Dokumentarfilm „Mogadischu“

Die Wirrköpfe in Stammheim waren unerheblich

Als Held rehabilitiert: “Landshut“-Kapitän Jürgen Schumann (Thomas Kretschmann)

Als Held rehabilitiert: "Landshut"-Kapitän Jürgen Schumann (Thomas Kretschmann)

24. November 2008 Er hat das Drehbuch zur Neuverfilmung der „Landshut“-Entführung im Jahr 1977 geschrieben. Im F.A.Z.-Gespräch äußert sich Maurice Philip Remy über die notwendige Neubewertung der Flugzeugentführung, über deutsche Helden und den Mythos RAF.

Vor elf Jahren hat Heinrich Breloer die Entführung der „Landshut“ in seinem Doku-Drama „Todesspiel“ ins Fernsehen gebracht. Warum haben Sie sich entschieden, die Geschichte noch einmal zu verfilmen?

Maurice Philip Remy schrieb sein erstes Spielfilmdrehbuch

Maurice Philip Remy schrieb sein erstes Spielfilmdrehbuch

Schon Anfang der Neunziger habe ich davon geträumt, daraus einen Spielfilm zu machen, und begonnen, ernsthaft zu recherchieren. Aber dann kam Breloer, zum 20. Jahrestag 1997. Das ist so outstanding gewesen, da war klar, das Thema ist erst mal tot. Aber vor etwa fünf Jahren erwachte meine Neugier wieder. Irgendwie hatte ich das Gefühl: Breloer hat das Thema noch nicht abschließend bearbeitet. Mir hat schon bei der Ausstrahlung die Fixierung auf die RAF nicht gefallen. Die Generation vor mir hat aus der Motivation der Täter und aus dem Mythos RAF immer auch einen Teil ihrer eigenen Identität abgeleitet. Das war mir fremd. Ich war und bin an den Opfern interessiert, mehr als an den Tätern. Und das unterscheidet unseren Film von allem, was bisher da war. Diese radikale Sicht, zu sagen: Es geht um die Entführung einer deutschen Passagiermaschine durch palästinensische Terroristen, es geht um die Geiseln in der Maschine - nicht um die RAF.

Auch wenn es Ihnen um die Opfer geht: Ist es denn sachdienlich, den Kontext „Stammheim“ ganz auszublenden? Es war ja nicht irgendeine Flugzeugentführung.

Nein, aber ich glaube, dass der Kontext einseitig hergestellt worden ist. Bisher wurde immer aus der Sicht der RAF argumentiert. Bei Breloer sitzt Baader in Stammheim wie die Spinne im Netz. Er zieht an den Fäden, bis hin zur Entführung der Maschine. Das ist doch historisch falsch. Ich betrachte auch die Interpretation im „Baader Meinhof Komplex“ kritisch. Im Juni 1976 wird Brigitte Mohnhaupt nach Stammheim verlegt; im Februar 1977 wird sie dann entlassen. Im Film sieht das so aus, als wäre sie in Stammheim von Baader und seinen Mitgefangenen instruiert worden, was zu tun ist. Dann kommt sie raus, übernimmt die Führung der RAF, und schon beginnt das Terrorjahr 1977. Das ist historisch nicht haltbar. Die RAF der zweiten Generation war nach Stockholm nicht mehr handlungsfähig. Die haben sich 1976 überhaupt erst mit Hilfe der palästinensischen Terrororganisation PFLP wieder richtig aufstellen können; in den Terrorlagern der PFLP im Südjemen wurde damals bereits der gesamte Fahrplan für das Terrorjahr 1977 festgelegt.

Und Sie glauben, der Mythos RAF verhindert, dass man sich mit der größeren Perspektive beschäftigt?

Das ist genau der Punkt, der mich getrieben hat. Alles war 1976 bis in die Einzelheiten schon geplant. Da musste doch Frau Mohnhaupt nicht mehr aus dem Gefängnis kommen und von Herrn Baader noch irgendeinen Input bringen. Deswegen gefällt mir diese Darstellung nicht - das ist nur der Dramaturgie geschuldet, damit das Ganze wieder bei Baader und seinen Leuten zusammenläuft. Dabei sind diese Wirrköpfe in Stammheim zu dem Zeitpunkt schon völlig unerheblich für die Geschichte.

Aber die Stimmung im Herbst 1977, schwang die nicht mit in der Maschine?

Natürlich schwang sie mit, schließlich war die Forderung ja die Freilassung von inhaftierten Terroristen in Deutschland. Aber es spielen noch ganz andere Faktoren eine Rolle, die mich viel mehr interessiert haben. Denken Sie nur an die Entführung der Air-France-Maschine nach Entebbe 1976 - auch eine Kooperation der PFLP mit westdeutschen Terroristen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann von den Revolutionären Zellen. Die beiden Deutschen machen dort Selektion, lassen alle nichtjüdischen und nichtisraelischen Passagiere frei. Die Juden bleiben zurück, um ermordet zu werden! Kuhlmann hatte sich den Decknamen „Halimeh“ gegeben, Böse nannte sich „Mahmud“. Der Anführer der Entführer der „Landshut“ nannte sich „Martyr Mahmud“ - und wie haben die die ganze Operation genannt? „Operation Martyr Halimeh“. Martyr - das bedeutet Märtyrer. Als Erinnerung und Ehre für die ermordeten deutschen Terroristen von Entebbe. Und was machen sie an Bord der „Landshut“? Wieder Selektion. Zur Freipressung von Baader, Ensslin und anderen wird nach Juden an Bord einer Lufthansa-Maschine gesucht. Das müssen Sie sich mal vorstellen.

Das hat mit politischem Kalkül nichts mehr zu tun.

Das ist es, was ich damit sagen will. Hier geht's um Gewalt, um blinden Fanatismus. Es ist völlig überflüssig, sich zu lange damit aufzuhalten, was die Leute im Kopf haben. Alleine damit hat die RAF ihre Ziele selbst ad absurdum geführt.

Geht es Ihnen denn um die Veränderung der Perspektive auf die Opfer hin? Oder um die Überbewertung der RAF in ihrer historischen Bedeutung?

Um beides. Ich bin aber nicht mit einem Ziel an das Drehbuch herangegangen. Wenn es überhaupt ein Ziel gab, das sich mit der Zeit herauskristallisierte, war es, herauszufinden: Was war mit Jürgen Schumann, dem Kapitän? Ich wollte dazu beitragen, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt.

Schumann hatte beim Zwischenstopp in Aden die Maschine verlassen, um das Fahrgestell zu kontrollieren, und wurde bei seiner Rückkehr erschossen. Niemand wusste genau, was er in diesen rund zwanzig Minuten gemacht hat, es gab immer wieder Spekulationen, dass er flüchten wollte.

Ich merkte sehr schnell, dass Schumann sich ganz ungewöhnlich verhalten hatte - ungewöhnlich mutig. Der fing schon wenige Stunden nach der Entführung an, über Funk Nachrichten von Bord zu schmuggeln. Er hat dem Ko-Piloten Jürgen Vietor zweimal das Leben gerettet und durch zähes Verhandeln das Todesurteil für die drei Frauen abgewendet, die als Jüdinnen ermordet werden sollten. Jemand, der sich so verhält, der flieht doch nicht, das passte nicht zusammen.

Sie haben herausgefunden, dass Schumann zum Flughafengebäude gegangen ist, um mit den jemenitischen Offiziellen zu reden.

Ich hatte einen arabischen Rechercheur, der für mich immer wieder in den Jemen fuhr. Nach langer Suche hat er den Chef der Sondereinheit gefunden, die damals am Flughafen die „Landshut“ umstellt hat, Scheich Ahmed Mansur. Und der konnte uns endlich sagen, was damals passiert ist: Schumann hatte den Kontakt zu den jemenitischen Behörden gesucht, um den Wiederstart der Maschine zu verhindern. Das war nach der Notlandung einfach ein ungeheures Risiko.

Sie haben sich gewünscht, dass Thomas Kretschmann die Rolle von Schumann spielt. Warum?

Sie finden in Deutschland viele Schauspieler, die ideal sind, um gebrochene Gestalten zu spielen. Aber eine Heldenfigur, einer wie einst Curd Jürgens, den finden sie kaum. Das hat sicher auch etwas mit unserer Geschichte zu tun. Aber bei „Mogadischu“ gibt es eben wieder Helden, und ich wollte einen, der auch so aussieht. Und dann sah ich Kretschmann in „King Kong“ und dachte: Das ist ein Deutscher? Der muss es sein.

Das war Ihre Schumann-Figur.

Absolut. Was ich an der ganzen Geschichte so mochte, war, dass es eine Heldengeschichte ist. Aber diese Helden sind es auf eine ganz unpathetische Art und Weise; sie tun eigentlich nur ihre Pflicht, aber das eben mit unerhörten Folgen. Einer wie der GSG-Kommandeur Ulrich Wegener, der mit seinen Männern die Demokratie verteidigt, aber kein großes Spektakel daraus macht. Der war vorher ganz unaufgeregt, weil er wusste, das hatten die tausendmal geübt, das wird klappen. Und nachher blieb er genauso bescheiden. Oder Helmut Schmidt, was für ein herausragender Politiker - was sagt er zwei Tage nach dem Triumph Mogadischu vor dem Bundestag? Er spricht davon, dass er mit „Versäumnis und Schuld“ belastet sei, das finde ich groß. Und eben Schumann, der sein Leben gibt, aus Verantwortung für das seiner Passagiere.

Durch Ihre Produzentin Gabriela Sperl kam es zur Zusammenarbeit mit Nico Hofmanns Produktionsfirma Teamworx. Die ist eher für eine melodramatische Umsetzung historischer Stoffe bekannt. Waren Sie skeptisch?

Nein. Hofmann hat ja selber mit erstklassigen Geschichtsfilmen angefangen. Natürlich habe ich von Anfang an klargemacht: keine Liebesgeschichte. Ich fühlte mich als Außenstehender einfach nicht berufen, der Trivialisierung des Stoffes den Weg zu bereiten. Aber Hofmann hat das Potential der Geschichte sofort erkannt.

Sie haben bisher vor allem als Dokumentarfilmer gearbeitet. Worin lag für Sie überhaupt der Reiz, den Stoff diesmal auch in einem Spielfilm zu verarbeiten?

Mit einem Spielfilm erreichen Sie viel mehr Leute; ich liebe gute Geschichten, und ich habe es genossen, etwas freier erzählen zu können, als das bei Dokus möglich ist.

Ein Spielfilm kann nicht vermeiden zu lügen.

Natürlich nicht. Ich verdichte fünf Tage auf hundert Minuten und auf die Sicht von etwa fünfzehn Protagonisten. Andernfalls müsste man in Echtzeit drehen, aus der Perspektive eines einzigen Passagiers. Dann könnte ich Ihnen hundert annähernd authentische Minuten zeigen, das würde sich aber dann sicher niemand mehr anschauen.

In seinem sehr deutlichen Bemühen um Authentizität behauptet Ihr Film aber doch trotzdem, die Wahrheit zu sagen.

Ich als Drehbuchautor behaupte nicht, die Wahrheit zu sagen. Im Gegenteil: Es gibt keine allein seligmachende Wahrheit. Ich kann nur davor warnen zu glauben, man würde in dem Film die Wahrheit vorgesetzt bekommen. Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung. Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?

Das Gespräch führte Harald Staun.

„Mogadischu“ läuft am 30. November um 20.15 Uhr im Ersten.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: ARD Degeto/Stephan Rabold, SWR/A. Kluge

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Glück im Unglück: Schützen Sie sich vor den finanziellen Folgen eines Unfalls. Jetzt Unfallversicherungen vergleichen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche