Jean-Charles Brisard

Die Ehre und Rache eines Scheichs

Von Jürg Altwegg, Genf

Jean-Charles Brisard mit dem Buch des Anstoßes

Jean-Charles Brisard mit dem Buch des Anstoßes

27. Dezember 2006 „Wir, Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquié, sind die Autoren des Buches ,Die verbotene Wahrheit'. Ich, Jean-Charles Brisard, bin auch der Verfasser des Berichtes ,Terrorism Financing'.“ So beginnt ein Entschuldigungsschreiben an den saudischen Scheich Bin Mahfouz. Ihm hatten Brisard und Dasquié vorgeworfen, Al Qaida zu finanzieren. Als Bankier der Terroristen wurde er dargestellt. War alles erstunken, erlogen, erfunden?

Die beiden Autoren jedenfalls erklären dem Scheich, „daß alle diese Behauptungen über Sie und Ihre Familien, Gesellschaften und Benefizorganisationen jeder Grundlage entbehren und ganz offenkundig falsch sind“. Und sie versprechen, diese „nie mehr zu wiederholen“: „Wir sind uns des großen Schadens bewußt, den Ihr Ruf durch diese Behauptungen erlitten hat. Wir nehmen auch zur Kenntnis, daß diese Behauptungen Ihnen und Ihrer Familie großes Leid zugefügt haben, und wir möchten uns dafür von ganzem Herzen entschuldigen.“

Das demütigende Dementi geht um die Welt. Sie erschien im „Spiegel“ ebenso wie in der F.A.Z., im „Figaro“ und in „Le Monde“. So sind noch nie Autoren an den Pranger der internationalen Medienwelt gestellt worden. „Excuse! Journalisten im Staub vor einem Scheich“, höhnte die „Süddeutsche Zeitung“. „Die französischen Bestsellerautoren Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquié mußten in der internationalen Presse Großanzeigen schalten“, schreibt „Focus“. Zu „600.000 Euro Strafe“ hätten Richter in London die Autoren eines Buches verurteilt, „das dort gar nicht auf dem Markt war“.

Wer finanzierte den Terror des 11. September?

Am 11. September 2001 wurde Jean-Charles Brisard plötzlich zu einem gefragten Mann. Er hatte zuvor die autorisierte Biographie des französischen Innenministers Charles Pasqua geschrieben, dessen Name im Schnittpunkt vieler Affären und Skandale steht - das Buch überzeugt mehr durch seine Lücken als durch seine Enthüllungen. 2000 kam Brisard zu Vivendi, Abteilung Wirtschaftsspionage. Nie wurde wirklich bekannt, in wessen Auftrag er seine Ermittlungen über die Finanzierung islamischer Gruppen in Frankreich betrieb - aus denen ein Bericht hervorging, der nach dem 11. September Aufsehen erregte. Auf ihm basiert die These, daß Bin Ladin und die Al Qaida von Mäzenen aus Saudi-Arabien finanziert wurden, die auch für den Bau von Moscheen in Frankreich gespendet hätten. Vom „offiziellen Bericht einer französisch-amerikanischen Kommission“ war die Rede. Auch davon, daß Chirac ihn persönlich Bush ausgehändigt hatte. Es war jedenfalls so ziemlich das einzige Dokument, das einer aufgewühlten Welt, die nach Erklärungen lechzte, Hintergrundinformationen anbot.

Über Geheimdienste und Terroristen können Journalisten so ziemlich schreiben, was sie wollen. Das Risiko, dementiert zu werden, ist gleich Null. Falls Brisard einst wirklich als französischer Agent gearbeitet haben sollte, hätte ihm der Geheimdienst kaum erlaubt, seine Informationen unmittelbar nach dem Attentat in Buchform zu vermarkten. Als „Die verbotene Wahrheit“ längst auf den Bestsellerlisten stand, wurde das Buch in der Schweiz vorübergehend verboten - der in Genf lebende Halbbruder von Usama bin Ladin wehrte sich gegen die Behauptung, er unterhalte geschäftliche Beziehungen zu Terroristen. Schon im Frühjahr 2002 erschien die deutsche Übersetzung (bei Pendo) - auch in der Schweiz und blieb unbehelligt. Allerdings hat der Presserat 2004 dem Magazin „L'Hebdo“, das sich auf Brisard stützte, eine Rüge erteilt.

Als „Hirn gegen Bin Ladin“ beschrieben

Genauso erfolgreich wurde dessen zweites Buch: „Das neue Gesicht der Al Qaida“ (Propyläen). Das ZDF und Dritte Programme besuchten den Autor. „Brisard befaßt sich als Chefermittler mit den Anschlägen auf das World Trade Center“, zitiert der Pressedienst des Verlags das Kulturmagazin „Aspekte“. Den Tod des Terroristen al-Zarkawi kommentierte Brisard in der „Welt“: Er sei bei Usama Bin Ladin in Ungnade gefallen und von seinen eigenen Al-Qaida-Leuten in den Tod geschickt worden. Auch in der Affäre um das Magazin „Cicero“, das aus vertraulichen Dokumenten des BKA über al-Zarkawi zitierte, taucht Bisard auf: Mehrfach beruft sich der Franzose auf das Geheimpapier, das möglicherweise durch ihn zu „Cicero“ gelangte.

Im Oktober veröffentlichte der „Spiegel“ eine Geschichte über Jean-Claude Brisard - Titel: „Das Hirn gegen Bin Ladin“. Auf einer Hotelterrasse in Marrakesch hatte er die Autorin empfangen, als „lebende Datenbank“ und „Enzyklopädie des Terrorismus“ beschreibt sie ihn. Etwas Vergleichbares „haben weder die CIA noch das FBI, weder die britischen Geheimdienste noch das deutsche Bundeskriminalamt zustande gebracht“. In der ganzen Welt „beneiden Geheimdienstler den privaten Ermittler um seine Möglichkeiten“.

Staatliche Terrorfahnder müssen zahlen

Bezahlt werden sie vom amerikanischen Staranwalt Ron Motley. Er vertritt die Hinterbliebenen der Opfer des 11. September. Auf „1000 Milliarden Dollar“ beziffert der „Spiegel“ den Streitwert des anstehenden Prozesses. Achtzehn Millionen Dollar habe Motley in die Ermittlungen gesteckt: „Brisard schickt junge, motivierte Leute zu Recherchen um den ganzen Erdball. (. . .) Ein Mitarbeiter wurde in Saudi-Arabien in seinem Auto tot aufgefunden, zwei Kugeln im Kopf.“ Und natürlich wird auch Brisard permanent mit Morddrohungen eingedeckt. Doch „entnervt“ habe er seine Leibwächter, die ihn ein Jahr lang begleiteten, entlassen.

Der James Bond der Terrorbekämpfung, „38, blond, jugendhaftes Gesicht, erstaunlich blaue Augen“ („Spiegel“), nutzte die Plattform für ein kommerzielles Angebot: Er wolle seine Informationen gegen Bezahlung den staatlichen Terrorfahndern zur Verfügung stellen. „Ein revolutionäres Projekt in einem Europa, in dem der Zugang zu Polizeidaten eines Nachbarstaates immer noch schwierig ist. In den nächsten Wochen will Brisard seine Datenbank mit Suchsystem vorstellen (. . .), im Probebetrieb läuft es schon.“

Einst hat Bin Ladin 270.000 Dollar von ihm bekommen

Der Bericht verfehlte seine Wirkung nicht. Andere zogen nach und strickten die Legende weiter. Dem „Blick“ mußten die Schweizer Behörden erklären, daß sie ein entsprechendes Angebot prüfen würden. Er schrieb: „Sollte es der Al Qaida gelingen, Brisard zu töten, wird sein Lausanner Geheimarchiv überleben.“ Jetzt ist Jean-Charles Brisard tatsächlich verschwunden. Wohl kaum aus Angst vor der Al Qaida. Er beantwortet keine Mails und bleibt telefonisch unerreichbar. Mit Angeboten für sein „Google über Al Qaida“ kann er nicht mehr rechnen. Sein Entschuldigungsschreiben bleibt bislang sein letztes Lebenszeichen in der Öffentlichkeit.

Bin Mahfouz gehört der zu den reichsten Männern seines Landes und der Welt. Bin Ladin hatte er einst mit 270.000 Dollar unterstützt - allerdings zu einer Zeit, da es in Afghanistan um den Kampf gegen die sowjetische Besatzung ging. Zu den Vereinigten Staaten unterhält er intensive Geschäftsbeziehungen. Eine vom späteren Präsidenten Bush geleitete Ölfirma soll er einst vor dem Bankrott gerettet haben.

Der Scheich Bin Mahfouz klagt in der ganzen Welt

Nach dem 11. September haben viele Khalid Bin Mahfouz als Banker der Terroristen bezeichnet. Die Information wurde von einem CIA-Boss in die Welt gesetzt und später dementiert. Bin Mahfouz hat gegen bedeutende Medien wie das „Wall Street Journal“ geklagt und immer gewonnen - eine Aufstellung findet man auf seiner Internetseite.

In Frankreich hat er auf juristische Schritte verzichtet. Eine in Belgien eingereichte Klage blieb folgenlos. In London hatte Bin Mahfouz Erfolg. Er klagte nach der Veröffentlichung der englischsprachigen Übersetzung in einem amerikanischen Verlag. Etwa vierhundert Exemplare des Buches seien in England verkauft worden, ließ der Richter hochrechnen. Die Anschuldigungen bezeichnete er als extrem schwerwiegend. Er zeigte sich erstaunt über die stümperhafte Verteidigung Brisards und seine Uneinsichtigkeit. Einmal soll er „Immunität“ beansprucht haben, weil er auch schon vor parlamentarischen Ausschüssen aussagte. Dann wieder kündigte er an, die Beweise würden folgen.

Warum hilft Ron Motley seinem Chefermittler nicht?

Der Richter entschied sich für die bei Ehrverletzungen geltende Höchststrafe: 10.000 Pfund. Und zur Übernahme der Kosten. Er lehnte es jedoch ausdrücklich ab, die vom Kläger geforderte öffentliche Entschuldigung zu verordnen.

Der Scheich hat sie außergerichtlich bekommen. Wie sich Brisard dafür hergeben konnte, bleibt ein Rätsel. Der mit ihm verurteilte Dasquié gibt an, die Anwälte von Bin Mahfouz hätten eine Anwaltsrechnung über 500.000 Euro geschickt, die er und sein Verleger nicht bezahlen könnten.

Selbst einem Bin Mahfouz würde es nicht leichtfallen, eine solche Forderung in Frankreich oder der Schweiz, wo Brisard wohnt, vollstrecken zu lassen. Unerklärlich bleibt vor allem, warum die Kanzlei von Ron Motley ihrem Chefermittler weder juristische noch finanzielle Hilfe leistete. Seine Forderungen im Namen der Terroropfer richten sich auch an Bin Mahfouz. Der nun - vielleicht zu Unrecht - mit einer blütenweißen Weste dasteht. Während Brisard jeden Kredit verloren hat.

Die Anzeigen mit den Entschuldigungen zahlte - Bin Mahfouz

Keine deutsche und keine französische Zeitung wurde über den Ausgang des Prozesses informiert. Und der Kämpfer gegen die verbotenen Wahrheiten hat es natürlich unterlassen, der „Spiegel“-Reporterin von seinem Fiasko und den anstehenden Folgen zu erzählen. Erst als die Anzeigen - die keine Gegendarstellung sind - erschienen, gab es Reaktionen. „Reporter ohne Grenzen“ kritisierte, daß superreiche Leute in einem beliebigen Land, dessen Gerichtsbarkeit ihnen den größten Erfolg verspricht, klagen können.

Zeitungen wie „Le Monde“ sehen schlicht den Recherchierjournalismus in Gefahr. Doch Brisards Bücher mit ihren unbewiesenen Darstellungen sind weiter auf dem Markt. In Deutschland. In Frankreich. Auch in England. Und die Anzeigen in der Weltpresse, deren Gesamtpreis die eingeforderten Anwaltskosten wahrscheinlich übersteigt, haben keineswegs die gebeutelten Autoren bezahlen müssen. Sie wurden von Scheich Bin Mahfouz geschaltet und finanziert.

Text: F.A.Z., 28.12.2006, Nr. 301 / Seite 34
Bildmaterial: AP

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