Rundfunk

RBB streicht „Polylux“ und Radio Multikulti

Von Michael Hanfeld

21. Mai 2008 Der Rundfunk Berlin-Brandenburg kommt zu Fronleichnam mit einer für den Sender traurigen Nachricht: Die Hörfunkwelle „Radio Multikulti“ wird zum Ende des Jahres eingestellt. Gestrichen wird auch das Fernsehmagazin „Polylux“. Auf der Berliner Frequenz von Radio Multikulti wird im nächsten Jahr die Welle „Funkhaus Europa“ des Westdeutschen Rundfunks zu hören sein. „Die finanzielle Situation des RBB lässt es leider nicht zu, alle sieben Radioprogramme zu erhalten“, sagte die Intendantin Dagmar Reim. Ihr Sender rechnet in der kommenden Gebührenperiode von 2009 bis 2012 mit einem Fehlbetrag von rund 54 Millionen Euro.

Ein Massenprogramm ist das 1994 gestartete, mehrsprachige „Radio Multikulti“ mit 37.000 Hörern täglich nicht, wohl aber ein Aushängeschild des Senders mit einigem Ansehen, was man unter anderem daran ablesen kann, dass sich in den letzten Tagen zahlreiche Unterstützer mit dem Appell zu Wort gemeldet hatten, das Programm zu erhalten. „Wir haben alles durchgespielt“, sagt der RBB-Sprecher Ralph Kotsch. Es sei wenig sinnvoll erschienen, bei sämtlichen Wellen nach dem Rasenmäherprinzip zu kürzen und sie dadurch allesamt zu schwächen. Auf Radio Multikulti verzichte man schweren Herzens, auch in dem Bewusstsein, dass die Themen des Programms mit dem artverwandten „Funkhaus Europa“ auf der Agenda blieben. Die Expertise der Mitarbeiter, deren Programm unter anderem eine Stunde täglich in türkischer Sprache läuft und Strecken auf Polnisch, Russisch, Arabisch und Spanisch umfasst, gelte es nun an anderer Stelle im RBB, beim WDR und ARD-weit zu nutzen. Die siebenundzwanzig festangestellten Mitarbeiter der Welle sollen, wie der Hörfunkdirektor Christoph Singelnstein sagte, beim RBB bleiben, die freien Mitarbeiter wolle man in anderen Programmen beschäftigen.

Auch in der ARD ist jeder sich selbst der nächste

Der Sendung „Polylux“, mit welcher der RBB bislang dreißig Mal pro Jahr im Spätabendprogramm des Ersten vertreten ist, braucht man wenig Tränen hinterher zu weinen. Wie man sich dort bei dem Versuch anstellt, ein jüngeres Publikum für das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu gewinnen, konnte man zuletzt sehen, als das Magazin aufgrund dürftiger Recherche auf eine Plotte des „Kommandos Tito von Hardenberg“ hereinfiel. Die anonymen Medienguerilleros hatten dem Magazin einen vermeintlichen Speed-Konsumenten untergejubelt, der gar nicht war, wer er zu sein vorgab (siehe auch: „Falscher“ Interviewpartner im ARD-Magazin „Polylux“). Dabei hatte die Ankündigung des Beitrags von Moderatorin Tita von Hardenberg noch so vielversprechend geklungen.

Die Übernahme eines WDR-Radioprogramms in der Hauptstadt wirft freilich auch ein Licht auf die finanziellen Verhältnisse in der ARD. Die ARD-Sender sind mit einem jährlichen Gebührenaufkommen von zur Zeit etwas mehr als 5,2 Milliarden Euro nicht gerade schlecht gestellt, allerdings sind die Gelder unterschiedlich verteilt. Der WDR verfügte 2007 über einen Etat von mehr als 1,3 Milliarden Euro, der RBB hingegen über rund 400 Millionen Euro (Gebühren plus Nebeneinahmen). Die Zahl der Gebührenbefreiungen liegt mit 14,5 Prozent im Sendegebiet des RBB über dem bundesweiten Durchschnitt von neun Prozent; hinzu kommen Abwanderung und Forderungsausfälle.

Mit ihrer daraus abgeleiteten Forderung, den Finanzausgleich innerhalb der ARD zu verändern, ist die Intendantin des RBB, Dagmar Reim, bislang gescheitert. Ihr Plan, einen Gemeinschaftstopf einzurichten, aus dem sich die Sender bedienen dürfen, bei denen die Gebühren zurückgehen, stieß bei den großen Sendern nicht auf Gegenliebe. Beim Thema Geld zeigt sich, dass auch in der ARD jeder sich selbst der nächste ist. Warum leiste sich der RBB denn überhaupt sieben Radiowellen, lautet das Argument mancher ARD-Schwestersender. Da man sich intern nicht einigen kann, wird Dagmar Reim die Frage des Finanzausgleichs auf die politische Ebene bringen. Nachlass immerhin bekommt der RBB bei seiner Quote, nach der er am ersten Programm und an den Gemeinschaftskosten - wie etwa den Ausgaben für Sportsenderechte - beteiligt ist. Der Anteil des Senders soll 2009 von 6,85 auf 6,6 Prozent sinken. Eingefroren werden beim RBB zudem die Sachetats, die Investitionen, die zuletzt zurückgingen, werden nicht erhöht. „Das ist“, sagte der Sendersprecher Ralph Kotsch mit Blick auf die Programmeinstellung, „ein bitterer Tag für den RBB und seine Mitarbeiter“.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: CINETEXT

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