02. Mai 2007 Bloß keine Panik, so lautete wohl sinngemäß die Losung, auf die sich Sandra Maischberger mit ihren Redakteuren und Talk-Gästen geeignet hatte, und das stellt man sich gar nicht so leicht vor bei einer Sendung, die den unbehaglichen Titel trug: Mücken, Zecken, Killerviren - wächst die Gefahr?
Wie man trotzdem mit dem Vorsorgegeschirr der Medizin klappert, wie es der Afrika- und Pharmaexperte Christoph Bonsmann einforderte, und zugleich beruhigt und dennoch offen für Angst bleibt wie Ulknudel Anke Engelke in ihrer Rolle als Antimalaria-Botschafterin, das war eigentlich gar nicht mehr zu fassen. Denn Sandra Maischberger schaffte es gemeinsam mit ihren disziplinierten Gesprächpartnern, ein siebzigminütiges Panorama der Infektionskrankheiten zu beschreiben, ohne auch nur einmal den Begriff Pandemie oder Vogelgrippe bloß in den Mund zu nehmen.
H5N1 glatt vergessen
War das abgesprochen? Oder ist die Influenzaepidemie des H5N1-Virus, die uns seit ein paar Jahren als Geflügelpest in Bann zieht und ja auch schon auf fast allen Kontinenten ihre Todesopfer unter Menschen gefordert hat, zuletzt aber tatsächlich etwas an Durchschlagkraft verloren hat, womöglich schon dermaßen obsolet, dass sich die Runde bei der Beschäftigung mit dem Gespenst wahrhaftig dem Panikmachevorwurf ausgesetzt hätte? Das kann ja wohl nicht dahinter stecken.
Die internationale Virologie und die offiziellen Gesundheitsstellen jedenfalls haben noch längst keine Entwarnung in Sachen H5N1 ausgegeben. Nur wer sich eben ernsthaft damit befassen und die Antwort auf die Frage von Maischbergers kompetenter Nachtrunde erwartete, der brütete seine Pandemiesorgen vergeblich vor dem Fernseher aus. Stattdessen also Malaria, Ebola, Gelbfieber, Sars, Aids, Grippe, Masern und einige andere der altbekannten Heimsuchungen, von denen vor allem zweierlei gesagt werden mußte: Das Schlimmste ließe sich eigentlich vermeiden und Der Mensch hat heute selbst schuld.
Klimawandel und Erregerwanderschaft
Gesagt hat das so niemand in der Sendung, auch nicht der Präsident des Robert-Koch-Instituts und einer der profiliertesten deutschen Virologen, Reinhard Kurth, aber dafür hat man es ihm unter den Namenszug als eingeblendetes Zitat quasi in den Mund gelegt. Schon an der Stelle, aber spätestens als der ehemalige Profikicker Thomas Schneider über sein jahrelang unentdecktes Leiden an einer durch Zeckenbiss übertragenen Borreliose-Infektion berichtete, ahnte man, wohin die lange dahinplätschernde Reise eigentlich gehen sollte. Zu der ganz akuten Frage nämlich, ob womöglich durch den Klimawandel alles noch viel schlimmer werden könnte? Und was selbstverständlich dann dagegen zu tun sei.
Zur Frage der Klimaerwärmung und der von Maischberger annoncierten Rückkehr der Erreger, beispielsweise der Malaria-Parasiten, mochte Kurth zwar nicht ausweichen, und auch der zweite Kompetente in der Runde, Bonsmann, gab ein paar seriöse und glaubhafte Hinweise. Es blieben aber wohlweislich Hinweise auf die Ungewissheit der Experten. Denn dass Malaria, Dengue-Fieber oder neue Erreger wie das in Nordamerika inzwischen heimische Westnil-Virus mit der globalen Erwärmung an Boden etwa auch in Mittel- und Westeuropa gewinnen könnten, gilt unter Fachleuten zwar als vernünftige Vermutung. Gesichert aber ist dieses Wissen keineswegs. Die Ausbreitung der Erreger und Parasiten ist nämlich mehr als nur von der Temperatur abhängig.
Von Menschen und Mäusen
Wir beobachten das ganz genau in den Mittelmeerländern, sagte Kurth, die Gefahr einer Wiederkehr der Malaria in Deutschland sei momentan jedenfalls nicht sehr groß. Da hätte hierzulande aufatmen können, wenn nicht vorher schon in extensio die sehr viel größeren Risiken und damit auch die wesentlich konkreteren Gefahren der Infektionen auf Reisen (Stichwort: selbst schuld) und bei Spaziergängen in den Auen besprochen worden wären. Im Mittelpunkt hierbei: die Bakterieninfektion Borreliose, die wie die Frühsommer-Meninpgoenzephalitis (FSME) mit dem Stich des gemeinen Holzbocks übertragen wird und wie im Falle des gestrauchelten Fußballprofis Schneider ein weiß Gott schlimmes Martyrium für manche der fünfzig- bis hunderttausend jährlich Infizierten bedeuten kann.
Hab acht!, lautete hier die wichtigste Merkzeile - zumal in diesem Frühjahr und Sommer, so der Mediziner Kurth, denn die ausgiebige Wärme dürfte schließlich den Mäusen nützen. Und die - nicht etwa der arglose Spaziergänger - seien ja der eigentliche Wirt der Blutsauger. Fast schien es so, als sollte der Schwarze Peter vom Menschen wenigstens in Teilen zurück zur unberechenbaren Natur gelangen, wäre da nicht Maischberger mit ihrem ebenso reizvollen wie plumpen Versuch gewesen, die menschliche Komponente zu forcieren und ein Gefecht der Impfgegner anzuzetteln, um so die Verunsicherung durch die Impfdiskussion schüren.
Dann auch noch die Impfdiskussion
Die zugespielten Provokationen eines Kieler Internisten freilich, der hinter den öffentlichen Impfkampagnen gegen Kinderkrankheiten eine Verschwörung der Bundesbehörden und der Pharmakonzerne (hier geht es um Milliarden Euro)´vermutet, sollte so recht nicht stechen. Denn Kurth, der sich an diesem Punkt dem Vorwurf ausgesetzt sah, einer Diskussion mit Impfgegnern aus dem Weg gehen zu wollen, blieb bemerkenswert gelassen. Er warf lapidar ein paar aufmunternde Hinweise von der lebensverlängernden Wirkung der modernen Impfstoffe und den niederschmetternden Spätfolgen etwa einer Masernerkrankung in die Runde, und schon schwankte der Boden unter den halsstarrigen Impfkritikern.
Ganz und gar den Boden unter den Füßen verloren hatte der zwischengeschobene Impfstreit, als Bonsmann, der Anwalt der Armen in Afrika, die hiesige Luxusdiskussion um einzelne Impfversager beklagte und die berechtigte Sehnsucht der Afrikaner nach modernen Impfstoffen beschrieb. Da war man dann also wieder an dem Punkt, an dem jeder Talk zwanglos vom Grenzenlose ins Uferlose driftet. Tausend brodelnde Fässer waren da schon geöffnet, böse Ahnungen von Seuchen und Szenarien entwichen. Nur jenes Fass namens Vogelgrippe blieb fest versiegelt. Bedauern konnte man das am Ende dann nicht mehr.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa