Von Matthias Hannemann
12. November 2008 Es war davon auszugehen, dass Andrea Ypsilanti sich eines fernsehrauschenden Abends an der Seite von jenen wiederfinden würde, die auf der Suche nach übernatürlichen Phänomenen sind. Erstens ist ihr Verhältnis zu ernsthaften Erklärungsansätzen, wenn es um die Realität geht, gespalten. Und zweitens kann der Ausbau ihres Netzwerkes wohl kaum schaden, um beim nächsten Versuch, den roten Planeten Hessen zu erreichen, verlässlichere Verbündete zu haben als jene, die kurz vor Missionsstart die Notbremse zogen. Den Satz, mit dem Erich von Däniken seine Vorträge beendet, hat sie jedenfalls ebenso drauf wie Uri Gellers Fähigkeiten, sich die Dinge zurechtzubiegen: Meine Damen und Herren, glauben Sie mir kein Wort.
Andrea Ypsilanti in dieser Kerner-Sendung: das machte Sinn. Überhaupt, der nette Herr Kerner. Der war schon im Januar freundlich, als Frau Ypsilanti ob der Hessenwahl prächtige Laune hatte und auf die Frage nach dem Wahlsieger mit einem ungeschminkten Isch! reagierte. Kerner schien der Richtige, um in der Woche nach einem Fiasko an das Mitgefühl der Fernsehnation zu appellieren - und auf diesem Wege über die perfide Rafinesse hinwegzutäuschen, mit der sie und die Ihren seit nunmehr einer Woche über vier Genossen herfallen, die ihrem Linkskurs zu widersprechen wagten.
Ich bin noch an Bord
Propaganda in Deutschland kann so einfach sein. Samstag ein halber Rücktritt. Sonntag eine Videobotschaft für Anne Will. Montag eine weitere, im Kleide von Heide Simonis, für Reinhold Beckmann. Dienstag dann Kerner, dessen Redaktion es nicht versäumt, Stunden vor Ausstrahlung der Sendung bereits all jene Zitate zum Weiter so in den Presseverteiler zu stecken, auf die es ankommen soll: Ich bin noch an Bord. Sie klingen wie alles, was von Ypsilanti in den letzten Tagen zu vernehmen war.
Trotzdem ging Ypsilantis Rechnung bei Kerner nicht ganz auf. Denn Kerner hatte sich überraschend mit einem Stoß kleiner bunter Notizzettel gewappnet. Er war aufgeregt. Er weigerte sich, Ypsilantis Erklärungsversuche für die Enttabuisierung der Linken im Raum stehen zu lassen (Sie: Es gab keine anderen Möglichkeiten, Er: Vielleicht wäre es besser gewesen, neu zu wählen). Er lehnte es ab, beim Thema Wortbruch ihrem beleidigten Verweis auf Verfehlungen anderer Parteien zu folgen, hielt ihr das Zitat eines Genossen entgegen, der die vier Widerspänstigen als schmutzige Parasiten bezeichnet hatte (Sie bat um Verständnis für die hochgekochten Emotionen, hätten die vier doch Schicksal gespielt), entlockte Ypsilanti eine Definition von Fragen, bei denen sie Gewissensentscheidungen akzeptieren könne (Fragen nach Krieg und Frieden, Leben und Tod).
Dann frage ich mich, wie man in Zukunft Politik macht
Und schließlich meinte er, als sie in die üblichen Phrasen verfiel: 86 Prozent der Hessen sagen, Sie finden das nachvollziehbar, was die vier gemacht haben. Da schwieg Andrea Ypsilanti für einen Moment, gab den Versuch auf, 86 von hundert Hessen der Union und FDP zuzuschlagen. Sie antwortete: Dann frage ich mich, wie man in Zukunft Politik macht. Und zwar so verbissen und ernst, als wäre es nur noch eine Frage der Technik, mit diesem Problem namens Demokratie in Zukunft umzugehen.
Der junge Mann namens Thorsten Schäfer-Gümbel sagte da besser nichts. Er hält es aber, wie er später artig nachschob, als Spitzenkandidat seiner Partei in Hessen für richtig, auf Kontinuität zu setzen. Muss man sich Ypsilanti und Schäfer-Gümbel, hatte Claus Kleber am Samstag im Heute-Journal gefragt, vorstellen wie Putin und Medwedew, ein relativ unbekannter Blasser wird aufgestellt, weil der eigentlich Mächtige eine Runde aussetzen muss? Derart bissig wurde Kerner zwar nicht.
Ein unerwartet trickreicher Moment
Doch auch hier: ein unerwartet trickreicher Moment. Der Gastgeber sieht etwas, lacht, beugt sich nach vorne, zeigt schreiend auf Schäfer-Gümbels Krawatte, ruft: Sie tragen eine rot-rote Krawatte! Und als der das noch immer für einen Witz hält, von Fußballvereinen zu sprechen beginnt, schießt er nach - mit einem Zitat aus dem vergangenen Wahlkampf, in dem Schäfer-Gümbel noch nicht Sag niemals nie sagt, sondern sich wie die damalige Spitzenkandidatin Ypsilanti sehr deutlich von der Linken distanziert.
Es ist doch so einfach, kommentiert Kerner, Vor der Wahl sagen, was man will, hinterher so handeln.
Eine Punktlandung. Das Publikum applaudiert.
Kerner strahlt den ganzen Rest der Sendung über
Und Kerner strahlt. Die Vorstellung von intelligentem Leben, beginnt er später die Überleitung zu den Gesprächen mit Däniken und Geller, so als habe der erste Punkt der Sendung mit dem zweiten etwas zu tun, auf anderen Planeten fasziniert die Menschheit von jeher. Er strahlt den ganzen Rest der Sendung über, strahlt selbst Nina Ruges Hautarzt und Komiker Ingo Appelt an, der Anmerkenswertes zur Gleichberechtigungsdebatte zum Besten gab.
Sein Interview mit Frau Ypsilanti jedenfalls lief besser als erwartet. Für das, was sie antwortete, kann er ja nichts. Und an den Schmerzen, die ihn die Überwindung seiner selbst zuweilen kostete: arbeiten wir noch.
Bildmaterial: AP