Von Michael Hanfeld
10. September 2007 Ein Wort zu viel war es, auf das man bei der ARD wartete. Eine Provokation mehr, ob berechnet oder unfreiwillig - und das Maß des für den Senderverbund Erträglichen wäre voll gewesen. Eva Herman hat dieses Wort geliefert. Bei der Vorstellung ihres neuen Buches verwies sie darauf, dass Werte wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die Achtundsechziger abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft. In zwei Sätzen zweimal abgeschafft. Und zwei Sätze nur brauchte am Sonntag der Fernsehdirektor des NDR, Volker Herres, um Eva Herman für die ARD abzuschaffen: Ihre schriftstellerische Tätigkeit sei nicht länger vereinbar mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin und Talk-Gastgeberin. Dies ist nach ihren Äußerungen anlässlich einer Buchpräsentation in der vergangenen Woche deutlich geworden.
Damit wäre der Fall fürs Erste erledigt. Eva Herman hat sich selbst unmöglich gemacht und dem Boulevardjournalismus, auf den sie bis dato hundertprozentig zählen konnte, das Material geliefert, das etwa die Bild am Sonntag für die Vernichtung braucht: Eva Herman lobt Hitlers Familien-Politik stand gestern auf Seite eins, da erübrigt sich jeder Kommentar, auch der, den Eva Herman dem Blatt gab, der aber alles nur noch schlimmer machte: Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die Achtundsechziger abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft. Und dazu gehören Werte, die uns auch vor dem Dritten Reich zusammengehalten haben und uns ja auch das Überleben gesichert haben. Familie nämlich.
Dummheit Hermans macht es ihren Gegnern leicht
Da ist wirklich nichts mehr zu retten. Denn wer, wie Eva Hermann angeblich, für ein neues Familienbild eintreten will, sollte zumindest schon einmal davon gehört haben, wozu die Rolle der Familie, der Frau, der Mutter im Nationalsozialismus einzig taugte - zur Hervorbringung von Kanonenfutter an allen Fronten und zur Aufzucht von Herrenmenschen, deren Weg weniger von Mutterliebe und trauter Generationenfolge geprägt sein sollte, sondern vom Aufgehen im völkischen Kollektiv. Das wahre Familienbild der Nationalsozialisten war der Lebensborn.
Mit dieser Dummheit hat Eva Herman es ihren Gegner leicht gemacht. Jetzt beweist sie endgültig, dass ihr Denken so schlicht ist, wie man fürchtete. Und es vervollständigt sich der Verdacht, dass ihr Bestseller Das Eva-Prinzip, der den Frauen zur Rückkehr an Heim und Herd rät, vor allem Ausdruck eines medial perfekt inszenierten Ego-Trips ist. Es ist beileibe kein Makel, zum vierten Mal verheiratet zu sein, ein Kind zu haben und dazu eine ansehnliche Karriere - dumm ist nur, wenn man den Geschlechtsgenossinnen weismachen will, dass genau dies der falsche Weg sei.
Am wunden Punkt der Familienpolitik ändert sich nichts
Was hat Eva Herman nur für Kritik auf sich gezogen: Feministinnen und kinderlose Karrierefrauen haben ihr den Gefallen getan, sie in eben jener schrillen Weise anzugiften, die Eva Herman ihnen als Grundhaltung attestiert. Nicht zu vergessen die verwegenen Exegeten, die sie als Präzeptorin eines neuen völkischen Schwenks nach rechts sahen und sich nun bestätigt sehen dürfen. Doch sollte man eines nicht vergessen: Die hiesige familienpolitische Debatte hat die Hohlheit dieses Disputs nie verdient. Der Punkt, an den Eva Herman rührt, den sie ausbeutet und gefährlich rückwärtsgewandt missdeutet, ist nämlich der wunde: Die Entfremdung von Frauen wie Männern von ihren Familien, der vollständige, wenn nicht totalitäre Anspruch der Arbeitswelt im Zeitalter des globalen Finanzkapitalismus. Mit den Achtundsechzigern hat das nur am Rande zu tun.
NDR und ARD werden nun aufatmen, sie haben ein Problem weniger. Und Eva Herman, welche die Moderation der Talkshow Herman & Tietjen abgeben muss und wohl auch nicht mehr als Sprecherin der Tagesschau zurückkehren kann, wird der Eklat zumindest auf dem Buchmarkt vielleicht nicht schaden, wenn sie es vermag, sich abermals als Opfer zu inszenieren. Alle anderen kümmern sich weiter um Kind und Kegel und Karriere und die Quadratur des Kreises.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa
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