Gottschalk bei Kerner

„Die sollen mich endlich machen lassen“

Von Peer Schader

09. April 2008 Aufgepasst! Thomas Gottschalk, 57 Jahre alt, aus Kulmbach, wettet, dass er es nach über dreißig Jahren als Fernsehmoderator schafft, sich immer noch von schlechten Kritiken wurmen zu lassen. Topp - die Wette gilt. Und ist schon gewonnen.

„Ich ärgere mich, wenn mich einer zu was macht, was ich nicht bin“, verriet Gottschalk am Dienstagabend beim Kollegen Johannes B. Kerner, der gleich eine ganze Sendung freigeräumt hatte, um sich ungestört mit dem ZDF-Monolith unterhalten zu können. So etwas wird sonst nur Dieter Bohlen zugestanden oder Stars kurz vor der Verrentung.

Den Moment finden, am dem man dem Publikum auf die Nerven geht

Soweit ist es aber noch nicht, stellte Gottschalk klar: Er müsse den Moment finden, an dem er dem Publikum auf die Nerven gehe - dann sei es auch richtig aufzuhören. „Es gibt gerade in unserem Beruf das Problem, diesen Punkt zu verpassen“, sagte Gottschalk. Das war wohl vermutlich nicht als Hinweis an Kerner gemeint (jedenfalls ist der nicht einsichtig aufgestanden und aus dem Studio gegangen). Dank seiner „klaren Selbsteinschätzung“ wisse er aber, dass die Leute noch nicht die Nase voll von ihm hätten.

Anschließend brauchte Kerner bloß die Stichworte zu liefern, die den „Wetten dass…?“-Moderator ein bisschen aus seinem Alltag plaudern ließen. Dass er, als er nach Amerika gezogen ist, wegen seiner komischen Klamotten von den Nachbarn erst für einen Drogenhändler gehalten wurde. Dass er es genießt, dort nicht erkannt zu werden, aber dafür im Restaurant schon mal Steven Spielberg an sich drücken muss, um einen Tisch zu kriegen. Und dass seine Karriere beim Radio auf einer Klassenfahrt nach Berlin begann, wo er sich zu seinem Lieblingsmoderator in den Sender Rias schmuggelte.

„Der Thomas war wirklich gut“, sagte sein Lieblingsmoderator

Den hatte die Redaktion auch prompt aufgestöbert und ans Telefon geholt: „Der Thomas war wirklich gut. Das hat man gleich gemerkt.“

Es war eine komische Kerner-Sendung, weil man das eigentlich nicht gewöhnt ist: Dass Thomas Gottschalk in fremden Studios Platz nimmt und dann von sich erzählt. Das ist, als hätte Helmut Kohl plötzlich freiwillig Fernsehinterviews gegeben.

Aber es sind eben gerade Gottschalk-Wochen in den deutschen Medien, eine Reflektion, die das „Zeit-Magazin“ neulich mit seinem schönen Porträt des Moderators angestoßen hat, in dem der sich erstmals dazu äußerte, wie sehr es ihn manchmal trifft, dass alle auf ihm rumhacken. Das war deshalb erstaunlich, weil man es von Gottschalk nicht gedacht hätte: So einer kann doch nach allem, was er gemacht hat, nicht mehr angreifbar sein. Dem kann doch keiner mehr was! An dem muss doch alles abperlen! Hat man gedacht. Topp - die Wette gilt. Aber das war wohl ein Irrtum.

Ihm machen die Negativkritiken zu schaffen

Für alle, die ungern lesen, hat Kerner die „Zeit-Magazin“-Geschichte jetzt noch einmal im Bewegtbild nacherzählen lassen, vom Hauptprotagonisten persönlich. Und Gottschalk hat gesagt, dass ihm die Negativkritiken, die nach der nächsten „Wetten dass…?“-Sendung wieder in den Zeitungen und im Netz stehen, zu schaffen machen - auch wenn er merkt, dass es den Leuten auf der Straße immer noch ganz gut gefällt, was er da im ZDF treibt. „Ich seh‘ Sachen im Fernsehen, die sind viel schlimmer als das, was ich mache“, sagte Gottschalk. Und zu den Kritikern: „Die sollen mich endlich machen lassen. Ich will ‘nen Freifahrtschein.“

Das ist jetzt langsam ein bisschen viel der Ehrlichkeit. Besser gesagt: Soviel will man von Gottschalk gar nicht wissen. Es darf einfach nicht sein, dass so einer sich noch angreifbar fühlt, das muss er sich doch abgewöhnt haben, und einen zurecht gelegten Satz sagen wie: „Ich lese das alles gar nicht mehr und es interessiert mich auch nicht.“ Wie Stefan Raab. Kann der Mann, der seit 20 Jahren vor mehr als zehn Millionen Zuschauern „Wetten dass…?“ moderiert, nicht ein klitzekleines bisschen unnahbarer sein? Und bitte nicht davon reden, dass er manchmal „verunsichert“ ist, wenn wieder einer geschrieben hat, seine Show sei langweilig gewesen?

Nach so vielen Jahren ist „Wetten dass...?“ Routine geworden

Denn meistens stimmt das einfach: Nach so vielen Jahren ist „Wetten dass…?“ eben auch Routine geworden, und im schlimmsten Fall kann Gottschalk es in der Live-Sendung nicht mit ein paar müden Gags rausreißen, wenn die Wetten dröge sind und die Stars auf dem Sofa auf die Uhr gucken.

Natürlich hat Gottschalk eine penetrante Art, die einem nicht gefallen muss, aber er besitzt eben auch immer noch eine Generationen verbindende Fähigkeit, spontan, frech und schlagfertig wie kaum ein anderer im deutschen Fernsehen zu sein. In guten Momenten jedenfalls. Dass sich die schlechten eher aufzuschreiben lohnen - das müsste er doch gelernt haben.

Man kann ihn mögen oder nervig finden, aber sich unmöglich vorstellen, dass er eines Tages wirklich nicht mehr da ist, alles hingeworfen hat und keine Lust mehr aufs Fernsehen. Oder wie es ein Jugendlicher in einer Straßenumfrage formuliert hat, die von Kerners Redaktion organisiert worden war: „Thomas Gottschalk gehört irgendwie dazu.“ Und das vermutlich noch eine ganze Weile.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext/GAL, Cinetext/Kaatsch, ddp, dpa, REUTERS