Von Peer Schader
27. Dezember 2007 Jetzt ist es also passiert: Den amerikanischen Fernsehsendern ist der Seriennachschub ausgegangen. Wegen des Autorenstreiks in Hollywood gibt es derzeit von vielen populären Serien wie Desperate Housewives und Dr. House keine neuen Folgen mehr. Auch die deutschen Sender beobachten den Verlauf des Streiks - immerhin gehören amerikanische Serien zu den erfolgreichsten Sendungen von RTL, Pro Sieben und Vox.
Angst, dass es auch in Deutschland bald zu Ausfällen im Programm kommen könnte, gibt es aber noch nicht: Aktuell hat der Streik keine Auswirkungen für uns, sagt Ladya van Eeden, die Programmleiterin von Vox, das unter anderem die amerikanischen Serien CSI: New York, Criminal Intent, The Closer und Boston Legal zeigt. Das liegt daran, dass die meisten deutschen Sender neue Folgen erst rund ein Jahr nach deren Ausstrahlung in Amerika zeigen. Ein Grund dafür ist die langwierige Synchronisation.
Auswirkungen für deutsche Sender

Teile des Ensembles der Serie "Grey's Anatomy" unterstützen die protestierenden Drehbuchautoren in Los Angeles
Verschiebungen würden uns nicht so weh tun, da wir sowieso immer einen größeren Vorlauf haben, sagt auch der RTL-Chefeinkäufer Dirk Schweitzer. Ärgerlich wird es dann, wenn Staffeln nicht mehr den gewohnten Umfang von zweiundzwanzig oder vierundzwanzig Episoden haben. Dann könnte es vermutlich mehr Wiederholungen geben.
Sollte der Streik der Drehbuchautoren noch länger dauern, ist davon auszugehen, dass die amerikanischen Fernsehsender die aktuellen Staffeln an ihrem derzeitigen Produktionsstand kappen und für die nächste Saison planen. Das wiederum hätte sehr wohl Auswirkungen für die deutschen Sender: Wenn überhaupt, machen sich die Streiks im Herbst 2008 im deutschen Fernsehen bemerkbar - da haben wir noch ein bisschen Zeit für Alternativpläne, sagt Ladya van Eeden. Der Programmleiter von RTL 2, Axel Kühn, erklärt: Für 2008 sind wir bestens versorgt. Wenn der Streik noch lange dauert, sind aber natürlich alle Sender spätestens 2009 davon betroffen.
Leiden auf hohem Niveau
Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass sich RTL 2 vorerst noch nicht um seinen Serienhit Heroes ängstigen muss. Der Sender hat gerade einmal die Hälfte der ersten Staffel gezeigt, die zweite ist in Amerika längst angelaufen. Auch Vox muss sich vermutlich wenig Sorgen machen: Die Kölner haben noch zwanzig CSI: New York-Folgen in petto, von The Closer folgt eine neue Staffel, und auch Freunde von Boston Legal, der Anwaltsserie mit William Shatner und James Spader als arrogant-liebenswürdigen Allmachtsanwälten macht nach dem Ende der dritten Staffel im Januar sowieso erst einmal Pause. Bei Criminal Intent, das im Januar in Amerika das Network wechselt, sieht es hingegen schon etwas knapper aus. Außerdem läuft im Januar die neue Serie Shark mit James Woods an.
Auch bei RTL kann der Quotengarant Dr. House, dessen Darsteller Hugh Laurie die Autoren bei ihrem Streik unterstützt, vorerst weiter praktizieren. Noch zehn Folgen der dritten Staffel sind in Deutschland ungesendet, dazu kommen neun fertig produzierte Folgen der vierten Staffel. Bei CSI - Dem Täter auf der Spur und CSI: Miami hat RTL sogar noch größeren Vorlauf. Das kommt auch daher, dass der Marktführer hochempfindlich programmiert - sehr zum Unmut der Stammseher: In der vergangenen Woche ist die aktuelle House-Staffel ohne Hinweis für die Zuschauer unterbrochen worden. Bis ins neue Jahr hinein zeigt RTL Folgen aus der zweiten Staffel, um nicht wertvolle Erstausstrahlungen zu senden. Zwar büßte die Wiederholungsfolge von Dr. House in der vergangenen Woche knapp eine Million Zuschauer in der Zielgruppe ein, war aber mit fast 26 Prozent Marktanteil noch immer die meistgesehene Sendung des Tages. Das sei Leiden auf hohem Niveau, heißt es bei RTL.
Desperate Housewives in Gefahr
Pro Sieben verfährt ähnlich mit seinen Topserien. Nachdem Desperate Housewives und Grey's Anatomy am Mittwoch zu Programm-Hits geworden sind und bei beiden Serien Ende November die aktuellen Staffeln ausliefen, wiederholte Pro Sieben zuletzt die dramatischsten beziehungsweise emotionalsten Folgen von Grey's Anatomy im Doppelpack - das allerdings brachte einen deutlich geringeren Erfolg als die Erstausstrahlungen. Beide Serien sollen im Februar mit neuen Staffeln starten, doch genau das könnte schwierig werden, da die Münchner die amerikanischen Serien deutlich schneller ins Programm hieven als die Konkurrenz. Drei bis sechs Monate braucht man bei Pro Sieben für die Synchronisation einer Staffel. Die Zuschauer profitieren von der schnellen Ausstrahlung, allerdings könnte der Sender deshalb auch stärker vom Streik betroffen sein.

Eva Longoria, Star der Fernsehserie "Desperate Housewives", versorgt die streikenden Autoren mit Pizza
Der Programmplanungschef Jürgen Hörner glaubt das nicht. Eine Verschiebung der für Februar geplanten Staffeln werde es nicht geben: Die Serien werden wie geplant starten. Das ist optimistisch, immerhin umfasst die vierte Staffel von Desperate Housewives im Moment gerade einmal neun Folgen, die Produktion wurde wegen fehlender Drehbücher schon vor Wochen eingestellt. Sollte die Staffel verkürzt werden, könnte Pro Sieben gerade einmal bis Ende April senden. Viel besser sieht es auch bei Grey's Anatomy nicht aus, das in der vierten Staffel nur zehn Folgen hat.
Im Zweifel für die Wiederholung
Doch selbst wenn es so kommen sollte: Die Sender würden sich zu helfen wissen. Die Zuschauer akzeptieren im Zweifel auch Wiederholungen. Im Serienbereich bleiben nicht allzu viele Alternativen - es sei denn, wir zeigen auf dem Programmplatz neue Eigenformate. Das ist allerdings noch nicht diskutiert worden, sagt die Vox-Programmchefin Ladya van Eeden. Der Pro-Sieben-Programmplaner Hörner erklärt: Sollte der Autorenstreik doch länger dauern, haben wir genug Alternativen, da in diesem Jahr viele neue interessante Serien in Amerika gestartet sind, die wir uns sichern können.
Dass die Sender nun reihenweise ihre etablierten Serientage durcheinanderwirbeln, ist allerdings unwahrscheinlich. Bei RTL funktioniert der Dienstag mit CSI: Miami, Dr. House und Psych für gewöhnlich so gut, dass niemand riskieren würde, daran zu rütteln. Und bei Vox wird man es sich wohl auch gut überlegen, ob es sich lohnt, die Zuschauer mit alternativen Programmen zu verwirren, wenn sie eigentlich Krimiserien erwarten.
Programmturbulenzen
Vermutlich sind die deutschen Zuschauer ohnehin viel leidensfähiger als das amerikanische Publikum: Sie haben sich an die ständigen Zwischendurch-Wiederholungen gewöhnt. Und vermutlich auch daran, dass etwa Pro Sieben so schlampig mit seinen amerikanischen Serien umgeht, dass man schon mal leicht den Überblick verlieren kann, wo, zu welcher Zeit und mit wie vielen Folgen nacheinander die Lieblingsserie läuft.
So haben es die Münchner schon einmal geschafft, die ABC-Mystery-Serie Lost nach dem Start im Frühjahr einfach mitten in der Staffel zu unterbrechen - wegen Sommerpause. Der Cliffhanger der vorläufig letzten Folge, mit dem die amerikanischen Zuschauer eine Woche leben mussten, sollte die Deutschen mehrere Monate lang auf die Folter spannen. Angesichts solcher Programmturbulenzen kann eigentlich auch ein streikbedingter Ausfall nicht mehr viel Schaden anrichten.
Text: F.A.Z., 27.12.2007, Nr. 300 / Seite 36
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS