04. April 2007 Man sieht es der hübschen und adretten Nancy Botwin (Marie-Louise Parker) nicht unbedingt an, dass sie völlig überraschend Witwe wurde. Ihr Mann starb beim Joggen an einem Herzinfarkt, und der jüngste Sohn Shane (Alexander Gould) musste diese Tragödie auch noch hautnah miterleben. Jedenfalls bleibt Nancy Botwin nach diesem Schicksalsschlag nichts anderes übrig, als ihr Leben in der scheinbaren Vorstadtidylle namens Agrestic (wo es genauso gepflegt wie in der Wisteria Lane der Desperate Housewives aussieht) selbst in die Hand zu nehmen und für das nötige Kleingeld zu sorgen.
Das Witwendasein soll schließlich auch Spaß machen. Also steigt die Brünette kurzerhand in den Drogenhandel ein und dealt mit Marihuana. Das Gras bezieht sie von einer afroamerikanischen Familie, die die Witwe nicht nur mit Stoff versorgt, sondern auch tröstend in den Arm nimmt. Von diesem kleinen Nebengeschäft dürfen natürlich ihre beiden Söhne Shane und Silas (Hunter Parrish) nie etwas erfahren. Die Kunden, von denen es selbstverständlich genügend gibt, leben hinter perfekten Vorstadtfassaden und polieren den Zaun um ihr Grundstück ebenso sorgsam wie ihren Ruf.
Sex, Lügen, Hanf
Die Oberfläche glänzt, doch dahinter tun sich die Abgründe auf. Der Stadtrat ist eigentlich immer zugedröhnt, sein minderjähriger Sohn turtelt derweil mit einem erheblich älteren Mann in dessen Pool, und Nancy Botwins sehr blonde und sehr psychotische Freundin Celia Hodes (Elizabeth Perkins) denkt den ganzen Tag darüber nach, wie sie verhindern könnte, dass ihre Tochter (ich hätte sie abtreiben lassen sollen) mit Silas ins Bett geht - leider ist sie damit so beschäftigt, dass sie die Affäre ihres Mannes mit seiner asiatischen Tennispartnerin (jaaa, steck mir den Schläger. . .) gar nicht bemerkt.
Wieder einmal geht es um Sex, Lügen, Intrigen, Berechnung, düstere Geheimnisse und das Böse in jedem Menschen. Das Grundgerüst der preisgekrönten Serie Weeds, die in Amerika bereits sehr erfolgreich läuft und heute Abend bei Pro Sieben startet, erinnert dabei ziemlich stark an die Desperate Housewives von Marc Cherry - es scheint, als hätten die Produzenten mehr als nur zu den verzweifelten Vorstadtdamen Lynette, Gabrielle, Bree und Susan aus der Wisteria Lane geschielt. Den allzu derben Ton müssen sie allerdings woanders gefunden haben.
Trau keinem weißen Gartenzaun
Das Besondere der Desperate Housewives ist der sezierende Blick, die absolut sichere Beobachtung der Abgründe eines scheinbar normalen Alltags hinter weiß gestrichenen Gartenzäunen. Jede Folge hat ein bestimmtes Metathema, Sehnsucht also oder Einsamkeit oder Habgier, und am Ende der Episode kapiert man, dass jedes noch so harmlose Ereignis genau daraus seine Relevanz gezogen hat. Das ist der Clou.
Vielleicht darf man von der Pilotfolge einer neuen Serie nichts Großartiges erwarten, und wahrscheinlich ist es ungerecht, Weeds schon jetzt an den Desperate Housewives zu messen. Es müssen sicherlich noch einige Folgen vergehen, bis man die Charaktere besser kennen lernt und weiß, in welchem Keller sich die Leichen besonders hoch stapeln. Dennoch werden die kalifornischen Vorstadtladys den schicken Hausfrauen aus der Wisteria Lane wohl niemals das Wasser reichen können.
Von heute an immer mittwochs um 22.10 Uhr bei Pro Sieben.
Text: F.A.Z., 04.04.2007, Nr. 80 / Seite 36
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Distler