
Dschabrail Machmudow (r.) ist einer der Angeklagten, sein Bruder Rustam soll der Mörder gewesen sein
30. November 2008 Im Strafprozess gegen mutmaßliche Komplizen des Mörders der Journalistin Anna Politkowskaja wird an diesem Montag erwartet, dass die Anklage Videobilder vorführt, auf denen der vermutliche Täter Rustam Machmudow aus dem Auto seiner mitangeklagten Brüder steigt. Bisher hat die Staatsanwaltschaft den Geschworenen Aufzeichnungen der Sicherheitskamera am Wohnhaus von Frau Politkowskaja gezeigt, aus denen hervorgeht, dass die Bluttat vor zwei Jahren eine knappe halbe Minute in Anspruch nahm.
Die Kamera zeigt einen Mann mit Baseballmütze – vermutlich der flüchtige Rustam Machmudow –, der am 7. Oktober 2006 eine Minute nach vier Uhr nachmittags den Hauseingang betritt. Zehn Minuten später sieht man Anna Politkowskaja ins Haus gehen. Zwölf Minuten nach vier sieht man den mutmaßlichen Täter, der sein Opfer mit fünf Schüssen getötet hat, eiligen Schrittes das Haus verlassen.
Die Kinder möglichst wenig beunruhigen
Die Journalistin sei an jenem Tag mit ihren Kindern verabredet gewesen, gaben Frau Politkowskajas Sohn Ilja und ihre Tochter Vera vor dem Moskauer Militärgericht zu Protokoll. Vera Politkowskaja, die der Mutter nacheifert und als Reporterin für die Agentur RIA Nowosti arbeitet, erwartete sie zu Hause, um mit ihr zu einem Klempnerladen zu fahren. Vera Politkowskaja, damals im vierten Monat schwanger, wohnte seit einer Woche vorübergehend bei der Mutter, die die Tochter zur Vorsicht gemahnt hatte, weil in jüngster Zeit verdächtige Personen im Treppenhaus herumlungerten.
Zugleich funktionierten das Schloss an der Eingangstür und die Wechselsprechanlage, die offenbar beschädigt wurden, oft nicht. Die Fremden kämen ihr umso rätselhafter vor, als sie nicht betrunken seien, habe Frau Politkowskaja gesagt. Ilja und Vera Politkowskaja wussten, dass ihre Mutter wegen ihrer Publikationen über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien und in der Armee Drohungen erhielt; nicht jedoch, von welcher Seite. Die Journalistin wollte ihre Kinder möglichst wenig beunruhigen. Ilja Politkowski fuhr an jenem Nachmittag zu seiner Mutter, um ihr zu helfen, Einkaufstaschen aus dem Auto in die Wohnung zu tragen. Vor dem Haus empfingen Ilja Milizionäre, die ihm eröffneten, seine Mutter sei tot.
Mutter Teresa des russischen Journalismus
Im Anklagekäfig sitzen zwei jüngere Brüder von Rustam Machmudow, Ibrahim und Dschabrail, sowie der ehemalige Antimafiapolizist Sergej Chadschikurbanow, der bei der Beschattung von Frau Politkowskaja geholfen haben soll. Die Überwachungskamera einer Bank in einer Seitenstraße hielt fest, wie der Schiguli der Machmudows Tage vor dem Verbrechen vor Frau Politkowskajas Haus hielt und unmittelbar vor dem Mord dort vorfuhr. Das Auto brachte die Ermittler auf die Spur der tschetschenischen Brüder.
Rustam Machmudow, nach dem mit internationalem Haftbefehl gefahndet wird, soll sich in einem europäischen Land aufhalten. Der Auftraggeber des Mordes ist nicht bekannt. Anna Politkowskaja, die in Reportagen und Büchern den zivilen Opfern tschetschenischer und russischer Militärs und Banden ihre Stimme gab, galt als Mutter Teresa des russischen Journalismus. Ihre Bewunderer huldigen ihr wie einer säkularen Märtyrerin. Vera Politkowskaja gab ihrer Tochter, die nach dem Tod der Mutter zur Welt kam, dieser zu Ehren den Namen Anna.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa