Bloggerkonferenz re:publica

Ich seh' nur Pfeifen

Von Jochen Stahnke

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sprach - doch kaum einer wollte ihm seine volle Aufmerksamkeit schenken

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sprach - doch kaum einer wollte ihm seine volle Aufmerksamkeit schenken

05. April 2009 Es ist der Tag, an dem die G-20-Länder eine Reform der Finanzmärkte beschließen und der Nato-Gipfel in Straßburg beginnt, und es ist der Tag, an dem Hunderte Afrikaner auf dem Überweg nach Europa ertrinken. Doch in den etwa hunderttausend deutschen Blogs, die das Internet sekündlich mit Text und Information fluten, findet sich dazu so gut wie nichts. Die Teilnehmer der größten deutschen Bloggerkonferenz „re:publica“, die sich jetzt zum dritten Mal in Berlin trafen, haben andere Prioritäten.

„Jeder ist Presse“, steht im Programmheft der Berliner Veranstaltung. Was das für Folgen für das eigene Tun hat, kann man am zweiten Tag sehen: Es findet eine „Twitter-Lesung“ statt, einer der Höhepunkte. Twitter ist ein Netzanbieter, auf dessen Internetseite man in höchstens 140 Zeichen einer sogenannten Community eigene Gedanken und Befindlichkeiten mitteilen kann. „Habe mir die Hände gewaschen“, „twittert“ einer der Teilnehmer aus dem Sanitärbereich des Veranstaltungsortes. „Hab wohl Tinnitus in den Augen - ich seh' nur Pfeifen“, lautet ein anderer Beitrag. „Was, es gibt eine gedruckte Version der New York Times? Verstehe, für die Obdachlosen“, ein dritter. Geballte Information.

Permanente Teilanwesenheit

Permanente Teilanwesenheit: Wer sich zur Netzavantgarde zählt, muss in Gedanken immer gleichzeitig an mehreren Orten sein

Permanente Teilanwesenheit: Wer sich zur Netzavantgarde zählt, muss in Gedanken immer gleichzeitig an mehreren Orten sein

Die Zahl der Online-Communities und interaktiven Kommunikationsportale wie Twitter, Facebook oder YouTube wächst auch in Deutschland rasant. „Mittlerweile hat jeder die Möglichkeit, ein Sender zu sein“, sagt Markus Beckedahl, einer der Organisatoren der re:publica. Ob Bertolt Brecht an solcherlei Twitter-Botschaften dachte, als er ebendiese Forderung stellte? Soll man es eine Errungenschaft nennen, wenn jeder immer und überall alles schreibt und versendet, was ihm gerade durch den Kopf geht?

Die 1500 Besucher auf der re:publica scheinen sich daran nicht zu stören. Die Konferenz wirkt vielerorts wie ein selbstreferentielles Sich-Vergewissern der eigenen Spezies, die merkt, dass sie real existiert - oder auch nicht: Die meisten der vorwiegend männlichen Besucher Mitte dreißig haben mindestens ein Laptop, Blackberry oder iPhone auf dem Schoß und tippen beinahe sekündlich weitere Blogeinträge oder Twitter-Botschaften, im Fachjargon „Tweets“ genannt, ins Internet.

Altpapier und Netzavantgarde

Selbst Vorträgen wie dem des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales schenkt kaum jemand volle Aufmerksamkeit. Wales haben die Organisatoren einfliegen lassen, um der Tagung „mehr Internationalität“ zu verleihen, wie Beckedahl sagt. Der Wikipedia-Pionier bescheinigt den Zuhörern, dass die deutsche Wikipedia die höchste Qualität überhaupt aufweise. Aber was hat das eigentlich mit Blogs zu tun? Überhaupt wirkt das Programm der „re:publica“ beliebig: Es gibt Vorträge zu Behindertenblogs, Datenschutz, Feministenblogs oder Pharmaunternehmen im Netz. Viele Sponsoren der mehr als 100.000 Euro teuren Veranstaltung richten eigene Panels aus. So veranstaltet IBM etwa das Panel „Clients der Zukunft und das Microsoft-freie Büro“.

Ein stetes Thema auf der Konferenz ist das Verhältnis zwischen alten und neuen Medien, im Bloggerjargon der Kampf zwischen „Altpapier“ und „Netzavantgarde“. „Gedruckte Zeitungen haben keine Zukunft“, sagt Beckedahl, während RBB-Programmbereichsleiter Helmut Lehnert auf der Veranstaltung „Die Medienwelt im Wandel“ die inhaltliche Bedeutungslosigkeit der Blogs in Deutschland beklagt. Hinter ihm ist eine sogenannte „Twitter-Wall“ aufgebaut worden, auf die unmittelbar Kommentare gesendet werden können. Lehnert beklagt sich, dass er die Botschaften auf der Bühne nicht sehen kann. „Heul doch“, antwortet ein anonymer Zuschauer postwendend.

Gedanken dürfen nichts kosten

Ein anderes vieldiskutiertes Thema ist das Urheberrecht. Mit dem amerikanischen Rechtsprofessor Lawrence Lessig tritt der prominenteste Verfechter eines weitgehend Copyright-befreiten Internets auf. Lessig hat die „creative commons“-Bewegung gegründet, ein Modell der freien Lizenz für Medienerzeugnisse. Niemand dürfe für vermeintlich urheberrechtsverletzende Downloads kriminalisiert werden, trägt Lessig in einer erstaunlich schlichten Powerpoint-Präsentation vor: Kultur lebe von Freiheit der Gedanken und (kosten-) freier Verwendung von Medienerzeugnissen. Gegenwärtig herrsche ein „Kulturkampf“, in dem Künstler und große Medienhäuser aus Angst vor Veränderung ungerechtfertigt Besitzstand wahren wollten.

Würde Lessig, einmal anders gefragt, auch von Immobilienmaklern, Steuerberatern und Rechtsprofessoren verlangen, dass sie auf ihren Besitzstand und die Bezahlung ihrer Leistungen verzichten? Dass die Urheber von Gedanken, die nicht bezahlt und geschützt werden, bald keine Zeit und kein Geld mehr haben, diese zu denken, und dass eine Avantgarde, die über 140 Zeichen und den Horizont ihres Privatlebens nicht hinauskommt, kaum geeignet ist, die Weltöffentlichkeit aufzuklären - an diesen Widerspruch mochte Lessig aus Angst vor Veränderung keinen Gedanken verschwenden. Die Bloggerrepublik kreist weiter um den eigenen Bauchnabel und gefällt sich dabei, ihn für die Öffentlichkeit zu halten.

Bildmaterial: dpa

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