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Die Gedanken der anderen

Von Olaf Sundermeyer

Mancher Perlentaucher findet einen Schatz

Mancher Perlentaucher findet einen Schatz

28. Juni 2007 Unter den etwas schütteren Locken von Thierry Chervel steckt ein Kopf, der zweierlei kann: einerseits ein sympathisch zerstreuter Feuilletonist sein, dem Marcel Proust eine Angelegenheit des Herzens ist, andererseits ein kundiger Geschäftsmann, dem immer wieder neue Kniffe einfallen, mit ein und demselben Gut Geld zu verdienen: mit den aufgeschriebenen Gedanken anderer Leute.

Chervel ist Gründer des „Perlentauchers“, der seit mehr als sechs Jahren das deutschsprachige Feuilleton durchstöbert und seine Beute anschließend nach Verwertbarkeit sortiert: Er vermarktet im Internet Zusammenfassungen von Feuilletontexten und verweist auf die jeweilige Quelle, ohne selbst zum Thema zu recherchieren. Hier ein bisschen „Heute aus den Feuilletons“, das „Spiegel Online“ mit Anzeigenplatz entlohnt, den der „Perlentaucher“ wiederum auf eigene Rechnung für Bücherwerbung verkauft; dort eine entsprechende Version in englischer Sprache (www.signandsight.com), für die die Bundeskulturstiftung eine sogenannte Anschubfinanzierung von 1,4 Millionen Euro Bundesmittel an die Perlentaucher GmbH zahlt.

Keine nationalen Grenzen mehr

Und dann ist da noch die eigene Website, auf welcher der „Perlentaucher“ das Interesse an den Zusammenfassungen der Gedanken anderer über Anzeigenkunden zu Geld macht. Und zum Glück kennt Deutschlands Bildungselite keine nationalen Grenzen mehr, so dass der „Perlentaucher“ sein Netz auch durch das europäische Feuilleton zieht: Da wird geguckt, was die anderen schreiben, auf Deutsch zusammengefasst und verkauft.

Sogar die Bundeszentrale für politische Bildung ist Kunde beim Perlentaucher, wo seit Dezember 2005 der Newsletter „Eurotopics“ (www.eurotopics.net) im Auftrag entsteht. Bei dieser „werktäglichen Presseschau sichten Redakteure und Korrespondenten die wichtigsten Zeitungen aus 26 europäischen Staaten und wählen Meinungsartikel, Reflexionen, Essays und Kommentare aus. In ihren Beiträgen erklären sie in kurzen Einleitungen den Sachstand der Debatte und übersetzen einschlägige Zitate, beschreibt sich „Eurotopics“ selbst. Das kostet den Steuerzahler über das Budget der Bundeszentrale brutto 559.342,50 Euro allein fürs erste Jahr, der Vertrag läuft über 36 Monate. Für die letzten Monate stuft er sich deutlich ab. Die Rechnung dafür kann die Perlentaucher GmbH stellen, die in Zusammenarbeit mit dem „Courrier International“ in Paris den dreisprachigen Newsletter fertigt, für den sich nach Angaben der Bundeszentrale 9000 Menschen interessieren.

Die wichtigen Leute bekommen

Legt man den Preis für diesen Newsletter um, kostete „Eurotopics“ 62,15 Euro pro Abonnent im ersten Jahr, zuzüglich mehrmonatiger Anlaufkosten. Das ist fast die Größenordnung für ein Halbjahresabo des „Spiegels“.

Dieser Überschlag ist simpel, aber naheliegend. Nicht so für Thorsten Schilling von der Bundeszentrale für politische Bildung, der wie Thierry Chervel zu den Berlinern gehört, die sich in Schwarz kleiden. Schilling hat wohl das, was man einen Traumjob nennt. Und er muss dabei nicht so auf das Geld achten. Bei seiner Arbeit an den Online-Projekten der Bundeszentrale, die „auch so wie ein Verlag funktioniert“, schaut er aus dem Fenster seines riesigen Büros im historischen „Deutschlandhaus“ auf den Anhalter Bahnhof.

Gefragt danach, wie der Erfolg von „Eurotopics“ bewertet wird, mittels einer angestrebten Abonnentenzahl etwa, sagt Schilling Sätze wie diesen: „Ich bin kein Zahlenfetischist. Wichtig ist, dass man die wichtigen Leute bekommt. Uns geht es auch darum, eine Feedback Community aufzubauen.“ Die Bundeszentrale will sich europäisch vernetzen, sucht den Draht zu Multiplikatoren in Wien, Paris und Warschau. Schilling sucht nach etwas, das er „europäische Öffentlichkeit“ nennt, ein wertvolles Gut: „Die Kosten für ,Eurotopics' sind ja enorm, auch wenn es nur ein Ausschnittdienst ist. Aber unser Haus hat diesen Preis in Kauf genommen, weil uns Europa als Thema strategisch so wichtig ist. Da lohnt es sich, ins Risiko zu gehen und so eine Summe anzufassen.“

Der hohe Anspruch dahin

Dass die Korrespondenten, die morgens in jedem Land das Feuilleton in drei unterschiedlichen Zeitungen durchackern sollten, dafür 300 Euro für zwanzig monatliche Arbeitseinsätze früh um sechs Uhr bekommen sollen, davon weiß er nichts. „Das ist auch in dem Angebot vom Perlentaucher nicht einzeln ausgewiesen.“ Zumindest ahnt er, dass einige Korrespondenten von Deutschland aus arbeiten, von wo aus der Blick ins ausländische Feuilleton schwerfällt. Und schon ist der hohe Anspruch dahin. Dafür misst Schilling diesen freien Journalisten eine „wahnsinnige Verantwortung“ zu bei der Auswahl der Debattenbeiträge. Frühe Verantwortung für werktägliche fünfzehn Euro, die sein Haus selbst nicht tragen kann: „Die Bundeszentrale selber hat ja keine Autoren, wir sind Produzenten. Bei größeren Projekten, wie bei ,Eurotopics', haben wir uns entschlossen, eine Ausschreibung zu machen. Im kommenden Jahr müssen wir uns entscheiden, ob ,Eurotopics' ein Erfolg ist.“

Ein Urheberrechtsproblem sieht Schilling nicht. Die Idee dieses Newsletters sei im Übrigen „durch die Hände mehrerer Juristen gegangen. Aus unserer Sicht fällt es lediglich unter das Zitatrecht.“ Schilling ist von seiner Sache überzeugt. „Wir nehmen ja auch niemandem etwas weg. Wir haben einen Bildungsauftrag.“ Bislang habe sich niemand darüber beschwert, dass „Eurotopics“ einzelne Textpassagen übersetzt und kostenlos verteilt. „Wir haben die Chefredakteure aller Zeitungen und Zeitschriften, die beobachtet werden, vorher angeschrieben. Aber die Reaktionen waren zurückhaltend.“

Expandieren, aber nicht explodieren

Wenn das hier nicht Berlin wäre, wo die Subvention eine Art Alltagskultur ist, man käme unweigerlich auf den Bund der Steuerzahler. Immerhin schafft „Eurotopics“ ein paar Arbeitsplätze. Zwölf Leute arbeiten inzwischen beim „Perlentaucher“ - von der Redakteurin bis zur Sekretärin. „Wir expandieren, explodieren aber nicht“, wird der geistreiche Thierry Chervel später sagen. Ihm geht es gut: Sein Perlentaucher ist der Medien-Liebling der Hauptstadt. Weil ihn viele Kollegen lesen und er als Kritiker der Kritiker stets das letzte Wort hat. Schon das karge Büro im Berliner Großmarktbezirk Moabit erfreute die Kollegen: „Keine Szenekneipe weit und breit, denn der Perlentaucher wird nicht in Berlin-Mitte produziert, wo sich jene tummeln, die sich zu Zeiten des Medienhypes die Kreativen nannten“, schrieb die NZZ, während der „Rheinische Merkur“ früh den Erfolgsfall voraussah: „Vielleicht kann der Perlentaucher einmal umziehen, dorthin, wo es noch Bäcker gibt.“

Das mit der noblen Adresse hat inzwischen geklappt, man siedelt jetzt an der Chausseestraße in Mitte. Im Büro des Perlentauchers ist alles ganz nett, der Chef eigentlich auch, obwohl er zum Gesprächseinstieg gleich mit einer Klage droht für den Fall, dass im Text die Fakten nicht stimmen. Thierry Chervel ist ehemaliger Kulturautor der „taz“ und der „Süddeutschen Zeitung“, der schon lange nicht mehr von der eigenen schöpferischen Leistung im kulturellen Sinne lebt. Sein Büro resümiert Rezensionen von Büchern, die man selbst gar nicht gelesen hat. Die „Welt am Sonntag“ schrieb über ihn: „Als Kleinunternehmer entdeckte er seine wahre Berufung: Geldquellen auftreiben.“

Vorlieben und Antipathien

Kritik an seinem Geschäftsmodell weist Chervel aber zurück: „Es ist ja nicht so, dass wir den etablierten Medien etwas wegnehmen und uns daran mästen.“ Auch für die schwelende Urheberrechtsdebatte um den Perlentaucher hat er kein Verständnis: Wohl aber dafür, „dass man sich als altes Medium durch ein neues Medium angegriffen fühlt. Das ist doch immer so - schauen Sie nur auf den Streit um YouTube.“

Der „Perlentaucher“ hat erkennbare Vorlieben und Antipathien, er bedient die Eitelkeit von Autoren und Rezensenten. „Denn das bedeutet auch, dass jemand im Netz vorkommt, weil wir bei Google ganz gut gelistet sind“, sagt Anja Seeliger, die zu den Mitbegründern des Perlentauchers gehört und während unseres Gesprächs mit im Raum sitzt. Die beiden Perlentaucher-Macher sehen sich als Brückenbauer „von den traditionellen zu den neuen Medien“. Und sie wollen weiterbauen: „Bei den Möglichkeiten des Internets sehe ich noch mehr Potential, ohne dass ich jetzt konkret werden möchte“, sagt Chervel.

Nach dem Besuch kommt man mit ein bisschen Phantasie selbst auf grenzenlose Gedanken, wie sich dieses Geschäftsmodell ausdehnen ließe. Denn alles ist möglich. Nicht bloß das Feuilleton, die ganze Palette des Journalismus ließe sich zusammenfassen und durch fremde Hände vermarkten. Der Besuch beim Perlentaucher stimmt nachdenklich. Stutzig macht beim Abgang durch das Treppenhaus die Fußmatte ein Stockwerk tiefer. Dort steht schwarz auf Kokosfaser: Schon GEZahlt?

Siehe auch: Auschwitz und der „Perlentaucher“

Text: F.A.Z., 29.06.2007, Nr. 148 / Seite 42
Bildmaterial: AP

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