Qualitätsdebatte

Hallo, hier spricht Ihr Intendant!

Von Peer Schader

Lutz Marmor ist Intendant des NDR

Lutz Marmor ist Intendant des NDR

22. Oktober 2008 Jetzt ist in der vergangenen Woche so viel über die mangelnde Qualität des deutschen Fernsehens geredet und geschrieben worden - und niemand hat die Idee gehabt, einfach mal Wolfgang Hein zu fragen. Herr Hein ist Gebührenzahler, er reist sehr viel, schaut im Ausland öfter fern und kann deshalb aus Erfahrung berichten: „Die Leute wissen ja gar nicht, wie viel schlimmer das Fernsehen noch sein könnte.“

Dem konnten NDR-Intendant Lutz Marmor und sein Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz problemlos zustimmen. Am Dienstagabend haben die beiden höchsten NDR-Chefs ihre eigene Qualitätsdebatte veranstaltet und diejenigen mitreden lassen, die bisher noch gar nicht gefragt wurden: die Zuschauer. Und wo lässt sich am besten über die Qualität im Fernsehen diskutieren? Natürlich im - Radio.

„Zwischen Blödsinn und Bildung - Welche Qualität braucht das deutsche Fernsehen?“ lautete die Leitfrage der Sendung „Redezeit“ bei NDR Info, bei der Zuhörer kostenlos anrufen konnten, um Marmor und Cichowicz selbst zu befragen.

Alles bestens?

Und wenn wir die Ergebnisse mal kurz zusammenfassen dürfen: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft eigentlich alles bestens! So jedenfalls lautete das Fazit der beiden NDR-Chefs. Es gibt zu viel seichte Unterhaltung? Nein, „die Menschen haben ein Recht, sich nach harter Arbeit entspannen zu können“, erklärte Marmor. Warum kommen so viele anspruchsvolle Dokus erst zu so später Stunde? Weil Doku-Fans laut Marktforschung länger aufbleiben und die ARD dann in der Summe mehr Leute erreiche, als wenn die Programme vorher liefen, erwiderte Cichowicz etwas kryptisch. Und Marmor las aus der Programmzeitschrift das anspruchsvolle NDR-Programm des Abends vor: um 20.15 Uhr das Gesundheitsmagazin „Visite“, anschließend die Lokalsendung „Inas Norden“ und am späten Abend eine Sendung über das Leben des Schriftstellers Erich Maria Remarque. Die neue Dokusoap „Liebe in Not“ um viertel vor zehn, in der der NDR sich als Partnerberater übt, hat er lieber mal weggelassen.

Aber bei aller Verteidigung der eigenen Programmplanung waren sich Marmor und Cichowitz auch nicht zu schade dafür, Versäumnisse einzugestehen. Bei modern gemachten Wissenssendungen habe man noch Aufholbedarf, sagte Marmor: „‘Galileo‘ von Pro Sieben ist ein guter Ansatz.“ Zu wenige Themen werden, wenn sie aus den aktuellen Nachrichten verschwunden sind, weiterverfolgt? „Das wird zu wenig gemacht, da haben Sie Recht“, sagte Cichowicz. Und den 13 Jahre alten Lasse, der sich beim Privatfernsehen manchmal besser aufgehoben fühlt, fragte er: „Hast du einen Vorschlag, was wir besser machen können?“ Na klar: „Mehr Geschichte! Mehr Physikalisches!“

Sprechstunde für Gebührenzahler

Zum Schluss war es dann doch eine ganz aufschlussreiche Diskussion: weil Zuschauer anriefen, die erklärten, was sie am öffentlich-rechtlichen Fernsehen schätzen. Und andere, die sich ehrlich empören durften, was da zum Teil mit ihren Gebühren angestellt wird.

Marmor und Cichowicz haben zumindest aufmerksam zugehört, und schon dafür haben sie Respekt verdient, weil es nicht alle Tage vorkommt, dass sich die Herren in den öffentlich-rechtlichen Chefetagen in einer Art Gebührenzahlersprechstunde so unmittelbar der Debatte mit dem Publikum stellen. Auch wenn sich daran, wie einer der Anrufer anmerkte, ja sowieso nur die Menschen beteiligten, die sich überhaupt noch Gedanken darüber machen, was sie von ihrem Fernsehen erwarten.

Im Anschluss an die Sendung ging die Diskussion im Internet-Chat weiter - und das war tatsächlich ein erhellender Austausch, weil es auch Antworten auf kritische Fragen gab: War der Aufwand von ARD und ZDF bei den Olympischen Spielen tatsächlich gerechtfertigt? Wie kann es passieren, dass Pharmaunternehmen in ARD-Serien ganze Dialoge einkaufen? Was soll die viele Volksmusik am Wochenende?

„Das ZDF schickte mir keine Einladung

Nachher erklärte Marmor erstaunlich offen, wie die Idee zur NDR-Debatte entstand. Als Marcel Reich-Ranicki beim Deutschen Fernsehpreis verkündete, er werde den Ehrenpreis der Stifter nicht annehmen, weil ihm der ganze Fernsehzirkus gehörig auf den Geist gehe, hatte Moderator Thomas Gottschalk den Vorschlag gemacht, mit den Intendanten über Qualität im Fernsehen zu diskutieren. Die Diskussion lief am vergangenen Freitag, allerdings ohne Intendantenbeteiligung. Und Marmor erklärte: „Das ZDF hat den Sendetermin ohne jede Absprache festgelegt und schickte mir auch keine Einladung. Zumindest deshalb stelle ich mich heute Ihnen allen.“

Was für eine schöne Idee! Auch wenn „alle“ nachher im Chat nur knapp mehr als 20 Teilnehmer waren. Die hatten aber tatsächlich Interesse, eine Stunde ihren Intendanten zu löchern. Und der machte den Eindruck, sich wirklich für das zu interessieren, was da besprochen wurde, indem er auf möglichst viele Fragen einging.

Nachdem es im vorher im Radio Schelte für die Verlage gegeben hatte, schrieb Marmor im Chat außerdem: „Das Fernsehen hat sich immer schon der Kritik stellen müssen. Die Medienseiten der Zeitungen sind voll von qualifizierten Kritiken. Mit denen beschäftigen wir uns ebenso wie mit den Kritiken der Zuschauer.“

Vielleicht sollte es das regelmäßig geben. Vielleicht sollten sich mehr Fernsehmacher dafür interessieren, was ihr Publikum denkt, was es am Programm schätzt, was ihm fehlt - und direkt darauf reagieren. Selbst wenn die Resonanz überschaubar war: Diese zwei Stunden Qualitätsdebatte waren ehrlicher und erhellender als alles, was das Fernsehen nach dem so genannten Reich-Ranicki-„Eklat“ hervorgebracht hat. Was uns das wiederum übers Fernsehen sagt, besprechen wir allerdings besser ein anderes Mal.

Das Chat-Protokoll vom Dienstagabend soll im Laufe des Tages auf der Website von NDR Info online gestellt werden.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: WDR/KLAUS GOERGEN

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