Jakob Augstein im F.A.Z.-Gespräch

Der „Spiegel“ braucht keinen Moderator

24. November 2007 Es steht nicht gut um den „Spiegel“. Der Chefredakteur muss gehen, ein Nachfolger steht aus. Jakob Augstein, den Sohn des Gründers, fragen wir, wie es weitergeht.

Der „Spiegel“ war einmal das Sturmgeschütz der Demokratie, im Augenblick ist die Munition nass. Statt der großen Artillerie haben wir ein Narrenschiff.

Warum? Das sehe ich nicht so.

Weil der Wechsel an der Spitze der Redaktion – um es gelinde zu sagen – so ungeordnet verläuft.

Wenn die Gesellschafter beschließen, einen neuen Chefredakteur zu bestellen, haben sie zwei Möglichkeiten: entweder zuerst mit dem Chefredakteur sprechen, wenn sie noch keinen Kandidaten haben und diesen dann suchen. Oder sie beginnen mit der Suche und sprechen dann mit dem Chefredakteur. Im ersten Fall hätten die Gesellschafter meines Erachtens unprofessionell gehandelt. Denn dann hätte man sagen können: Ihr verabschiedet einen gestandenen Chefredakteur, ohne einen neuen in Aussicht zu haben. Deshalb glaube ich, dass man gut beraten ist, zunächst zu suchen. Das Risiko, dass das durch eine Indiskretion herauskommt, können sie nicht vermeiden. Dass diese Indiskretion durch einen Kandidaten, der angesprochen worden ist, selber kommt, ist überraschend und misslich. Normalerweise rechnet man bei solchen Leuten mit einer gewissen Professionalität.

Aber was wäre unprofessionell daran gewesen, zuerst einmal grundsätzlich mit dem Chefredakteur Aust zu sprechen und dann erst jemanden zu suchen?

Ich bin nicht der Ansicht, dass es der richtige Weg wäre, zuerst eine Trennung anzukündigen und dann zu suchen. Man sucht zuerst einen Nachfolger.

Erwarten Sie, dass Stefan Aust bis zum Dezember 2008 Chefredakteur bleibt?

Das weiß ich nicht. Das muss er mit dem Geschäftsführer besprechen.

Wie beurteilen Sie Austs Ära?

Meiner Meinung nach ist er neben dem Gründer der beste und wichtigste Chefredakteur, den der „Spiegel“ jemals hatte. Aust hat das Blatt über die gefährlichste Klippe gesteuert, das waren die neunziger Jahre, als der „Spiegel“ in seiner Monopolstellung gefährdet schien. Damals und danach hat Aust Großes geleistet. Sie müssen sehen, was von einem „Spiegel“-Chefredakteur erwartet wird. Er braucht vor allem ein Gespür für die richtigen Titelgeschichten. Das hat Aust besser gemacht als die meisten anderen, und er hat erreicht, dass der „Spiegel“ immer noch das deutsche Nachrichtenmagazin ist. Aber nicht nur – er hat das Blatt fortentwickelt. Die traditionelle Politikberichterstattung ist heute weniger wichtig, als das früher der Fall war. Wenn sie die Auflage eines Blattes und dessen gesellschaftliche Bedeutung halten wollen, müssen sie auf das veränderte Informationsinteresse eingehen. Das hat Aust verstanden, ohne das politische Gewicht des „Spiegel“ zu schwächen. In diesem Balanceakt besteht seine große Leistung. Er hat als Chefredakteur den scheinbaren Kulturkonflikt zwischen der Stahlhelmfraktion von Politjournalisten und den literarisierenden Schönschreibern – der anderen Blättern große Schwierigkeiten macht – im „Spiegel“ aufgelöst. Etwa, indem er Cordt Schnibben und dessen Autoren ins Blatt geholt und ermutigt hat, sich mit allen möglichen Themen zu beschäftigen. Davon hat der „Spiegel“ extrem profitiert.

Wenn Austs Leistungen so sind, fragt man sich, wieso man ihn wegschickt. Die Mitarbeiter KG sagt, es müsse frischer Wind her, Jugendlichkeit. Kann es nicht sein, dass die Redakteure einfach einen unbequemen Chef loswerden wollen?

Ich denke, dass die jetzige Kündigung zum einen an dem Vertrag liegt, den Aust bei der letzten Verlängerung bekommen hat. Sein Vertrag hat eine Sollbruchstelle: Nach drei Jahren ist eine Verlängerung um weitere zwei möglich oder eben nicht. Bei einer derart herausgehobenen Position, auf der Druck von allen Seiten lastet, finde ich es nicht verwunderlich, dass man die Option auch zieht. Abgesehen davon muss man sagen: Stefan Aust ist jetzt schon sehr lange Chefredakteur. Seinen Vertrag nicht zu verlängern heißt nicht, seine Leistung infrage zu stellen.

Aber Sie denken auch, es müsse etwas geschehen?

Ich denke, der Online-Auftritt und das Print-Magazin müssen noch stärker verzahnt werden. Kommentare müssen wieder eingeführt werden, die es seit dem Tod meines Vaters nicht mehr gibt. Der neue Wind, von dem der Sprecher der Mitarbeiter KG, Armin Mahler gesprochen hat, deutet an, worum es geht.

Und darin sind sich die Gesellschafter einig – die Mitarbeiter KG, Gruner + Jahr und die Erben Rudolf Augsteins?

Die Mitarbeiter KG hat ja selber veröffentlicht, dass sie die Initiative ergriffen hat. Gruner + Jahr hat das mitgetragen, und auch ich trage das mit. Ich finde, dass die Mitarbeiter KG das Recht hat, so zu handeln. Meine Aufgabe als Minderheitsgesellschafter ist, zu beraten und Entscheidungen, die die Mehrheit fällt, zu unterstützen.

Wie beurteilen Sie die Rolle von Gruner + Jahr? Spätestens seit der „Spiegel“- Geschäftsführer Frank – der von Gruner + Jahr kam – mit dem Plan um die Ecke bog, die Hälfte der „Financial Times Deutschland“ zu kaufen, die zur anderen Hälfte Gruner + Jahr gehört, durfte man den Eindruck haben: Dieser Verlag betreibt als Gesellschafter des „Spiegel“ ein erstaunliches Spiel und denkt zunächst an seine ganz eigenen Interessen.

Das kann ich nicht sehen. Der Geschäftsführer ist von der Mitarbeiter KG ausgesucht worden. Dass diese sich für eine Mann von Gruner + Jahr entschieden hat – das war deren Sache. Es ist sicher eher gut, dass der Geschäftsführer den Verlag des Gesellschafters Gruner + Jahr von innen kennt. Dass die Loyalität von Frank dem „Spiegel“-Verlag gehört, daran habe ich keinen Zweifel. Und ich sehe nicht, dass Gruner + Jahr beim „Spiegel“ eigene Verlagsinteressen verfolgt.

Und der FTD-Plan? Den konnte der „Spiegel“-Geschäftsführer nur in ganz enger Absprache mit seinem ehemaligen Arbeitgeber gefasst haben. Und warum sollte der „Spiegel“ die Hälfte eines defizitären Blattes übernehmen, das Gruner + Jahr allein nicht tragen will und das nun weniger wert scheint denn je?

Die Mitarbeiter KG hat sich ja dagegen entschieden. Wenn das so gewesen wäre, dann war die Mitarbeiter KG offenbar auf der Hut. Aber ob das überhaupt so war – das vermag ich nicht zu sagen. Ich fand die Idee mit der „Financial Times“ gut. Ich bin der Meinung, dass der „Spiegel“ auch in Print investieren sollte, nicht nur in Online. Sie wissen, dass schon mein Vater immer mit einem solchen Plan gespielt hat, später gab es Überlegungen mit der „taz“ oder dem „Tagesspiegel“.

Es muss Sie im Augenblick mehr denn je ärgern, dass Sie – also die Erben von Rudolf Augstein – das eine entscheidende Prozent der Anteile an Gruner + Jahr und an die Mitarbeiter abgeben mussten. Sie können nur noch zusehen.

Ich denke, es gibt stets das Bemühen der Mehrheitsgesellschafter, die entscheidenden Dinge einstimmig zu regeln. Ich sehe meine natürliche Rolle als unabhängiger Ratgeber der KG. Wenn die KG meinen Rat nicht befolgt, ist das ihr gutes Recht. Ich werde die KG trotzdem loyal unterstützen.

Im Augenblick werden interne Kandidaten gehandelt – Spörl, Müller von Blumencron, Steingart. Kann den „Spiegel“ überhaupt jemand führen, der den Laden nicht seit Jahren schon kennt?

Das Schlimmste, was man jetzt machen könnte, wäre, eine mittelmäßige Lösung anzustreben. Weil man zu viel Angst hat, sich unter Druck fühlt oder harmoniesüchtig ist. Davor kann man nur warnen. Der „Spiegel“ braucht keinen Moderator, sondern einen Chef. Das können auch schwierige Leute sein, ich glaube, es müssen sogar schwierige Leute sein, die dafür in Frage kommen. Ich möchte nur daran erinnern, dass der scheidende Chefredakteur von meinem Vater 1994 gegen den Willen der Mitarbeiter ins Amt gebracht worden ist. Und Aust war, wie gesagt, der erfolgreichste Chefredakteur, den der „Spiegel“ jemals hatte.

Was im Umkehrschluss bedeutet: Jetzt, da die Mitarbeiter KG die Macht hat, wird sie lieber nach einem kleinformatigen Chefredakteur Ausschau halten.

Ich finde, die KG muss heute die Kraft haben, eine mutige Entscheidung zu fällen. Das ist schwer, aber ich glaube an die Vernunft des Kollektivs. Und ich denke, das müssen die Mitarbeiter von ihrer Vertretung und das muss die Mitarbeiter KG von sich selber verlangen. Sie muss den Kandidaten nehmen, der ihr am meisten abverlangt.

Und da wäre Ihr Vorschlag?

Sie erwarten nicht, dass ich jetzt Namen nenne. Ich habe die große Hoffnung, dass die Mitarbeiter KG die richtige Entscheidung fällen wird. Wir sind jetzt nicht in Eile. Da die Sache ohnehin bekannt ist, ist der Druck genommen. Der „Spiegel“ hält für einige Zeit auch eine Interimslösung aus. Ich will Ihr Stichwort vom „Narrenschiff“ nicht aufgreifen. Aber es sollte in absehbarer Zeit schon wieder ein Kapitän an Bord sein.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: LAIF

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche