Barth und Bohlen bei Kerner

Volltreffer gegen den Vollpfosten

Von Jörg Thomann

Sie haben viel gemeinsam: Dieter Bohlen und Mario Barth

Sie haben viel gemeinsam: Dieter Bohlen und Mario Barth

15. Oktober 2008 Marcel Reich-Ranicki hat, das wollen wir jedenfalls für ihn hoffen, bereits im Bett gelegen. Das „Highlight der TV-Unterhaltung“, für das sein Hasslieblingssender ZDF sich selbst lobt, dürfte er gestern Abend verpasst haben und somit auch, wer heutzutage dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen als „Ausnahmetalent“ gilt: Der Komiker Mario Barth, der seit seinem Auftritt im Sommer vor 70.000 Zuschauern im Berliner Olympia-Stadion im Guinness-Buch steht, traf auf Dieter Bohlen, der bestimmt auch irgendwelche Weltrekorde hält, darunter unbestritten den der meisten Auftritte bei Johannes B. Kerner.

„Noch nie waren sie gemeinsam in einer Fernsehsendung!“, trompete das ZDF, und wenn das schon Anlass genug ist für eine Einladung ist, dann darf man sich kommende Konstellationen ausmalen: Bohlen und Bushido, Barth und Alice Schwarzer, Bohlen und Reich-Ranicki. Am irritierendsten dabei ist nicht, dass das ZDF knapp achtzig Minuten lang zwei RTL-Gesichter ins Rampenlicht rückt oder dass Kerner diese beiden Gäste allen Ernstes für Deutschlands erfolgreichste Entertainer hält, sondern der Status, den der öffentlich-rechtliche Sender einem Bohlen mittlerweile einräumt. Weil über Modern Talking und Veronaddelestefaniacarina mittlerweile alles gesagt worden ist, auch und gerade bei Kerner, wird Bohlen mal eben zur Lage der Nation befragt. Also wettert er über die „Vollpfosten“ in der Bankenbranche und rät, sein Geld auf dem Sparbuch zu lassen. Damit auch ja kein Zweifel aufkommt an der Seriosität der Expertise, weist Kerner darauf hin, dass der Betriebswirt Bohlen sich „auch studienmäßig damit beschäftigt“ habe.

Visionäre und Rekordjäger

Moderator Johannes B. Kerner hält sie allen Ernstes für Deutschlands erfolgreichste Entertainer

Moderator Johannes B. Kerner hält sie allen Ernstes für Deutschlands erfolgreichste Entertainer

Barth und Bohlen haben - neben ihrem wiederum rekordverdächtig breiten Grinsen, bei dem nur Stefan Raab noch mithalten kann - vielerlei gemeinsam. Sie kommen bei den Kritikern gar nicht und bei einem erstaunlich breiten Publikum sehr gut an, dem sie mit legerem Auftreten und restringiertem Sprachcode signalisieren, Männer aus dem Volke zu sein. Sie haben jeder für sich ein bestens funktionierendes Geschäftsmodell entwickelt, das ihre begrenzten Fähigkeiten in höchste Gewinne ummünzt, und sie pflegen ihre Geschichte vom Aufsteiger, der sich den Erfolg hart erarbeiten musste: Bohlen erinnert daran, wie er einst aufgrund „Bobtail-Frisur“ und dünner Stimme verspottet wurde, und Barth erzählt, dass er, der Siemens-Lehrling, bei frühen Auftritten vor drei Leuten spielte. Sie betonen, wie sehr sie ihre Mama lieben, geben sich wertkonservativ, bodenständig und - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - bescheiden. Ihren Stolz auf das Erreichte mögen sie gleichwohl nicht verhehlen, wenn Barth von sich selbst als „visionär“ spricht und Bohlen sich eingeschnappt zeigt, weil ihm Kerner nur 150 Goldene Schallplatten zuschreibt statt der 700, die tatsächlich bei ihm hängen.

Doch Kerner wäre der letzte, der Bohlens Werk nicht zu würdigen wüsste. Jener hat gerade ein Buch namens „Der Bohlen-Weg“ verfasst, was Kerner über den Umweg über Hape Kerkelings Jakobsweg zu der nicht als ironisch vernehmbaren Frage führt, ob er, Bohlen, „die Bibel der Neuzeit“ verfasst habe. Der „Bohlen-Weg“ beschreibt des Musikers „Grundkriterien für Erfolg“, von denen eines lautet: „Wenn du Gas gibst ohne Ende, wird es dir besser gehen.“ Solchen Rat auf Herz und Nieren zu überprüfen, überlässt Kerner Gabriela Braasch, einer langzeitarbeitslosen alleinerziehenden Mutter, die im Studio ihre Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt trotz etlicher Bewerbungen beklagt. „Ich würde am Anfang unbedingt was riskieren“, rät Bohlen, Frau Braasch müsse „unbedingt ‘n Fuß reinbekommen“ und solle zum Beispiel als Aushilfskraft in der Gastronomie anfangen; abendliche Kellnerschichten sollten für alleinerziehende Mütter offensichtlich schon drin sein. Frau Braasch aber will keinen Minijob, da jene niemals in feste Stellen umgewandelt würden. Sie solle auf jeden Fall, fordert Bohlen, „statt dazusitzen“ etwas tun, sie müsse einfach nur wollen. Sie wolle doch, meint Kerner. Darauf Bohlen: „Sagen tun die das immer.“ Man könnte von einer Entzauberung sprechen, wenn denn von Bohlen irgendein Zauber ausginge, der nicht erkennbar faul wäre.

Der nervende Gärtner

Schon eher als Gabriela Braasch könnten von Bohlens Weisheiten vielleicht jene profitieren, die aufgrund der Finanzkrise um ihre Existenz fürchten: Reichtum mache nicht glücklich, versichert Bohlen und liefert anschauliche Beispiele. So habe er sich von diversen Ferraris getrennt, aus der leidvollen Erfahrung heraus, dass just bei jenem Auto, welches er gerade benutzen wolle, oft die Batterie leer sei, „weil du so lange nicht gefahren bist“. Das Ärgernis doppelter Wohnsitze offenbare sich, wenn er in seinem Haus auf Sylt eine Platte hören wolle, die sich dummerweise in Hamburg befinde. Außerdem nerve ihn ständig sein Gärtner, und wegen der permanenten Anwesenheit der Putzfrau könne er „nicht mehr richtig frei sein“. Was genau er damit meint, präzisiert Bohlen freimütig: Er traue sich daheim nicht mehr zu „pupsen“.

Marcel Reich-Ranickis Reaktion hierauf würden wir uns niemals ausmalen wollen. Immerhin wäre ihm, falls er sich beim Zappen doch zu Kerner verirrt hätte, die eigentümlichste Aussage Bohlens erspart geblieben, die sich zwar in einer Vorabmeldung, nicht aber - sofern wir nichts überhört haben - in der Sendung wiederfand: Die unfähigen KfW-Banker, hatte Bohlen vorgeschlagen, solle man „auf der Straße verprügeln“. Ein paar saftige Vollpfostentreffer zur Linderung des Volkszorns? Diese Empfehlung seines Hauswirtschaftsweisen hat das ZDF seinen Zuschauern augenscheinlich lieber ersparen wollen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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