Von Martin Wittmann
13. Oktober 2008 Am Sonntagabend die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im ZDF zu sehen, hieß leider, dank der ausführlichen Vorberichterstattung von Marcel Reich-Ranickis lautem Auftritt nicht mehr überrascht zu sein und der Gala ihre chaotische Entstehung am Samstag wohl nicht anzumerken. Dabei boten noch am Abend der Aufzeichnung die Unberechenbarkeit des Literaturkritikers und die amüsante Planlosigkeit der Veranstalter nach dessen Suada die Lichtblicke einer ansonsten erbärmlich langweiligen Show.
ZDF-Intendant Markus Schächter begrüßt also am Samstag die Prominenz im Saal. Dass Jürgen Rüttgers als einziger bekannter Politiker zugegen war, spricht nicht für die Strahlkraft des Preises, lässt andererseits aber hoffen, dass seine Kollegen gerade wichtigeres zu tun haben, vielleicht die Finanzkrise lösen (über die sich, was verwunderlich, fast bedauerlich ist, die zahlreich auftretenden Comedians kaum oder leidlich lustig machte). Zu diesem Zeitpunkt hatte der Intendant bereits abseits der Kameras Ehrenpreisträger Marcel Reich-Ranicki gebeten, nicht zu hart mit Medium und Preis ins Gericht zu gehen, wie der Geehrte später verriet.
Gequengel im Publikum: Wie lang denn noch?
Thomas Gottschalk führt souveräner durch den Abend im Kölner Fernsehindustriegebiet Ossendorf, als die Sendung glauben macht. Aber der Rest ist schrecklich lahm: humorlose Laudatoren geben sich die Umschläge in die Hand, Trophäen werden verteilt und Ausschnitte der nominierten Filmen und der aufgebrezelten Damen im Publikum auf der Leinwand präsentiert. Jeder zweite Preisträger dankt Norbert Sauer von der Produktionsfirma Ufa, jeder dritte nominierte Film spielt in der DDR. Im Publikum quengeln die Leute wie kleine Kinder im Auto - Wie lang denn noch? -, und als die Fernsehköche Johann Lafer und Horst Lichter mit ihren vorbereiteten Gerichten auf die Bühne kommen und allen Ernstes darüber witzeln, dass Raimund Calmund sehr viel isst, stehen die ersten Geladenen auf und verlassen kurz den Saal. Der Gerichte-Sketch wurde am Sonntagabend erst gar nicht gezeigt.
Zu den wenigen Höhepunkten: Die beiden unermüdlichen Eursosport-Stimmen Sigi Heinrich und Dirk Thiele gewinnen den Preis für die beste Sportsendung des Jahres. Gegen Fußball-Europameisterschaft im Ersten, Olympia im Zweiten, Boxen auf RTL, gegen Johannes B. Kerner, Katrin Müller-Hohenstein und Kai Ebel. Das sitzt. Heinrich weint echte Tränen, solche, die man eher von Sportlern denn von Schauspielern kennt. Wäre es nicht ausgerechnet Fernsehen, würde man es großes Kino nennen.
Michael Gwisdek, sechsundsechzig Jahre alt, wird zum besten Schauspieler in einer Nebenrolle gekürt und seine Rede über die Last der Altersrollen (er möchte nicht in jedem Film eines natürlichen Todes sterben, sagte er, sondern auch mal vom Pferd geschossen werden), ist vorbildlich originell, aber nachfolgende Preisträger entschuldigen sich lieber für ihre vergleichsweise humorloseren Danksagungen statt sich ein Beispiel zu nehmen. Ingolf Lück glänzt noch damit, die erschreckend schwach besetze Kategorie für die visuellen Effekte vorzustellen und dabei stets von virtuellen Effekte zu sprechen. Als der Gewinner ihn darauf hinweist, lacht er nur hysterisch. Gezeigt wird das im Fernsehen freilich nicht.
Affront gegen jegliches Qualitätsempfinden
Deutschland sucht den Superstar wird als beste Unterhaltungssendung ausgezeichnet, und wer auf diesen Affront gegen jegliches Qualitätsempfinden hin den Saal verlässt, verpasst Reich-Ranicki. Der sollte eigentlich erst am Ende der Gala den Deutschen Fernsehpreis für sein sendefähiges Lebenswerk, also für das Literarische Quartett überreicht bekommen, hat aber offenbar keine Geduld mehr. Dass er die Veranstaltung nicht für sehr gelungen hielt, daraus machte seine Mimik zuvor schon keinen Hehl, und so wird diese Preisverleihung einfach vorgezogen. Gottschalk gibt eine gemeinsame Anekdote zum Besten, ein Filmchen mit den bösesten und dabei oft treffendsten Urteilen des Literaturkritikers wird eingespielt und der achtundachtzig Jahre alte Preisträger schließlich ans Pult geholt. Die Zuschauer rechnen mit einer kleinen Spitze gegen das Medium und einem großen Danke.
Aber Reich-Ranicki macht den Handke: Ich kann das nicht annehmen. Und ich finde das auch schlimm, dass ich das hier vier Stunden erleben musste. Es gibt ja Abende, die man ganz schön erlebt. Nein nicht, ich werde Ihnen jetzt nicht sagen, mit der Lektüre von Goethe oder Bertolt Brecht. Nein, man kann im Arte-Programm manchmal sehr schöne wichtige Sachen sehen. Ich habe auch früher häufig Wichtiges im 3Sat-Programm gesehen, aber das hat sich jetzt geändert. Meist kommen da schwache Sachen, aber nicht dieser Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben. Große Spitze, kein Danke.
Publikum schwankt zwischen Empörung und Respekt
Das Publikum im Saal schwankt zwischen Empörung und Respekt, müde ist jetzt jedenfalls keiner mehr. Gottschalk ist professionell besorgt. Er steht im Schatten und sucht Blickkontakt mit der Regie. Eine Werbepause, das wäre es jetzt, mag sich manch öffentlich-rechtlicher Entscheidungsträger gedacht haben.
Reich-Ranicki erhebt mit der Immunität eines für Kritik Geehrten Einspruch gegen die hymnischen Urteile der Jury und torpediert mit seiner Ungeduld gleichzeitig die übertragungsgerechte Aufzeichnung - ein Protest von allerhöchster Güte.
Schließlich greift Gottschalk ein und bietet Reich-Ranicki eine Sendung zusammen mit den Chefs der großen Sender an, bei dem über alles geredet werden könne, was derzeit fehle im Fernsehen: Bildung, Erziehung, Literatur, wie der Kritiker ergänzt. Der willigt ein, aber skeptisch, denn die Intendanten würden seine Vorschläge sicher sehr schön finden, dann aber sagen, das könnten sie nicht realisieren. Am Ende bietet er Gottschalk das Du an. Der Moderator nimmt an und führt ihn ab.
Alle Sorgfalt umsonst
Die bezeichnende Regieanweisung folgt auf den Fuß: Wir machen weiter, als sei nichts gewesen. Noch ist der Plan, Reich-Ranickis Auftritt an das Ende der Sendung zu stricken. Gottschalk begrüßt Edgar Selge, den Schwiegersohn Martin Walsers, mit den Worten: Mir hat Tod eines Kritikers übrigens sehr gut gefallen. Selge improvisiert und lobt Gottschalks Improvisationstalent, woraufhin der - und hier läuft die Abendplanung endgültig aus dem Ruder - auf die Bühne stürmt und darauf hinweist, dass die Zuschauer Reich-Ranickis Auftritt erst am Ende sehen würden und Bezüge darauf daher unangebracht seien. Und dass, obwohl sich Selges Bezug ja auf Gottschalks eigenen Bezug bezog. Kurz: Alles nochmal von vorne. Und alle Sorgfalt umsonst, denn am Sonntag wird der Ehrenpreis dann doch in der Mitte der Verleihung untergebracht.
Veronica Ferres gewinnt noch den Preis für die weibliche Hauptrolle und parodiert sich selbst, so unfreiwillig wie unerreichbar. Die Schauspielerin, deren Omnipräsenz und Showtalent berüchtigt und berüchtigt unbeliebt sind, berichtet unter Tränen von einem Streit mit ihrem Mann. Solle man zum Klitschko-Kampf, zum Fußballländerspiel gegen Russland oder zum Fernsehpreis gehen, daran schieden sich die PR-Geister im Hause Ferres-Krug. Ferres hat sich erst gegen Ehemann und schließlich gegen die Schauspielkolleginnen durchgesetzt.
Pillen gegen den Kater
Und der Moderator muss abermals eingreifen und nennt den Streit einen sinnlosen, da Boxen und Fußball ja bereits gestern waren. Bei Filmdreharbeiten gibt es für solche Fälle jemanden, der für die Continuity verantwortlich ist. Beim ZDF gibt es Gottschalk.
Vor der endlich letzten Verleihung lächelt der Moderator am Samstag nochmal in die Kamera und kündigt pflichtbewusst den vorletzten Preis an. Contergan gewinnt, und jeder klatscht, nicht nur, weil die beiden Ferres-Filme Die Frau vom Checkpoint Charlie und Das Wunder von Berlin damit leer ausgegangen sind.
Bleibt am Samstag die anschließende Party. Wie auf einem Klassentreffen glaubt man einige zu kennen, will aber ein Gespräch mit ihnen tunlichst vermeiden, weil einem ihre Namen nicht einfallen, und man außerdem irgendwie das Gefühl hat, diese Namen nicht ohne Grund vergessen zu haben. Eine Hostess verteilt noch Pillen gegen Kater. Die solle man vor dem Trinken nehmen, heißt es auf der Gebrauchsanweisung unsinnig spät. Ein paar Dinge hätte man schon gerne vor diesem Abend gewusst, denkt man sich. ZDF-Intendant Schächter wird es nicht anders gehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa