde Ernährung zu achten.
Die Bilder sind für Eltern und Zuschauer ein echter Schock: Eine Negativprognose zeigt Erwachsene, die aussehen, als hätten sie Jahre im Knast verbracht und seien dort regelmäßig zusammengeschlagen worden, mit eingefallenen Augen und aufgeschwemmtem Gesicht. Wenn sich die Eltern an ein paar vom Sender vorgegebene Verbesserungsvorschläge halten, gibt es zur Belohnung nachher eine Positivanimation, in der die erwachsen gewordenen Sprößlinge so sympathisch aussehen, daß man ihnen sofort einen Gebrauchtwagen abkaufen würde.
Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentrums für das Jugend- und Bildungsfernsehen in München, kritisiert, daß solche Bilder eine Realität vorgaukelten, die gar nicht zu berechnen sei: Die Sendung suggeriert: Der Mensch kann sich nur so verhalten, wie er von den Eltern geprägt wurde. Die Kinder haben in keiner Weise die Möglichkeit, sich selbst zu verändern.
Zigaretten mit vier
Beim Sender sieht man das freilich anders. Man wolle Eltern den Anstoß geben, stärker darauf zu achten, was ihre Kinder in sich hineinstopfen. Kristin Steffan, verantwortliche Redakteurin bei RTL 2, sagt: Das Problem, daß immer mehr Kinder übergewichtig sind, besteht ja tatsächlich. Wir greifen mit dieser Sendung ein Thema auf, das in der Gesellschaft ganz aktuell diskutiert wird, und versuchen respektvoll und informativ damit umzugehen.
Die gute Absicht der Münchner in allen Ehren, aber die BBC hat vorgemacht, was das bedeutet: Eine der Folgen drehte sich um einen Zehnjährigen mit Working-Class-Herkunft, der die ganze Zeit Pizza und Schokocreme in sich hineinstopfte, aggressiv durch die Wohnung wirbelte und seit dem vierten Lebensjahr Zigaretten rauchte, ohne daß das der Mutter vorher mal negativ aufgefallen wäre.
Freilich könnte man sich einfach darauf verlassen, daß aufgeklärte Zuschauer reflektieren, was sie im Fernsehen gezeigt bekommen, und die Problemkinder als Extrembeispiele einordnen. Fernsehforscherin Götz bezweifelt jedoch, daß es damit getan ist: Natürlich haben die meisten Zuschauer die Medienkompetenz, das zu beurteilen. Dennoch gehen solche Bilder ganz klar in unsere Konstruktion der Realität ein.
Stadion statt Sofa
Um so interessanter ist es, daß es in der Forschung kaum Erkenntnisse darüber gibt, inwiefern das Fernsehen das gesellschaftliche Image von Kindern prägt. Im Auftrag des Berliner Bundesfamilienministeriums hat das Adolf-Grimme-Institut im vergangenen Jahr eine Studie durchgeführt, in der das Familienbild in Serien, Nachrichten und Dokusoaps untersucht wurde. Das Ergebnis war deutlich: Mit der Realität hat die Darstellung kaum was zu tun.
Entweder werden exotische Großsippen gezeigt, bei denen von der Uroma bis zum Kleinkind alle unter einem Dach leben, oder alleinerziehende und multi-tasking-begabte Power-Frauen. Familie, so die Forscher, sei im Fernsehen meist ein weiches Weiberthema. Wie die Kinder dabei wegkommen, ist nicht separat ermittelt worden.
Sat.1 geht gerade einen anderen Weg. Bei Hilfe! Zuhause sind die Teufel los werden die Eltern vom Sender in Kurzurlaub geschickt, damit die Kinder zu Hause bestimmen können, wie ein Einrichtungsteam das Haus umbauen soll: das Kinderzimmer wird zum Ponystall, das Bad zum Dschungel, der Speiseraum zur Ritterhalle. Und das, was die Kinder sich wünschen, setzen die Erwachsenen um - ohne Wenn und Aber. Dabei unterschätzen viele Eltern ihre Kinder: Die richten sich bestimmt Kuschelecken ein, vermutete eine Mutter vor dem Umbau. Als sie zurückkam, war das Wohnzimmer zur Stadiontribüne umgebaut.
Das gemeinsame Erleben fehlt
Das ist das andere Extrem, kritisiert Friedhelm Güthoff vom Kinderschutzbund. Wenn Kinder in die Privatsphäre der Eltern eingreifen, anstatt sich mit ihnen zu arrangieren, könne ebenso schnell der Eindruck von kleinen Monstern entstehen, die ohne Rücksicht ihren Willen durchsetzen.
Sat.1-Moderatorin Barbara Eligmann sieht das weniger problematisch: Es ist sehr leicht, den Kindern immer zu sagen, was sie zu tun haben. Ich fand es spannend, den Spieß mal umzudrehen. Immerhin sei bei den Teufel-Drehs herausgekommen, daß die Kinder gar nicht so sehr am Umbau interessiert waren: Viele haben die Veränderungen nur genutzt, um zu signalisieren, daß sie mehr mit ihren Eltern unternehmen wollen, auch mal etwas Verrücktes.
Und damit ist sicher nicht gemeint, gemeinsam fernzusehen. Geht abends ja sowieso kaum: Einmal, erinnert sich die Sat.1-Moderatorin, habe sie mit ihrem Sohn Super-Nanny ansehen wollen, sich aber wegen des rauhen Tons gleich nach dem Vorspann auf die Fernbedienung gestürzt und umgeschaltet. Wenn man solche Eindrücke bündelt, sagt die Sat.1-Moderatorin, kann das bisweilen sicher empfängnisverhütend wirken.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.08.2006
Bildmaterial: obs