25. Juli 2007 Als er hörte, er müsse nach dem Urlaub nicht mehr kommen, hielt er es zuerst für einen Scherz: Ein Gespräch mit Thomas Kausch, dem bisherigen Nachrichtenchef von Sat.1, den sein Sender von jetzt auf gleich seiner Pflichten enthob.
Herr Kausch, Sie haben einen sehr unruhigen Urlaub verbracht.
Na ja, mal abgeschaltet, im wahrsten Sinne des Wortes allerdings.
Haben Sie nicht während Ihres Urlaubs einen Anruf Ihres Senders bekommen mit der Mitteilung, dass man Sie nach Ihrem Urlaub nicht mehr benötigt?
Nein, kurz vor Antritt meines Urlaubs hatte mich Geschäftsführer Alberti samstags zu einem Gespräch gebeten, und mir mitgeteilt, dass ich ab Montag nicht mehr kommen müsste. Zuerst habe ich gelacht, aber es war kein Scherz. Es traf mich aus heiterem Himmel.
Es traf nicht nur Sie aus heiterem Himmel, sondern Ihr gesamtes Team. Wenn ich es richtig weiß, hat Pro Sieben Sat.1 beschlossen, die eigenständige Nachrichtenproduktion, deren Chef Sie gewesen sind, einzustellen. Wie hat man das Ihnen gegenüber begründet?
Die Nachrichten werden in Kooperation mit N24 gemacht. Ich war auf Sat.1-Seite verantwortlich. Was Gründe angeht, kann ich nur interpretieren. Es gab nie Kritik an meiner Leistung oder an meinem Verhalten, auch nicht in diesem letzten Gespräch. Man hat mich geholt, weil ich für ein journalistisches Profil stehe, und nun muss ich gehen, weil ich für dieses journalistische Profil stehe.
Als Sie vor drei Jahren zu Sat.1 gekommen sind, war das noch ganz anders. Damals gab es den Geschäftsführer Roger Schawinski und der war von Ihnen restlos begeistert. Er sagte, es kann nur einen geben, der die Nachrichten von Sat.1 präsentiert, der Beste im deutschen Nachrichtengeschäft, für den er Sie aufgrund Ihres besonderen Moderationsstils hielt. Davon ist jetzt nichts übrig geblieben. Wie ist es Ihnen in diesen drei Jahren ergangen?
Ich hatte sechzehn Jahre lang für ARD und ZDF gearbeitet als Reporter, Korrespondent und Moderator. Aus dieser Erfahrung ergibt sich ein Anspruch an Qualitätsjournalismus. Den wollte Sat.1, als man mich holte, und den habe ich auch nicht aufgegeben. Und wenn ich damit nun im Weg stehe und von heute auf morgen gehen muss, dann kann ich daraus nur schließen, dass man bei Sat.1 eine andere Nachrichtensendung machen will. Die Pläne kenne ich nicht. Rückblickend kann ich sagen: Als ich zum Sender kam, war meine Vorstellung, die gewissenhafte politische Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen mit dem Gespür des Privatfernsehens für die Lebenswirklichkeit der Menschen in eine moderne Verbindung zu bringen. Und das Konzept ging auf. Während alle anderen Nachrichtensendungen Zuschauer verloren, gewannen wir stetig hinzu, bis zum Rekordwert von über fünfzehn Prozent Marktanteil im vergangenen Sommer. Dann kam die Programmreform und der ganze Sender sackte ab, wir mit. Das hat also nichts spezifisch mit unseren Nachrichten zu tun. Deshalb frage ich mich, warum sollte man ein erfolgreiches Konzept ändern. Im Nachrichtengeschäft braucht man Geduld. Glaubwürdigkeit ist die Grundlage, danach muss man dann über viele Jahre Verlässlichkeit bieten, um Vertrauen aufzubauen.
Das ist Ihnen als Anchorman der Sat.1-Nachrichten so schnell gelungen, dass man den Eindruck haben kann, Sie werden mitten im Rennen aus der Bahn gedrängt.
Ja, insofern kann ich das auch nicht wirklich nachvollziehen. Wir haben mit einer hervorragenden Redaktion zusammengearbeitet. Wir haben jeden Tag neu, entsprechend der Tagesaktualität, diskutiert, mal kontrovers, mal im Konsens. In dieser Redaktion arbeiten herausragende Journalisten. Und viele von ihnen, Reporter wie Katrin Sandmann und Steffen Schwarzkopf, um nur zwei stellvertretend zu nennen, könnten auch bei ARD oder ZDF sofort in vorderster Front arbeiten. Das ganze Team, auch Producer, Regisseure, ist extrem engagiert und leistungsbereit. Nur so konnten wir trotz weniger Mittel überhaupt im Konzert der Großen erfolgreich mitspielen.
Doch das interessiert die Finanzinvestoren Permira und KKR, die neuen Eigentümer von Pro Sieben Sat.1, offenbar nicht.
Vielleicht sollte man einmal grundsätzlich darüber nachdenken, den Wert von Mitarbeitern als Unternehmenswert mit in die Bilanzen aufzunehmen und nicht nur als Personalkosten, die negativ zu Buche schlagen. Es waren ja die Mitarbeiter, die sich ins Zeug gelegt hatten, um den Konzern fit für eine Übernahme zu machen, als Haim Saban damals verkaufen wollte. Auch die vielen Mitarbeiter, die nun gehen müssen, nachdem alles wie gewünscht geklappt hat.
Die Mitarbeiter haben die Werte geschaffen, die den Verkaufspreis von Pro Sieben Sat.1 in die Höhe schnellen ließen und jetzt, wo dem Konzern die Schulden für die Übernahme der skandinavischen Gruppe SBS aufgehalst werden, werden ausgerechnet diejenigen, die die Werte geschaffen haben, nach Hause geschickt. Das ist schon ziemlich pervers.
Ein Medienunternehmen ist meines Erachtens kein Geschäft wie jedes andere. Wer ein Massenmedium betreibt, hat auch eine politische und gesellschaftliche Verantwortung, die vor allem durch Informationssendungen wahrgenommen werden muss. Ich bin überzeugt, dass eine Entwicklung zu mehr Verantwortungsbewusstsein, zu Qualität und Nachhaltigkeit in der Gesellschaft generell stattfindet. Deshalb kann man sich auch über Qualität neu erfinden und dabei profitabel sein. Nehmen Sie nur mal als profanes Beispiel die Edeka-Kampagne Wir lieben Lebensmittel: Ein Bekenntnis zu Qualität und Verantwortung und eine der erfolgreichsten Kampagnen überhaupt. Oder nehmen Sie die Bionade oder die Umweltbank. Die wurden alle belächelt und sind alle erfolgreich. Also: Corporate Social Responsibility ist ein Wert, der von den Menschen zunehmend beachtet wird und sich daher sogar vermarkten lässt. Geiz ist geil wird sich nicht halten. Wer keine Haltung hat, der fällt. Ganz einfaches Gesetz.
Ein Gesetz, das die Finanzinvestorenbranche offenbar nicht begreift. Bei Pro Sieben Sat.1 scheinen doch eher Geiz ist geil und die Rendite ist alles die Gesetze der Stunde zu sein.
Ich glaube, dass ein Bekenntnis zu Qualität und Verantwortung das Erfolgsrezept für die Zukunft ist.
Als Sie vom ZDF zu Sat.1 gewechselt sind, war das ein großer Schritt für Sie. Was haben Sie für Unterschiede festgestellt zwischen dem Nachrichtenmachen im ZDF und bei Sat.1?
Wie gesagt, ich war sehr überrascht und erfreut, dass es ganz hervorragende Mitarbeiter dort gibt. Wenn ich bedenke, dass sich eine Redaktion vor allem bei Großereignissen profilieren muss, dann haben wir auch das geschafft. Egal, ob es die Wahlen in Amerika waren, als wir die ganze Nacht durch gesendet haben, ob es Breaking News waren wie in Beslan in Russland, die schreckliche Geiselnahme in der Schule, als wir stundenlang das Programm unterbrochen haben. Die Versuche, eine politische Talkshow am Sonntagabend zu installieren, eine politische Zweiersendung, damals während der Wahlzeit, auf die Beine zu stellen, Flurfunk, die Roger Schawinski einfach mal so ins Programm gehoben hat. Das waren - rückblickend - Husarenstreiche, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Auch wenn nicht alle erfolgreich waren.
Aber inzwischen, nach einer solch würdelosen Verabschiedung, müssen Sie es doch bereuen, zu Sat.1 gegangen zu sein?
Nein, leidenschaftlichen Menschen mit Intelligenz und Charakter mache ich immer wieder die Tür auf, so wie damals Schawinski.
Was wird aus Sat.1 ohne eigene Nachrichten?
Die Nachrichten soll es ja, wie ich höre, weiterhin wie bisher geben. Worauf ich mir keinen Reim machen kann, da ich ja gehen musste.
In den Sender gehen Sie nicht mehr?
Ich habe ja noch meine Sachen dort. Die muss ich noch abholen. Ich hatte mein Büro ja noch nicht komplett geräumt, sondern erst einmal aufgeräumt. Aber auf den Sender werde ich nicht mehr gehen.
Wie geht es für Sie persönlich weiter, wissen Sie das schon?
Ich führe jetzt erste Gespräche und ansonsten gilt: dum spiro, spero - solange ich atme, habe ich Hoffnung. Oder wie Heinz Erhardt sagt: Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit.
Die Fragen stellte Michael Hanfeld.
Text: F.A.Z., 25.07.2007, Nr. 170 / Seite 36
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