„Germany's Next Topmodel“ als Bootcamp

Widerstand ist zwecklos

Von Peer Schader

31. Mai 2008 Neulich ist der Model-Agent Peyman Amin morgens früh in die Hotelzimmer seiner Kandidatinnen gestürmt, hat sie mit lautem Klatschen aufgeweckt und gerufen: In fünf Minuten seid ihr fertig zum Joggen! Dann ist er mit den jungen Frauen zack-zack durch den Runyon Canyon Park in L.A. gelaufen, immer schön bergauf, und hat zur Melodie von „Captain Jack“ gesungen: „Caro, Wanda, Janina - wir sind alle schneller als Christina!“ Ehrlich gesagt hat nur noch Heidi Klum im Flecktarn gefehlt, die mit der Trillerpfeife hinterherjagt und schreit: „Nur eine kann Germany's Next Topmodel werden! Nur eine kriegt die verdammte Kampagne von C&A!“ So sehen Albträume aus. Oder Castingshows.

Wobei: Kann man das wirklich noch Castingshow nennen, was Pro Sieben da in den vergangenen Wochen veranstaltet hat? Ist „Germany's Next Topmodel“ nicht längst zum Bootcamp für die Kommerzfront umfunktioniert worden? Wer hier nicht spurt, fliegt raus. Der Ton ist rauh. Ermahnungen der Jury beginnen immer mit denselben Worten: „Wir haben dir doch gesagt...“ Und wenn eine Kandidatin sich wagt, die Vorgaben in Frage zu stellen, wird sie von ihren Mitbewerberinnen erst ermahnt und dann gemieden.

Alles ohne Widerspruch

Das Erschreckende an dieser Sendung ist nicht mal, wie der „Stern“ gerade geschrieben hat, dass den Kandidatinnen Karrieren vorgegaukelt werden, die sie so nie haben werden. Erschreckend ist eher, dass sie all das widerspruchslos hinnehmen und nichts davon in Frage stellen. Was „die Heidi“ sagt, ist Gesetz. Weil „die Heidi“ auch schon so viel gesehen hat von der Welt, mit wichtigen Fotografen zusammengearbeitet und sich nie beschwert hat, wenn es beim Shooting zu kalt, zu heiß oder zu anstrengend war. Da können sich die Eltern noch so viel Mühe gegeben haben, ihre Töchter zu selbstbestimmten Erwachsenen zu erziehen - das Fernsehen schafft es, dass die jungen Frauen im Alter von 16 bis 24 Jahren nachher einig sind: Wer sich nicht unterordnet, kann in dieser Welt nicht bestehen.

Und das alles bloß, um nachher so zu werden wie Heidi Klum, eine wandelnde Litfaßsäule, an die alle paar Tage eine neue Kaufempfehlung angeschlagen wird. Normale Menschen bestehen zu 60 Prozent aus Wasser, Heidi Klum besteht zu 60 Prozent aus Werbung - Werbung für Haarspray, für Dickmacher, für Spritschlucker, für ihren Ehemann, für sich selbst. Mit „Germany's Next Topmodel“ hat sie das wie ein Virus ins Fernsehen übertragen, die perfekte Symbiose aus Programm und Kaufbefehl. Und, wie absurd: Wir schauen auch noch zu, wie die Mädchen gedrillt werden, die uns in der Werbepause zwischendurch Schuhe, Shampoo oder Strandklamotten andrehen sollen.

Beginn der endgültigen Unterwerfung

Von den Kandidatinnen wüsste man gerne: Sieht so tatsächlich euer großer Traum aus? Anderen Leuten vorzugaukeln, ihr fändet Produkte gut, die ihr beim Fotoshooting das erste Mal in die Hand gedrückt bekommen habt? Der neue Ladyshave, für den eine der Model-Anwärterinnen vor der Kamera stehen durfte, ist jetzt „die erste Wahl von Christina“, die im dazugehörigen Spot sagt: „Die Beine müssen glatt sein, da ist der neue Venus Breeze echt super.“ Und eine ihrer Mitbewerberinnen hat von einer Fastfood-Kette angedichtet bekommen: „Caro posiert für den pikanten Chicken-Wrap Honig-Senf.“ Das sind freilich harmlose Anfängerübungen im Vergleich mit den Werbesprüchen, die ihr Vorbild beherrscht: „Und für trocken-strapaziertes Haar: das neue Taft Power mit Kaschmir-Touch für geschmeidigen Power-Halt.“ So ein Unsinn.

Am Donnerstag zeigt Pro Sieben das Finale der dritten „Topmodel“-Staffel. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird das für Pro Sieben ein Quotenfest. Und für die Gewinnerin der Beginn ihrer endgültigen Unterwerfung. Widerstand ist zwecklos.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: ddp, dpa

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