Wickerts Abschied

„Danke, daß Sie mich ertragen haben“

01. September 2006 Seinen Ohrwurm, über den der Regisseur während der Sendung mit ihm stets gesprochen hat, nahm er mit. „Der paßt nur mir“, sagte mit Wehmut in der Stimme „Tagesthemen“-Aushängeschild Ulrich Wickert am Donnerstag abend kurz nach seiner letzten Moderation der Nachrichtensendung.

Rund 2500 Mal saß der Journalist vor den Kameras im Sendestudio des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Hamburg - eingetaucht in die blau-weiße ARD-Farbenkulisse. „Danke, daß Sie mich 15 Jahre lang während der 'Tagesthemen' in Ihrem Wohnzimmer empfangen und ertragen haben und daß Sie mir vertrauten“, bedankte sich der sichtlich Gerührte bei seinem Publikum. 4,34 Millionen Zuschauer, deutlich mehr als sonst, saßen vor den Bildschirmen.

Ein fast normaler Tag

Die Stunden vor den letzten Sendeminuten erlebte der ehemalige Auslandskorrespondent, der neben Frankreich auch aus Washington und New York berichtete, als einen „fast normalen Tag“. Konferenzen, Abstimmungsgespräche, Sitzungen. „Eigentlich ist fast alles wie immer, außer daß ich etwas früher ins Studio muß“, erläuterte der 63jährige. Auch das benachbarte Schweizer Publikum sollte verabschiedet werden - in der dortigen Nachrichtensendung „10 vor 10“.

Arm in Arm mit einer ehemaligen Kollegin, die extra zum Abschied gekommen war, schritt Wickert also gut 20 Minuten früher als üblich durch die langen Flure der NDR-Zentrale ins Studio. „Bon soir, einen allerschönsten guten Abend“, begrüßte der gut Gelaunte seine Regiecrew. Nach der Maske, die zunächst nicht zu finden war, ging es sofort los.

Dank vom Außenminister

Da Wickert auch in der Schweiz beliebt ist, kündigte der „10 vor 10“-Moderator „Mr. Tagesthemen“ gleich als den „Kopf des Tages“ an, „der es sogar mit dem Papst aufnehmen könnte“. Auf die Frage, ob Wickert nicht in drei Jahren Bundeskanzlerkandidat werden wolle, antwortete dieser ironisch: „Das wäre ein gute Idee, und ich mache Sie dann zum Außenminister.“ Den amtierenden Bundesaußenminister, Frank-Walter Steinmeier (SPD), begrüßte Wickert kurz darauf live zum Interview.

„Ich hätte Ihnen an diesem besonderen Tag Ungemach aus der internationalen Politik gerne erspart“, sagte Steinmeier, den Wickert zuvor zum Thema Iran und Atomkonflikt befragt hatte. Obwohl die geplante Interviewzeit schon längst überschritten war, ließ es sich Steinmeier zur Überraschung von Wickert und seinem Team aber nicht nehmen, dem 63jährigen „für 15 Jahre hervorragende journalistische Arbeit“ zu danken. „Ich wünsche Ihnen, daß es lange dauert, bis Ihre Kollegen sagen, 'eine geruhsame Nacht'.“ Der Routinier ließ sich durch diese spontane Aktion nicht aus der Bahn werfen und moderierte zielstrebig wie eh und je und mit gewohntem Charme und Witz zu Ende.

Irgendwo geht die Reise immer hin

Genau um 22.48 Uhr und 28 Sekunden flimmerte der 1,96-Meter-Hüne letztmalig als Anchorman der „Tagesthemen“ über die heimischen Bildschirme - umringt von zahlreichen Redakteuren, Tontechnikern, Sekretärinnen sowie Moderationskollegen und mit einem riesigen Blumenstrauß in der Hand.

„Irgendwo geht die Reise immer hin“, lautete sein Fazit - wohl auch mit Blick auf seine neue Literatursendung „Wickerts Bücher“. Buchstäblich zwischen Tür und Angel, also zwischen Redaktionsküche und Großraumbüro im NDR-Haus 18 auf dem Flur, feierte der Fernsehstar mit etwa 35 Kollegen bis in die frühen Morgenstunden. „Sei kein Fremder. Komm oft vorbei“, forderte Wickerts Nachfolger Tom Buhrow. „Wir haben uns immer auf Wickert verlassen können“, bilanzierte ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke.

Bei Rot- und Weißwein sowie Sekt, den die Redaktion erst 45 Minuten vor Sendebeginn aus einem Supermarkt geordert hatte, verabschiedete sich Wickert in sein Privatleben. „Ich werde euch alle vermissen.“ Als Erinnerung überreichte ihm Gniffke schließlich noch ein von den Kollegen selbstgemaltes Bild mit der Aufschrift „tt ade“. „Über das Ergebnis mögest du selbst richten“, sagte Gniffke unter dem lauten Gelächter der Feiernden.



Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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