Von Dominik Graf
13. Dezember 2007 Probeaufnahmen an der legendären Schauspielschule Bochum, 1985. Für eine Folge des Fahnders suchten wir ganz junge Schauspieler. Da tauchte Peter Lohmeyer zu Beginn der Kassette zunächst mal als er selbst auf, spielte die vorgegebene Szene, ziemlich eindrucksvoll und lustig - und dann am Ende dieses Bandes mit lauter hoffnungsvollen Schauspielschülern hatte er sich plötzlich noch mal in die Probeaufnahmen geschmuggelt, hatte sich ein wenig umgezogen und sich einen anderen Namen gegeben und ein anderes Image. Das war schon mal ein ziemlich geschicktes Marketing für einen jungen Schauspieler in Deutschland 1985.
Peter bekam natürlich die Rolle, und als er dann zusammen mit dem noch viel jüngeren Jürgen Vogel ein kleinkriminelles Brüderpaar spielte, gab es eine Szene, in der er sich von seinem kleinen Bruder für die Dauer einer Zockernacht verabschiedete. Mit Seesack auf der Schulter zog er los, drehte sich aber noch mal um und machte zu Jürgen Vogel dabei eine Geste und eine Mimik, die mit mir nicht abgesprochen waren und die was Undefinierbares darstellte zwischen Wirst sehen, ich mach' sie alle fertig und irgendetwas Obszönem und die mich nach erster Regieanfänger-Verwirrung - Was macht denn der da plötzlich!? - und einem Was war das denn gerade? des Kameramanns vollkommen überzeugt.
Freiheit, Spiellust und Laune
Das Improvisieren vor laufender Kamera war damals im deutschen Film nämlich noch gar nicht richtig üblich, kann man sagen - außer bei Klaus Lemke natürlich. Zumeist war alles sehr genau abgesprochen, oft zentimetergenau, die Kameraleute durften nicht verwirrt werden - wir wollten alle möglichst professionell wirken. Aber um von der ganzen schwerfälligen und lautstark rezitierten deutschen Nachkriegs-Schauspielkunst wegzukommen, da musste sich die kommende Schauspielergeneration ihre Freiheit, Spiellust und Laune irgendwie neu erobern. Sie mussten sozusagen die Straßen der Bundesrepublik und die Luft der Wirklichkeit in tausend kleinen Momenten wieder in ihr Spiel integrieren lernen. Das hier war so ein Moment, und für mich als unsicherer Regisseur war da auch so ein Gefühl wie: Ja, genauso geht es, so kann man Figuren anders erzählen - und zwar gemeinsam mit solchen Schauspielern wie Peter.
Überhaupt sah man sofort, dass Peter Lohmeyer mit vollem Körpereinsatz bei der Sache war: Niemand konnte so unnachahmlich gut frieren wie er damals in dem Fahnder. Wenn er sein filigranes, langes Gestell mit möglichst engem, knappem Zocker-Dinnerjackett und vormals eleganten Halbschuhen in den Schnee stellte, dann sah er aus wie ein modernes tapferes Schneiderlein, das eine mächtig große Klappe hatte und das immer lachte. Und zwar lachte diese Figur, die er da abgab, besonders dann gerne, wenn sie riskierte, dafür eins auf die - ohnehin früh gebrochene - Nase zu kriegen.
Heldenhafte Figuren
Man kennt das ja von früher aus der Schule: Da gab's oft diesen einen Mitschüler, der vom Lehrer für jedweden Krawall im Unterricht verantwortlich gemacht wurde und dafür manchmal noch eine schallende Ohrfeige bekam und der trotzdem noch grinste. Er konnte nicht anders als grinsen, selbst wenn ihm Tränen in die Augen traten. Solche seltenen, heldenhaften Figuren habe ich in Peter Lohmeyer damals wiederentdeckt.
Man brauchte spätestens ab Mitte der Achtziger etwas vollkommen anderes an Schauspielern im deutschen Film: schnellere Sprache, leichtfüßigere Leute. Humor, Realismus, Coolness, Rotzigkeit, Schluss mit dem Theaterpathos, aber trotzdem immer noch Mut auch zur Karikatur oder zum Overacting. Loslassen, Wagnis, Spaß haben, Experiment. Filmedrehen war nach dem Erschlaffen des Autorenfilms für kurze Zeit eher ein Spiel, das gelingen oder misslingen konnte, Hauptsache, man hatte dabei Freude. Bei Peter Lohmeyer ist es in meinen Augen immer das Erfinden selbst, das die Rollen für ihn interessant macht. Da gibt es kein Diese oder jene Figur ist zu weit weg von mir. Sondern in seinem Vertrauen ins Spielen an sich, ins Erspielen-Können von Rollen war er immer weit vorne.
Den Ball flachhalten
Die Nähe von Theater und Film, die das deutsche Kino so lange - und auch oft so nervensägend - prägte, ist ja heute fast komplett verschwunden. Wir halten den Ball beim Schauspielen dermaßen flach zur Zeit im deutschen Film, wir reagieren wie überempfindsame Nervenpatienten auf alles, was an Schauspielerei vielleicht zu viel sein könnte, zu laut, zu groß, zu erfunden, dass wir sozusagen alles rohe Fleisch der Menschendarstellung aus den Filmen verbannen - wie von EU-Gesundheitskommissaren dazu verdonnert. Der deutsche Schauspieler heute ist im Allgemeinen leise, dezent und haucht seine wichtigen Sätze künstlerisch wertvoll. Er wirkt - mit wenigen Ausnahmen natürlich - wie ein von einem ganz strengen Naturalismusgebot zu Tode gehetztes Wild.
Peter konnte aber immer das eine wie das andere, leise oder laut, Schminke oder Naturalismus - man musste nur klar miteinander vereinbaren, wo der Zug hingehen sollte. Bei vielen Rollen hatte ich das Gefühl, dass er eine Brücke schlug zwischen der Freude des Schauspieler-Karnevals und der modernen Understatement-Schauspielerei. Immer schon hat er einen herausragenden Körpereinsatz, seinen Gang, in den Actionszenen seine großartigen Nehmerqualitäten, seine Mimik, seine Gestik - und beim Tanzen war er natürlich sowieso einmalig. Eleganz und Pantomime gleichzeitig, kaum Muskulatur.
Halb blind auf der Autobahn
Und immer war er sehr risikofreudig, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Ich weiß, dass einiges, was Peter Lohmeyer in unserem gemeinsamen Film Spieler geboten hat, sich damals auch dem Umstand verdankte, dass er die ganze Zeit eine extrem starke Brille tragen musste, damit man seinen Augen dahinter die Kurzsichtigkeit glauben konnte. Und dass er deshalb gute zweieinhalb Monate lang bei der Arbeit im Grunde so gut wie nichts gesehen hat. Auch nicht bei einer hastigen Autobahnüberquerung angesichts von zwanzig heranrasenden Stuntwagen.
Peter Lohmeyer wäre, ein paar Jahre früher geboren, auch ein möglicher Theo gegen den Rest der Welt in Peter Bringmanns Film gewesen, auch so ein robustes Stehaufmännchen, wie sie offenbar vor allem in NRW wachsen. Diese Figuren spielen ja gewissermaßen immer gegen den Rest der Welt. Aber als er dann der Vater in Sönke Wortmanns Wunder von Bern war - da war es so, als wäre ebendieser Typus der unverwüstlichen Ruhrpott-Figur den Weg zurück in die Nachkriegszeit gegangen hin zur Tragik der Heimkehrerväter. Und die deutsche Filmgeschichte kam außerdem zu einer unerwarteten Apotheose, nämlich zu ihrem bislang besten Fallrückzieher.
Nichts wird vergeben
Dieser Fallrückzieher war ja auch so ein Moment, wo man denken konnte - um mit einem Dialogsatz aus dem Film zu sprechen, der uns beiden am liebsten ist: Schrecklich, jetzt wird alles gut. Aber wir wissen auch: Im deutschen Film wird niemals alles gut. Nichts wird vergeben - und vieles wird vergessen.
Um diesem Menetekel des deutschen Schauspielerdaseins, dieser Unmöglichkeit einer interessanten Starbiographie in Deutschland zu entkommen - und im Wissen darum, dass der Schauspieler ja mit jedem Lebensalter sowieso quasi eine neue Identität annehmen muss, hat Lohmeyer sich schließlich seit einigen Jahren wieder ganz woanders Schauspielerneuland erobert. Und zwar so, dass man langsam den Eindruck hat, wenn die Kubaner jemals irgendeinen Ausländer den mittelalten Fidel Castro spielen lassen würden - dann könnte das Peter Lohmeyer mit Bart sein.
Rittlings ins Tor
Es gibt ein legendäres Tor von Fritz Walter, da erwischte er, waagrecht in der Luft liegend, an der Ecke des Strafraums den Ball mit der Hacke und schoss ihn quasi rittlings ins Tor. Ich hatte als Kind ein Buch, in dem die Flugbahn dieses unglaublichen Balls gestrichelt nachgezeichnet war. Auch Schauspieler können solche phantasievolle Virtuosität entwickeln, sie können den gleichsam unmöglichst möglichen Weg zum Tor suchen - und ausgerechnet der gelingt dann.
So ähnlich würde ich gerne mal in einem Buch in einzelnen Standbildern diese Geste und Mimik von Peter Lohmeyer aus unserem Fahnder von 1985 dokumentieren, um zu zeigen, zu was deutsche Schauspieler fähig sind - wenn sie sich die Freiheit nehmen, keine Drehbuchknechte zu sein. Peter Lohmeyer hat sich diese Freiheit und diese Luft zum Atmen von Anfang an wie selbstverständlich genommen.
Der Text ist die gekürzte Fassung der Laudatio, die der Regisseur Dominik Graf anlässlich der Verleihung des Filmpreises der Stadt Hof auf Lohmeyer gehalten hat.
Text: F.A.Z., 13.12.2007, Nr. 290 / Seite 37
Bildmaterial: 3L/Cinetext, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Jetfilm/Cinetext