Betrüger vor der Kamera

Die falsche Droge

Von Annika Müller

„Polylux”-Moderatorin Tita von Hardenberg

„Polylux”-Moderatorin Tita von Hardenberg

11. April 2008 Alle vier Stunden eine Nase Speed, fünfzehn Joints am Tag - so stellte das ARD-Livestylemagazin „Polylux“ am Donnerstag den Alltag eines jungen Mannes dar. Tim, wie die Redaktion den schemenhaft gezeigten Mann in dem Beitrag „Volksdroge Speed“ nennt, bekämpfe sein Übergewicht mit der gefährlichen Droge. Kurz nach der Ausstrahlung der Sendung gab sich der Protagonist jedoch als Schauspieler zu erkennen. Er habe sich bei der Redaktion eingeschlichen, um auf unzureichende Recherchemethoden aufmerksam zu machen. In einschlägigen Internetforen sei er auf das Schreiben der Redaktion gestoßen, mit dem diese aussagewillige Speedabhängigen suchte und sei - zunächst im Spaß - darauf eingegangen. „Ich wollte austesten, wie weit die Redaktion geht“, sagt der junge Mann, der sich in einem Bekennervideo im Polylux-Internetblog nach der Sendung selbst enttarnte.

Mit Freunden, die teilweise als Journalisten tätig seien, habe er das „Kommando Tito von Hardenberg“ gegründet und systematisch den im Internet geknüpften Kontakt zu der Polylux-Redakteurin gesucht. In Wallraffscher Manier wollte die Gruppe Mängel im System Journalismus aufzeigen. Das „Kommando Tito von Hardenberg“, das sich selbstironisch im Umfeld der „Hedonistische Internationale“ verortet, erklärt: „Wir haben die plumpe Internetrecherche von Polylux zum Anlass genommen, die Legende des Speedpatienten ,Tim' zu erfinden und zum Drehtermin ein kleines Schauspiel vorzuführen.“

Satirische Elemente

Das Bekennervideo auf polylog.tv ist im Stile der Videos inszeniert, die nach Terroranschlägen um die Welt gehen. Drei junge Männer mit vermummten Gesichtern und in Armeekleidung stehen breitbeinig im Bild. Aus ihrer Mitte heraus erklärt „Tim“ das Ziel des „Angriffs auf den boulevard-medialen Komplex“: Protest gegen Praktikanten-Ausbeutung und weitere Formen der Unterdrückung - im Fernsehen und anderswo. Es sei gelungen, in das „Herz der Bestie vorzudringen“ und nicht nur „Polylux“ zu blamieren, sondern „auch die fünfzig Euro Aufwandsentschädigung der revolutionären Sache zuzuführen“.

Die Aktion enthalte zwar auch satirische Elemente, sagt der „Tim“-Darsteller, „im Vordergrund steht aber eine ernsthafte Medienkritik“. In einem persönlichen Schreiben entschuldigte sich der angeblich speedsüchtige Protagonist anschließend bei der Redakteurin. Er bedauere, heißt es nach Angaben des Senders, dass sie Opfer seines schauspielerischen Experiments geworden sei und hoffe, sie werde dadurch keinen beruflichen Schaden nehmen. „Unsere Aktion richtet sich weder speziell gegen Polylux noch gegen deren Redakteure“, erklärt Tim alias „Tito von Hardenberg“.

Einstellungsstop bei „YouTube“

Eigentlich halte er Polylux für ein sympathisches und seriöses Format. Gerade deshalb sei er enttäuscht von der Reaktion des Senders RBB, der für Polylux verantwortlich ist. Dieser hatte „Volksdroge Speed“ sofort von seiner Internetseite genommen, wo die Magazinbeiträge sonst abrufbar sind. Zudem erwirkte er, laut dem „Kommando Tito von Hardenberg“ bei „YouTube“ einen Einstellungsstop des Beitrags. Die Besucher des Polylux-Blogs stellen dem RBB für seine „Verschleierungstaktik“ ein schlechtes Zeugnis aus. „Medienkritik sollte eigentlich eine Stärke von Polylux sein“, heißt es da. Von „Zensur“ und „mieser Desinformationspolitik“ ist die Rede.

Die Redaktion könne sich keine mangelnde Sorgfaltspflicht vorwerfen, beteuert hingegen Ralph Kotsch, Pressesprecher des RBB. „Tim“ habe seinen Drogenkonsum glaubhaft dargestellt. Zudem sei es ein übliches Verfahren, im Internet nach geeigneten Protagonisten zu suchen. Kotsch betont, dass in den elf Jahren Sendezeit von Polylux nichts Vergleichbares vorgefallen sei. Das „Kommando Tito von Hardenberg“ will Aktionen wie diese wiederholen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: RBB

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