20. Oktober 2009 Am Wochenende rollte die zweite Angriffswelle aus der Pennsylvania Avenue 1600 heraus. Wie die Schlacht ausgegangen ist, wie gar der Krieg ausgehen wird, steht dahin. Es geht um die Auseinandersetzung zwischen dem Weißen Haus und dem Nachrichtensender Fox News, der zum Medienimperium des Australo-Amerikaners Rupert Murdoch gehört.
Es ist kein Geheimnis, dass sich viele Moderatoren sowie Zuschauer des konservativen Senders und das Weiße Haus gegenseitig nicht leiden können, ja sich spinnefeind sind. Das ist seit der Vereidigung Barack Obamas am 20. Januar gewissermaßen amtlich; zuvor, im Wahlkampf 2008, war es schon mehr als nur atmosphärisch wahrzunehmen. Der Nachrichtensender Fox News hat die Arbeit des Weißen Hauses unter Obama von Beginn an äußerst kritisch betrachtet; manche sehen bei Fox News eine deutliche bis unfaire Voreingenommenheit gegen Obama walten. Andere Sender, vorab der Nachrichtenkanal MSNBC, haben dafür aus ihrer Zustimmung, ja Zuneigung zu Obama kein Hehl gemacht: Legendär ist die Äußerung des Vorabend-Moderators Chris Matthews, der von einer Rede Obamas im Vorwahlkampf vom Februar 2008 so hingerissen war, dass ihm ein Kribbeln die Beine hinaufstieg.
Gezielte Eskalation
Übrigens profitieren beide Sender von der extremen Polarisierung des politischen Lebens in Washington und anderswo in den Vereinigten Staaten: Die Zuschauerzahlen und die Marktanteile steigen, worunter vor allem CNN, das Schlachtross unter den Nachrichtensendern, leidet. In der Wahlnacht und bei der Amtseinführung hatte CNN kurzfristig seine Führungsstellung unter den Cable News wiedererrungen. Doch jetzt liegt CNN, wo man sich nach eigener Aussage um parteipolitische Neutralität oder jedenfalls um den Mittelweg bemüht, wieder abgeschlagen hinter dem unangefochtenen Marktführer Fox News und auch knapp hinter MSNBC.
Jetzt ist es zu einer beispiellosen Eskalation des Streits zwischen Weißem Haus und Fox News gekommen. Als sich Präsident Obama Mitte September entschloss, gleich fünf traditionellen politischen Sunday Shows Interviews zu geben - neben CNN und dem spanischsprachigen Sender Univision auch den drei großen, terrestrisch ausgestrahlten Sendern ABC, CBS und NBC -, wurde Fox News übergangen. An der Weisheit der Entscheidung des Weißen Hauses, das Gewicht der Präsidentenbotschaft durch deren Verfünffachung zu verringern, wurden schon kurz nach der Ausstrahlung der eher belanglosen Interviews vom 20. September Zweifel geäußert. Die New York Times, dem Weißen Haus sonst ausgesprochen zugeneigt, machte anderntags mit einer denkwürdigen Titelseite auf: Zu sehen waren fünf Fotos des Präsidenten, der im gleichen Anzug mit der gleichen Krawatte im gleichen Stuhl in der gleichen Haltung sitzt und den fünf unterschiedlichen Anchors ziemlich genau das Gleiche sagt.
Abrechnung mit einem Sender
Seinerzeit ließ sich der Gastgeber von Fox News Sunday, der weithin als ernsthafter und unaufgeregter Nachrichtenveteran anerkannte Chris Wallace, mit folgenden Worten über den Ausschluss seines Senders vernehmen: Die nehmen alles persönlich. In meinen dreißig Jahren in Washington habe ich noch keinen solchen Haufen von Heulsusen erlebt. Ständig schicken sie mir E-Mails oder rufen mich an, um sich zu beschweren.
Nun hat man im Weißen Haus beschlossen, es nicht bei Beschwerden zu belassen, sondern Fox News die Legitimation abzusprechen. Obamas Kommunikationsdirektorin Anita Dunn sagte Anfang vergangener Woche, Fox News sei Meinungsmache, die sich als Nachricht tarnt. Der Sender sei ein Mittelding aus Rechercheabteilung und Sprachrohr der Republikanischen Partei. Am Sonntag legten Obamas Stabschef Rahm Emanuel und Chefberater David Axelrod nach. Emanuel bekräftigte, Fox News sei kein Nachrichtensender in der Hinsicht, dass er eine bestimmte Perspektive einnimmt. Axelrod rief zudem alle anderen Nachrichtensender dazu auf, Fox News nicht als ihresgleichen zu betrachten. Dennoch soll das Tischtuch nicht ganz zerschnitten werden: Einladungen von Fox News zu Interviews würden nicht rundweg ausgeschlagen.
Angriff aus Torheit
In Washington fragt man sich, ob das Weiße Haus nicht schon genug Schlachten zu schlagen habe: um die Gesundheitsreform, für das Energie- und Klimagesetz, gegen das beispiellose Defizit und für die Schließung Guantánamos und viele andere. Sich weitere Feinde - zumal in der polarisierten Medienlandschaft - zu machen oder diese zu weiteren Angriffen anzustacheln sei politisch nicht klug. Rupert Murdoch ließ es sich nicht nehmen, sich bei einer Aktionärsversammlung am Freitag recht herzlich bei Obama und dessen Jungtürken im Weißen Haus zu bedanken: Zuschauerzahlen und Marktanteile für seinen Sender, seit Obamas Machtantritt ohnedies gestiegen, seien dank der jüngsten Angriffe aus der Pennsylvania Avenue 1600 weiter in die Höhe geschnellt. Tatsächlich hat Fox News bei allen wichtigen Sendesegmenten - vom Vorabend bis zur Late Night - die mit Abstand höchsten Einschaltquoten, mitunter mehr als die Konkurrenten MSNBC und CNN zusammen.
Karl Rove, unter George W. Bush keineswegs zimperlicher Chefberater und Medienstratege im Weißen Haus, warf seinen Nachfolgern vor, sie verhielten sich wie einst die Stoßtrupps Richard Nixons, die auf Geheiß des Weißen Hauses Listen von Feinden zusammengestellt hatten. Dieses Weiße Haus stellt nun seine eigene Version einer Feindesliste in den Medien auf, sagte Rove und fuhr fort: Das schadet dem Land und beschädigt die Würde des Präsidentenamtes. Sieht man davon ab, dass Rove selbst mit Gegnern seines Vorgesetzten alles andere als zimperlich umzugehen pflegte, dass er verleumden und einschüchtern ließ, ist der Angriff des Weißen Hauses gegen Fox News eine Torheit. Längst erscheinen Obama und seine Strategen als selbstverliebte Präzeptoren, die keinen Widerspruch dulden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS