21. Juli 2006 Gangster wissen in der Regel, wo es schön ist und die Sonne scheint. Insofern paßt der Gangster-Schwerpunkt der kommenden Fernsehwoche zum brütenden Hochsommer. Für Abkühlung sorgen neben Erstausstrahlungen wie About Schmidt einige Film-Noir-Klassiker von Fritz Lang und John Huston.
Samstag, 22. Juli
ZDF, Tragikomödie, 23.50 Uhr: Schiffsmeldungen
Es hätte eine rauschende Abschiedsfeier werden sollen, aber dann wächst es sich doch mehr zum Delirium aus als zum Fest. In wüstem Übermut schlagen die Volltrunkenen das Boot kurz und klein, mit dem einer von ihnen sich übers Meer aufmachen wollte, der Globalisierung seiner Sehnsüchte entgegen. Tut aber fast gar nichts, dann bleibt er halt da in der so karstigen wie garstigen Einöde, wo Nebel, Regen, Kälte die Hauptrollen spielen und wo ein Holzhaus mit Trossen im Boden verankert werden muß, damit es der Sturm nicht davonträgt. Gelegentlich, wenn Wind und Wetter es gebieten, treibt auch mal ein Eisberg vorbei.
Nach Chocolat hat Lasse Hallström abermals einen bewußt altmodischen Film gedreht, der nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint. Der schwedische Regisseur in Diensten Hollywoods liebt Geschichten, die ins Geheimnis getaucht sind, und nimmt es dafür gerne mit einer Romanvorlage auf, die er selbst provozierend undramatisch nennt. Tatsächlich sind die vom Kameramann Oliver Stapleton schwerelos eingefangenen Traumbilder die überzeugendsten Sequenzen: wenn etwa einer Legende zufolge das Haus, in dem Quoyle (Kevon Spacey) und die Seinen Unterschlupf finden, von einer benachbarten Insel an Seilen quer über das zugefrorene Meer auf seinen jetzigen Standort gezogen wird. Fitzcarraldos über den Berg gehievtes Schiff tutet laut Ahoi.
Sonntag, 23. Juli
RTL, Thriller, 20.15 Uhr: Nicht auflegen
Ein Mann kämpft um Erlösung. Eines Nachmittags war er in eine der letzten Telefonzellen in Manhattan getreten, die durch eine Falttür ein wenig Privatheit garantieren, hatte seinen Ehering abgezogen und auf die Ablage in Brusthöhe gelegt. Dann hatte er ein Mädchen angerufen, mit dem er seine Frau betrügen wollte, und erfahren, daß es an jenem Tag keine Zeit für ihn hatte. Ohne allzu große Enttäuschung zu zeigen, hatte er die Falttür auf dem Weg nach draußen schon halb durchschritten, als das Telefon klingelte. Er hatte nicht lange überlegt, bevor er abnahm, automatisch fast, weil man ein Telefon nicht klingeln läßt.
Zunächst hatte er an einen Scherz geglaubt, als eine verführerische Männerstimme ihn mit seinem Namen ansprach, Stu. Einen Augenblick lang war er verärgert, als die Stimme drohte, ihn zu erschießen, wenn er auflegen sollte. Dann fiel sein Blick auf den roten Punkt, der über sein Hemd wanderte und das Einschußloch markierte, sollte der Unbekannte am anderen Ende der Leitung tatsächlich abdrücken - und er begann, um sein Leben zu kämpfen, bis er merkte, daß es die Erlösung war, um die es ging: Abbitte sollte er leisten, für seine Sünden und sündige Gedanken. Colin Farrell ist Stu. Der junge Ire, der in Steven Spielbergs Minority Report als CIA-Agent Tom Cruise an die Wand spielte, hat hier das kleine Terrain gleich ganz für sich und nutzt es zur Freude des Zuschauers.
3Sat, Film-Noir-Klassiker, 23.50 Uhr: Asphalt Dschungel
Es scheint der perfekt geplante Bankraub zu sein, an dessen Umsetzung sich Gangster Doc macht. Doch den perfekten Bruch gibt es bekanntlich nicht und das Ganze endet im Fiasko. Legendäres Ensemble mit Marilyn Monroe unter der Regie von John Huston.
Montag, 24. Juli
Phoenix, Dokumentation, 23 Uhr: Die Mafia
Vierteiler über die ehrenwerte Gesellschaft, die von den goldenen 50er Jahren bis in die Tage des Wirkens im Untergrund begleitet wird. Mit Observierungsvideos, Abhörbändern und O-Tönen von Mafia-Killern.
Sat 1, Tragikomödie, 20.15 Uhr: About Schmidt
In diesem Film unternimmt Jack Nicholson die herkulische Anstrengung, sämtliche Jack-Nicholson-Tricks zwei Stunden lang zu unterdrücken. Also kein Haifischgrinsen mit gebleckten Zähnen. Kein Grunzen, kein Pferdeschnauben, kein Here's Johnny! und andere Kernsprüche. Kein Reptilienblick unter Augenbrauenwülsten, kein genüßliches Kratzen am Skalp, kein Herumfingern an großkalibrigen Waffen. Kein Pinkeln auf anderer Leute Schuhe. Kein Jack-Nicholson-Gang, kein Jack-Nicholson-Gebrüll. Bloß Jack Nicholson. Ein Mann Mitte Sechzig, schwerfällig, untersetzt, mit gelichtetem Haar. Jack der Rentner.
Der Mann, den Nicholson in Alexander Paynes About Schmidt spielt, geht gerade in Rente. Der Film beginnt an seinem letzten Arbeitstag: Warren C. Schmidt, leitender Angestellter der Woodman Versicherungsgesellschaft in Omaha, Nebraska, wird mit einem Festessen unter Kollegen in den Ruhestand entlassen. Aber Schmidt sitzt wie ein Stein bei seiner eigenen Feier. Im ersten unbewachten Moment stiehlt er sich fort an die Bar. Man spürt, für Warren Schmidt beginnt eine schlimme Zeit.
Ein ruhiger Film, scheinbar. Aber unter seiner Oberfläche brodelt es, so wie es in Schmidts Gesicht zu brodeln scheint, ein Zucken hier, ein Stirnrunzeln dort - Hitzeschübe kurz vor der Explosion, die dann nicht kommt, weil der Treibsatz an Zorn und Enttäuschung nicht mehr ausreicht, die Masse Mensch in Bewegung zu setzen. Nur einem einzigen Menschen kann Warren Schmidt sein Leid klagen, und der ist weit, weit weg. Durch einen Fernsehwerbespot angeregt, hat der Ruheständler ein afrikanisches Waisenkind adoptiert, den sechsjährigen Ndugu. Was Schmidt der Welt nicht sagen will, das schreibt er - in langen Briefen, die er seinen monatlichen Schecks beifügt - dem kleinen Ndugu. Er ist zurückgekehrt in die Welt, aus der ihn seine Pensionierung herausgerissen hat. Er ist zu Hause. Und wir mit ihm.
Dienstag, 25. Juli
ZDF, Tragikomödie, 22.45 Uhr: Netto
Das Leben in Zeiten von Hartz IV - in dem Regiedebüt von Robert Thalheim regiert die Handkamera. Der Eindruck von Authentizität wird durch improvisierte Dialoge und eine Reihe von Laiendarstellern unterstützt. Erzählt wird die Geschichte des 15 Jahre alten Sebastian (Sebastian Butz), der seinem Vater bei der Jobsuche hilft und im Gegenzug Lektionen über die Liebe erhält.
3Sat, Film-Noir-Krimi, 23 Uhr: Geheimring 99
Cop Diamond (Cornel Wilde) will ein Städtchen aus den Fängen von Syndikatsboß Brown befreien. Das Gute gedenkt er dabei mit dem Angenehmen zu verbinden, denn er hat ein Auge auf die Braut des Gangsters geworfen.
HR, Gangsterdrama, 23 Uhr: Lucky Luciano
Fast unbemerkt hat Gangster Luciano ein Heroin-Imperium aufgebaut. Doch dann heftet sich Agent Gene (Rod Steiger) auf seine Fährte.
Mittwoch, 26. Juli
Tele 5, Komödie, 20.15 Uhr: Meine Frau die Schauspielerin
Wie gehen eigentlich die Partner von Schauspielerinnen im wirklichen Leben mit dem Bewußtsein um, den geliebten Menschen in der Fiktion fortdauernd in kußintensiven Umarmungen mit anderen und häufig auch nackt auf der Leinwand zu sehen? Wie peinigend ist die Ungewißheit, wieviel wirkliches Erleben wohl in das Spiel rinnen muß, damit es authentisch wirkt?
Das französische Schauspielerpaar Yvan Attal und Charlotte Gainsbourg hat das Problem zum Thema eines Films gemacht, mit dem Attal als Regisseur und Drehbuchautor debütiert - und niemand sollte ihm verargen, wenn das Geschehen die durchaus mögliche Eifersuchtstragödie meidet und die komischen Aspekte hervorkehrt. Doch daß die Fiktion - Attal schlüpft in die Rolle eines mit einer Schauspielerin verheirateten Sportreporters, Charlotte Gainsbourg darf sozusagen sich selbst spielen - nur recht dürftige Brechungen aus dem Reiz bezieht, daß die beiden in der Realität Lebensgefährten sind, ist ein fühlbares Manko der Komödie. Daß Yvan und Charlotte mit ihren Scharmützeln keinen Augenblick zum Fürchten sind, bekommt der Komödie gar nicht.
Donnerstag, 27. Juli
3Sat, Krimi, 22.25 Uhr: Gangster in Key Largo
Der ehemalige Major McCloud (Humphrey Bogart) besucht die Witwe (Lauren Bacall) eines gefallenen Kameraden in dem von ihr geführten Hotel. Hier hat sich auch der Gangster Rocco (Edward G. Robinson) mit seinen Kumpanen eingemietet hat. Während draußen ein Hurrikan tobt, kommt es drinnen zum Showdown. Krimiklassiker von John Huston, der am 5. August 100 Jahre alt geworden wäre.
Freitag, 28. Juli
3Sat, Krimiklassiker, 22,30 Uhr: Heißes Eisen
Polizist Dave Bannion (Glenn Ford) untersucht den vermeintlichen Selbstmord eines Kollegen. Irgendwann ich wird er von seinen Vorgesetzten zum Abschluß des Falls gedrängt. Dann tötet eine Autoexplosion seine Frau (Jocelyn Brando, die Schwester von Marlon). Die Bombe galt ihm. Bannion quittiert den Dienst, ermittelt jedoch auf eigene Faust weiter. Krimiklassiker von Fritz Lang.
Text: @uweb
Bildmaterial: Cinetext/RR