Anne Will im Interview

„Ich wollte nie die Talkshow-Erlöserin sein“

23. März 2008 „Starr und wenig flexibel“ seien ihre Diskussionen, steht in einer internen Kritik der ARD über Anne Wills Talk am Sonntagabend, und dass ihr Studio „viel zu unruhig“ gestaltet sei. Offiziell heißt es vom NDR jedoch, Will habe die Erwartungen „mehr als erfüllt“. Stefan Niggemeier sprach mit ihr über die Kritik an ihrer Sendung, das „Betroffenen-Sofa“ und die Gefahr, Sabine Christiansen zu werden.

Hat Sie Günther Jauch schon angerufen?

Um mir sein Beileid auszusprechen? Nein, aber ich habe tatsächlich an ihn gedacht.

Jauch hätte ja eigentlich Nachfolger von Sabine Christiansen werden sollen, warf aber Anfang 2007 wegen der Querschüsse innerhalb der ARD entnervt hin. Aber Sie haben jetzt noch keine Selbsterfahrungsgruppe mit ihm gegründet.

Nein, aber Sie werden lachen: Das war jetzt wirklich der erste Moment, in dem ich dachte, ich verstehe, warum er genervt war.

Am Donnerstag hat die „Süddeutsche Zeitung“ aus einem Papier des ARD-Programmbeirates zitiert, in dem Ihre Sendung offenbar detailliert kritisiert wird. Kannten Sie das?

Ja, aus dem vergangenen Jahr. Ich wusste aber auch, und der Vorsitzende des Programmbeirates hat das ja bestätigt, dass es überholt ist. Deshalb hatte ich keinen Anlass, mich weiter damit zu beschäftigen.

Von wann ist das Papier genau?

Es stammt wohl aus dem Spätsommer. Andreas Cichowicz, der Fernseh-Chefredakteur des NDR, hat uns zeitnah davon berichtet.

Tino Kunert, der Vorsitzende des Programmbeirats, hat die Veröffentlichung als eine „unglaubliche Indiskretion“ bezeichnet und gesagt, das Papier beziehe sich nur auf die ersten zwei, drei Sendungen. Es heißt darin aber auch, die Sendung ende „oft“ abrupt. Das klingt doch nicht nach etwas, das man nach zwei, drei Sendungen formuliert.

Es ist nicht an mir zu bewerten, ob man sich nach drei Sendungen ein fundiertes Urteil bilden kann. Das müssen Sie den Programmbeirat fragen.

Haben Sie denn eine Idee, wer ein Interesse daran haben könnte, das jetzt zu lancieren?

Nein, aber ich weiß, dass die ARD ein kompliziertes Konstrukt ist und dass in unserem Senderverbund durchaus nicht immer alle dasselbe wollen. Da kann es dann leicht mal passieren, dass politische Ränkespiele auf dem Rücken der eigenen Mitarbeiter ausgetragen werden. Zum Beispiel, indem ein altes Papier zu einem bestimmten Zeitpunkt noch einmal rausgespielt wird. Dann geht es nicht um konstruktive Kritik, sondern darum, mir zu schaden.

Der Programmbeirat setzt sich ja aus Rundfunk- und Verwaltungsräten zusammen, die die gesellschaftlich relevanten Gruppen repräsentieren – man könnte sagen: aus Zuschauern.

Wenn ich auf das Urteil der Zuschauer vertrauen darf, dann scheinen wir sehr viel richtig zu machen. Wir haben seit Sendestart im Schnitt 3,9 Millionen Zuschauer – mehr als alle unsere Mitbewerber. Und das im ersten Jahr. Andere Formate hatten am Anfang deutlich mehr Probleme. Wir diskutieren hier auf einem sehr hohen Niveau von Erwartungen, die ich bislang alle übererfüllt habe. Und die Heilserwartungen zur Neuerfindung der Talkshow, die vor dem Start an mich herangetragen worden sind, die konnte ich nur entspannt unterlaufen – so hoch wie die Latte lag. Mein Maßstab muss sein, dass unsere Sendung beim Zuschauer ankommt. Aus der Perspektive betrachte ich sie, und aus der Perspektive machen wir das ganz richtig.

Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt ja etwas nebulös, das Papier sei „erst neulich“ entstanden.

Das ist der andere Punkt, über den ich mich schon gewundert habe. Da trifft wohl der alte Journalistensatz zu: Ich lasse mir doch meine gute Geschichte nicht durch Recherche kaputtmachen. Jedenfalls hat bei uns oder auch bei mir persönlich niemand versucht, Aktualität und Relevanz des Papiers zu überprüfen. Dann wäre das nämlich schnell zusammengeschnurrt.

Aber nur weil das Papier alt ist, muss es nicht überholt sein. Sie haben ja seit dem Start nicht viel an der Sendung geändert, zum Beispiel das viel kritisierte Sofa, auf dem Betroffene abseits der Politikerrunde sitzen.

Nein. Aber wir justieren dauernd, und ich scheue mich auch gar nicht, jedes Element noch mal komplett auf den Prüfstand zu stellen. Allerdings zu gegebenem Zeitpunkt. Das Sofa zum Beispiel war in vielen Sendungen geradezu konstitutiv. Sie können keine Sendung über Sterbehilfe machen und mit einer Frau sprechen, die ihre Freundin in den Tod begleitet hat, ohne ihr dafür einen einigermaßen geschützten Raum zu geben. Das ist dann eben nicht die erste Reihe im Publikum, sondern das Sofa. Wir hatten auch schon Gäste, die nur gekommen sind, weil sie auf dem Sofa sitzen konnten.

Ist die Sache mit dem Sofa jetzt eine Durchhalteübung? Sie müssen warten, bis Harald Schmidt und die anderen keine Lust mehr haben, es als Running Gag zu gebrauchen? Oder ist das eh egal?

Das zeigt doch nur, dass die Wahrnehmung klappt. Diese Form von Kritik kann ich mir sehr gelassen anschauen.

Gerade entwickelt sich eine negative Eigendynamik. Der „Spiegel“ hat vorige Woche seiner Enttäuschung über Ihre Sendung in einem großen, wuchtigen Artikel Ausdruck verliehen. Am Montag brachte dpa eine Meldung, deren erster Satz bedeutungsschwanger lautete: „Das Gästesofa in der Talkshow von Anne Will wird nicht abgeschafft.“ Jetzt das Papier – diese Dynamik muss Sie doch beunruhigen.

Vor der Sendung bin ich mit Vorschusslorbeer geradezu überschüttet worden, als sei ich die Talkshow-Erlöserin. Das wollte ich nie sein. Das kann ich auch gar nicht sein. Insofern war mir von Anfang an klar, dass irgendwann eine Phase kritischer Auseinandersetzungen kommt. Da muss man durch.

In dem Papier des Programmbeirates wird auch kritisiert, dass es „bislang keine deutlichen Änderungen gegenüber Sabine Christiansen gegeben hat“. War denn das Ihr Auftrag?

Nein. Es gibt nur einfach sehr wenige Sendeplätze im deutschen Fernsehen, an die Zuschauer eine so klare Erwartung haben. Am Sonntag nach dem „Tatort“ wollen die Zuschauer sehen, wie das politische Thema der Woche von den Persönlichkeiten der Woche diskutiert wird. Genau das machen wir. Niemand hat je gesagt: Mach alles anders als Sabine Christiansen. Das wäre auch ein ziemlicher Blödsinn.

Bei der Sendung vom letzten Sonntag zum Thema Hartz IV mit Günther Oettinger, Heiner Geißler, Fritz Schösser, Wolfgang Clement – da hatte ich auch das Gefühl, das hätte eine Wiederholung von „Sabine Christiansen“ sein können. Kann es nicht sein, dass es ein Bedürfnis gab: Man müsste das doch auch anders machen können, die Politiker anders zu packen kriegen, eine andere Besetzung haben, vielleicht auch ein anderes Konzept entwickeln?

Ich kann mir auch eine andere Wirklichkeit erfinden. Aber wir reden hier über eine politische Talkshow, nicht über eine Theaterinszenierung. Wir haben jetzt eine gut durchdachte, strukturierte Sendung. Was die Auswahl der Gäste angeht, wissen wir von der Medienforschung, dass der Zuschauer Wert auf bekannte Persönlichkeiten legt – daran können wir nicht vorbeisehen. Wenn Sie Wolfgang Clement und den anderen Gästen am vergangenen Sonntag zugehört haben, haben Sie sehr viel erfahren über die Spaltung der SPD, über Grenzen von Arbeitsmarktpolitik, über die Abstiegsängste der Mittelschicht. Ob Sie das hören wollen, weiß ich nicht, aber es betrifft nun mal viele Menschen.

Aber dieses starre, immer berechenbare Genre – vier, fünf Politiker, ein Schauspieler, ein paar Betroffene auf dem Sofa und dazu zwei ironische Einspieler: Funktioniert diese Form überhaupt noch, Politik im Fernsehen zu behandeln?

Absolut. Dafür spricht nun auch mal das Interesse der Zuschauer. Das waren am vergangenen Sonntag fast 4,5 Millionen. Eine Talkshow funktioniert nach einfachen Regeln. Sie brauchen ein konfliktträchtiges Thema und Gäste mit klaren Positionen. Und damit es kein politisches Proseminar wird, laden wir Gäste auf das Sofa ein, die die politische Diskussion mit ihrem Lebensalltag spiegeln. Ich konzediere gerne: Das ist jetzt nicht die Revolution. Es ist einfach eine Fernsehsendung. Die will ich nicht toller malen, als sie ist, aber sie trifft auf großes Interesse, und darüber freue ich mich.

Wahnsinn ist ja zur Zeit „Hart aber fair“.

Finden Sie?

In der öffentlichen Wahrnehmung: schon.

Die beiden Formate lassen sich sowieso nicht direkt vergleichen, sondern ergänzen sich. Und es ist doch schön, dass die ARD mit zwei unterschiedlichen Erfolgsformaten gut aufgestellt ist.

Vor Beginn der Sendung haben Sie auf die Frage, was Sie anders machen wollen, immer geantwortet: Sie seien der Unterschied. Sie und Ihre Art, Gespräche zu führen. Sind Sie manchmal frustriert, wie wenig Unterschied das macht?

Beobachten Sie das so?

Ja.

Ich bekomme andere Reaktionen.

Ich habe nur das Gefühl, es macht keinen großen Unterschied für die Sendung. Sie sind anders, aber die Sendung nicht so sehr. Haben Sie manchmal die Sorge, in die Rolle von Sabine Christiansen zu kommen? Die konnte ja auch auf ordentliche Quoten verweisen, und trotzdem gab es eine Wahrnehmung, dass sie alles falsch macht, dass der Erfolg unverdient ist und die Sendung langweilig.

Tatsache ist, dass das Genre Talkshow immer ganz viel Kritik auf sich zieht. Das merke ich jetzt, nachdem ich nicht mehr zu der geschützten Art der Nachrichtenmoderatoren gehöre. Inzwischen muss ich allerdings sagen: Ich hätte auch nicht als Fernseh-Mona-Lisa mit erhobener Augenbraue enden wollen. Da stehe ich lieber mal im Gegenwind und kämpfe für mein Format und meinen journalistischen Ansatz.

Das Gespräch führte Stefan Niggemeier



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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