28. Oktober 2008 Es ist 23.37 Uhr, als sich Reinhold Beckmann von seinem ersten Gast verabschiedet. Normalerweise hat er es um diese Zeit schon mit zwei oder drei Gesprächspartnern zu tun gehabt und nimmt einen Schluck Mineralwasser, bevor die Schlussrunde beginnt. 23.37 Uhr. Das sind 52 Minuten nach Beginn der Sendung.
Zweiundfünfzig Minuten mit einem Gast. Zweiundfünfzig Minuten mit Peer Steinbrück, dem Bundesfinanzminister. Zweiundfünfzig Minuten mit dem Mann, der in einer Minute mehr sagt als Andrea Ypsilanti und Kurt Beck an einem ganzen Abend. Zweiundfünfzig Minuten Politik pur und nonstop, ohne Punkt und Komma und Show und Schabernack und Polemik und Gezänk und Geschwätz, das hat es auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit langem nicht mehr gegeben.
Zweiundfünfzig Jahre könnte das her sein. ZWEIUNDFÜNFZIG. So lautet die Antwort auf alle unsere Fragen. Nicht 42, wie der Weltcomputer Deep Thought in Douglas Adams` Per Anhalter durch die Galaxis errechnete.
Steinbrück sitzt da wie bei Am laufenden Band
Die Antwort lautet 52 und nicht 42, weil Peer Steinbrück in dieser Zeit alle Fragen beantwortet hat, die einem zur gegenwärtigen Krise einfallen können. Er sitzt da am Tisch mit Beckmann wie früher die Kandidaten bei Rudi Carrells Am laufenden Band und lässt es rattern. Er merkt sich alles, kann sich an alles erinnern und weiß zu allem blitzschnell etwas zu sagen. Und Beckmann wirft immer noch etwas nach, solange bis er - den Eindruck zumindest haben wir - selbst nicht mehr kann. Doch Steinbrück nimmt und nimmt und nimmt. Vielleicht hat die SPD ja doch den falschen Mann zum Kanzlerkandidaten gemacht.
Doch darum geht es an diesem Abend nicht, es geht um die Finanzkrise, die sich zur Wirtschaftskrise geweitet hat und die - wie der kurz zugeschaltete Wirtschaftsjournalist Harald Schumann meint - zu einer globalen Krise werden könnte. Mit solchen Horrorszenarien hat es Peer Steinbrück allerdings nicht. Er denkt und handelt pragmatisch, auf einem sicheren sittlichen Fundament, wie er sagt,
Voraussagen zu Dingen, die er nicht überschauen kann, wird man von ihm nicht hören. Bemerkenswert offen sagt Steinbrück, was geht und was nicht geht. Dass die Bundesregierung die deutsche Automobilindustrie stützt, das geht nicht, genauso wenig wie der Staat mit einem großen Konjunkturprogramm die Rezession aufhalten wird. Was geht ist das Rettungspaket für die Banken, harsche Kritik am Steuerhinterzieherparadies Schweiz und eine finanzielle Entlastung der Bürger, von der wir allerdings noch nicht so ganz genau wissen, wie sie aussieht.
Der Staat ist am Drücker
Der Staat, die Politik, Peer Steinbrück insbesondere ist am Drücker, daran lässt er keinen Zweifel und gibt auch zu, dass ihn dies ein wenig mit Genugtuung erfüllt. Mit der Kritik des Chefredakteurs der Welt, Thomas Schmid, er habe mit seinen harten Einlassungen der Dramatisierung der Lage Vorschub geleistet, hält sich Steinbrück nicht lange auf. Nicht so wichtig. Kritisieren kann jeder, Voraussagen geben auch, an sein Wort aber wird man sich in einem halben Jahr noch erinnern und ihn daran messen und erkennen wollen, ob er verantwortungsvoll gehandelt hat.
Den Appell von Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Politik müsse die soziale Marktwirtschaft neu denken, hingegen nimmt Steinbrück auf. Die Notwendigkeit, die soziale Marktwirtschaft zu revitalisieren sieht er sehr wohl, doch sei das nicht nur die Aufgabe der Politik, sondern auch der Wirtschaft und der Publizistik. Nicht wenige, den Schlenker erlaubt sich der Finanzminister, hätten den Einfluss des Staates in den vergangenen Jahren doch stets mit Skepsis verfolgt. Nun aber sei es doch ganz gut, auf einen handlungsfähigen Staat bauen zu können.
Von der sozialen zur asozialen Marktwirtschaft
Es ist kein Wunder, denkt man sich in einem solchen Moment, dass Steinbrück viele, die er als Ansprechpartner bräuchte, nicht folgen können und ausfallen. Das sind all die namhaften und namenlosen Finanzspezialisten, die keine Verantwortung tragen wollen und sich keine Rechenschaft darüber abzugeben in der Lage sind, was sie zu dem kollektiven Akt der Unvernunft, den wir im Augenblick erleben, beigetragen haben.
Das Finanzmarktdesaster vollendet den Wandel von der sozialen zur asozialen Markwirtschaft, in der Vorstände nicht mehr wie in früheren Zeiten das Dreißig- oder Vierzigfache des durchschnittlichen Facharbeiterlohns verdienen, sondern das Dreihundert- oder Vierhundertfache. Und niemand vermag einem zu sagen, welche Logik sich dahinter verbergen, wem das nutzen soll außer den wenigen Begünstigten und welches Motiv denn hier nun obwaltet denn die nackte Gier. Und das amerikanische Imperium zerbricht nicht an seinen monumentalen Militärausgaben, sondern an der eigenen Kreditmisswirtschaft, die leider nur die ganze Welt belastet.
Während dessen würde sich der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann angeblich schämen, wenn sein Haus Geld aus dem Rettungsfonds des Bundes nähme. Womit er sachlich wohl nur ausdrücken wollte, dass seine Bank so solide gewirtschaftet haben sollte, dass sie Hilfe nicht nötig hat. Das klang dann allerdings anders, einen persönlichen PR-Berater hat Ackermann offensichtlich nicht. Und zugleich drückt sich in der kolportierten Einlassung eine Haltung aus Bankerkreisen aus, die davon zeugt, dass noch immer nicht alle verstanden haben, worum es geht und sich in den Schmollwinkel verziehen. Dass Banken, die es nötig haben, das vom Staat zur Verfügung gestellte Geld aus Eitelkeitsgründen ausschlagen, hält Peer Steinbrück durchaus für möglich. Was in seinen Augen mindestens fahrlässig wäre. Die Debatte, ob den Banken zuzumuten sei, das Geld anzunehmen und sich zugleich auf Maximallöhne für ihre Spitzenmanager einzulassen, findet er fast pervers.
Landesbanken ohne Geschäftsmodell
Allerdings ist auch die deutsche Politik nicht ganz so leicht aus dem Schneider wie es scheint, wenn man Peer Steinbrück zuhört. Die Landesbanken - die öffentlichen Banken also - zeigen, dass sie genau so schlecht wirtschaften können wie private Häuser und werden dabei von der Politik auch noch beaufsichtigt. Die Landesbanken hätten anscheinend kein funktionierendes Geschäftsmodell, sagt Steinbrück. Wie das denn stattdessen aussehen könnte, das sagt er nicht, muss er aber auch nicht, denn das ist nicht seine Aufgabe, er hat so schon genug zu tun.
Seine Frau, sagt er am Ende, habe er am Wochenende das erste Mal seit langer Zeit wieder einmal gesehen. Das war die einzige private, menschelnde Frage, die sich Beckmann in diesen 52 Minuten erlaubte. Als Wirtschaftsmoderator hat der einstige Ran-Erfinder und Sportschau-Mann es schon ganz schön weit gebracht. Er entlässt uns dank der Energie seines Gegenüber einigermaßen gefasst. Wir müssen uns auf das rechte Maß rückbesinnen, sagt Steinbrück zum Schluss. Augenmaß, Balance halten, Pflichtbewusstsein, das sind die Dinge, die dem Minister auch einfallen, als Beckmann ihn nach seinem Mentor Helmut Schmidt fragt.
Peer Steinbrück werden wir in den nächsten Wochen und Monaten wohl noch öfter sehen und hören. Er verstehe, sagt er, dass die Menschen angesichts der Finanzkrise und des Totalausfalls einer vermeintlichen Wirtschaftselite im Augenblick vor Ärger manchmal Pickel kriegen. Gegen diese Art von Gesellschafts-Akne ist eine solche Sendung ein ganz gutes Mittel. Die Wirkung setzt schon nach 52 Minuten ein.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa