Fernbedienung „Betty“

Bring mir ein Sandwich

Von Peer Schader

Schlauer werden mit Betty

Schlauer werden mit Betty

02. Februar 2007 Wenn morgen der Arbeitskollege erzählt, er habe den Abend zuvor mit seiner Fernbedienung kommuniziert, ist das ab sofort kein Grund mehr, ihn zum Arzt zu schicken. Denn vielleicht hat er recht - und die Fernbedienung einen Namen: „Betty“. Sie fordert Aufmerksamkeit von ihrem Besitzer, stellt Quizfragen oder liefert Programmhinweise, manchmal erkundigt Betty sich auch, ob er Informationen zu einem neuen Produkt haben möchte. Und wenn sie eine Weile keinen Ton hervorbringt, macht man sich schon Gedanken, ob etwas mit ihr nicht stimmt.

Fast könnte man auf die Idee kommen, das Münchner Unternehmen Betty TV habe ein Tamagotchi für Erwachsene erfunden, das man hätscheln und umsorgen muss, damit es sein elektronisches Leben nicht aushaucht. Aber ganz so simpel ist es nicht. Betty soll ermöglichen, wovon die Branche schon lange spricht: interaktives Fernsehen. Auf dem Display der Fernbedienung, die mit einem Scart-Adapter an den Fernseher und mit einem Minimodem an die Telefonbuchse angeschlossen wird, werden den Nutzern passend zu den Programmen Beteiligungsmöglichkeiten angeboten. Abstimmen bei Castingshows, bei Gerichtsshows auf schuldig plädieren - alles geht auf Tastendruck: A, B, C, D, OK. Und wer bei „Galileo“ aufpasst, kann anschließend mühelos eintippen, wie viel das teuerste Sandwich der Welt kostet.

„Sofameilen“ und „Superpreise“

Sieht aus wie eine gewöhnliche Fernbedienung. Ist aber Betty

Sieht aus wie eine gewöhnliche Fernbedienung. Ist aber Betty

Als Anreiz und Belohnung bekommen die Betty-Nutzer sogenannte „Sofameilen“ gutgeschrieben, die sich später, wenn das Nutzerkonto gefüllt ist, gegen „Superpreise“ ausspielen lassen, etwa für einen Besuch im Fernsehstudio. Weil Betty mit dem Bonusprogramm „Happy Digits“ von Telekom und Karstadt kooperiert, lassen sich die Sofameilen auch für Küchengeräte oder DVD-Player einsetzen.

Eine interaktive Revolution ist das nicht gerade. Jedenfalls hat man sich die Beteiligung der Zuschauer am Programm spannender vorgestellt. Aber es ist ein Anfang, meint Wolfram Schmidt, Vorstandsvorsitzender der deutschen Betty TV, die seit vergangenem Herbst zum Telekommunikationskonzern Swisscom gehört: „Betty steht für fernsehbegleitende Unterhaltung und erlaubt den Sendern, direkt in Kontakt mit den Zuschauern zu treten.“

Bitte mitmachen!

In der Schweiz gibt es Betty schon seit einigen Monaten. Allerdings wurden bis Ende des Jahres gerade mal 8000 Geräte verkauft. 20.000 hätten es sein sollen, zum Marktstart war von 50.000 die Rede. In Deutschland soll es besser laufen. Vier Monate lang touren Betty-Beibringer durch deutsche Einkaufszentren, um die Mitmachidee zu erklären, seit Wochen laufen Werbespots im Fernsehen, und die Elektronikriesen Saturn und Media Markt sowie der Versandhändler Amazon sind als Vertriebspartner im Boot, die Bauer-Programmzeitschrift „tv 14“ druckt Betty-Mitmachhinweise. Bis Ende des Jahres müssen mindestens eine halbe Million Geräte verkauft sein, Stückpreis von 39,90 Euro, wobei man mutmaßen darf, dass Betty TV drauflegt, um die Technik zu etablieren.

Es wird ein schwieriger Start: Vorerst läuft die Kooperation nur mit Sat.1, Pro Sieben und Kabel 1. Potentiellen Käufern muss erklärt werden, warum sie vierzig Euro für ein Gerät ausgeben sollen, mit dem man zwar bei „Genial daneben“ mitraten kann, aber nicht bei „Wer wird Millionär?“. Betty-Chef Schmidt verspricht jedoch, man werde „in absehbarer Zeit“ weitere Sender gewinnen können. Mit RTL sei man in Gesprächen - aber das hört man aus München schon seit zwei Jahren. RTL lässt ausrichten, Betty sei ein interessantes Projekt, aber derzeit lasse sich nicht absehen, ob sich RTL in Deutschland beteilige. In der Schweiz arbeitet man längst zusammen. Werden sich die Partner für den deutschen Markt womöglich nicht über die Aufteilung der Erlöse durch Werbung und kostenpflichtige Votings einig?

„Derzeit keine Priorität“

In jedem Fall hat sich Betty TV wohl keinen Gefallen damit getan, die Pro-Sieben-Sat.1-Tochter Seven One Media als Vermarkter auszuwählen. Wenn RTL jetzt einstiege, müssten die Kölner akzeptieren, dass das Projekt von der Konkurrenz vermarktet wird - schwer vorstellbar bei den Grabenkämpfen zwischen den Sendern.

Und die anderen? Bei Viacom (MTV, Comedy Central) heißt es auf Anfrage, es gebe „momentan keine Pläne“, Betty einzubinden. Joel Berger, Leiter Marketing und New Business, sagt: „Wir sind über unsere primären Interaktionsplattformen Internet und Mobiltelefon sehr gut mit der Zielgruppe verbunden.“ Beim Discovery-Networks-Ableger Dmax besteht zwar Interesse, aber es gibt keine konkreten Abmachungen. Und Robert Amlung, Leiter Neue Medien beim ZDF, erklärt: „Zuschauerbeteiligung über interaktive Dienste ist für das ZDF interessant, hat aber bei uns derzeit keine Priorität.“ Den meisten Sendern reicht das Handy völlig aus.

Technische Probleme

Zudem scheint es teilweise technische Probleme zu geben: Die Betty-Signale werden wie der Teletext in der Austastlücke des Fernsehsignals übermittelt. Bei Zuschauern mit Satelliten-Receivern oder DVB-T-Zuschauern kann es zu Aussetzern kommen - berichten Betty-Besitzer in Online-Foren. Zudem ist ein analoger Telefonanschluss nötig, um das Minimodem anzuschließen. ISDN-Nutzer ohne Umwandler schauen in die Röhre. Immerhin soll im Sommer ein IP-Adapter herauskommen, mit dem Betty auch über DSL senden kann. Und dann befürchten Nutzer, dass Betty TV Personen- und Adressdaten an Werbekunden weitergeben könnte. Betty-TV-Chef Schmidt beschwichtigt: „Das passiert ausschließlich, wenn der Kunde das wünscht und auf der Fernbedienung bestätigt.“ Auch das Fernsehverhalten werde definitiv nicht aufgezeichnet.

Bei allen Schwierigkeiten muss man sagen, dass es ganz unterhaltsam sein kann, auf Sofameilenjagd zu gehen, wenn Betty erst einmal installiert ist und läuft. Vermutlich ist es wie mit allen neuen Spielzeugen: Die Faszination legt sich mit der Zeit, vor allem wenn die Fernbedienung ständig klingelt und leuchtet, obwohl man doch bloß einen Film sehen will. Die Jugendlichen, die mal Feuer und Flamme für ihre Tamagotchis waren, können das vielleicht am besten erklären.

Text: F.A.Z., 02.02.2007, Nr. 28 / Seite 38
Bildmaterial: Betty TV

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