Von Jordan Mejias
15. Juli 2008 Kürzlich war in amerikanischen Zeitungen eine Karikatur zu sehen, auf der sich Barack Obama von Kopf bis Fuß in eine amerikanische Flagge gehüllt hatte. Keiner kann jetzt an meinem Patriotismus zweifeln, blubberte es ihm in die Denkblase. Ein Ehepaar, das als Gegenteil von sophisticated gelten darf, zog daraus einen ganz anderen Schluss. Guck mal, sagte der Mann zur Frau, ein muslimischer Terrorist, der eine Burka trägt. Über die Karikatur wurde gelacht, dann war sie schnell vergessen.
Jetzt geht ein Aufschrei durchs Land, weil die karikierten Obamas den Titel des New Yorkers zieren oder, je nach Geschmack und Grad der Feinfühligkeit, verunzieren. Wiederum fehlt das Sternenbanner nicht, welches nun jedoch im offenen Kamin Feuer gefangen hat, direkt unter dem Porträt eines verdächtig nach Osama Bin Laden aussehenden Zeitgenossen. Barack Obama selbst zeigt sich in Turban und heller Robe, während Gattin Michelle, das MG geschultert und mit historischem Afro versehen, als schwarze Revoluzzerin ihm verschwörerisch zulächelt. Um, ikonographisch gedacht, ihre Enttarnung als militanten Bürgerschreck zu vollenden, führt sie mit ihrem Lebensgefährten auch noch den fist bump aus, jenes Begrüßungsritual, das gewisse Kommentatoren gern zum Anlass nehmen, ihr Publikum mit den schlimmsten Ahnungen zu verschrecken und Frau Obama als offenkundige Rassenseparatistin und Herrn Obama als kaum verkappten Islamisten gezielt zu verunglimpfen.
Wer achtet schon auf den Titel
Genau diese Verunglimpfung hat der Karikaturist Barry Blitt übernommen, allerdings um sie in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu entlarven. Natürlich sagt er karikierend nicht: So sind die Obamas, sondern: So werden die Obamas verleumdet. Nicht anders wird das wohl die Leserschaft des New Yorker begreifen, der wahrlich nicht verdächtigt werden kann, für die Republikaner Stimmung zu machen. Wäre da nicht der Rest des Landes. Der reagiert auf die Karikatur der Karikatur, als hätte sich die Zeitschrift als ultrarechtes Kampfblatt enthüllt.
Wieviel Scheinheiligkeit mit im Spiel ist, wenn John McCain sogleich die Zeichnung als völlig unangemessen rügt und aus dem Lager Obamas Empörungsschreie wie Geschmacklos! und Beleidigend! dringen, wollen wir gar nicht erst entscheiden. Jedenfalls wäre auch denkbar, dass McCain sich dabei dachte: Nicht schlecht, da geht die Schlammschlacht wieder von vorn los, und Obama seufzte: Endlich war ein bisschen Ruhe, warum muss da einer, und sei er ein Sympathisant, der George W. Bush schon als Dienstmädchen von Dick Cheney auf die Titelseite gebracht hat, wieder Öl ins schon fast abgestorbene Feuer gießen. Andererseits wären in den nächsten Monaten sicher die Flammen aus einer ganz anderen Richtung wieder angefacht worden, und so hat der New Yorker vielleicht doch prophylaktisch nur Feuer mit Feuer bekämpft. Der Titel der Karikatur, wie im Innern des Blattes nachzulesen, heißt übrigens Die Politik der Angst. Aber wer liest das schon.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: REUTERS