26. November 2007 Die ARD bekommt zum 1. November 2008 einen neuen Direktor für ihr erstes Fernsehprogramm: Volker Herres, der Fernsehdirektor des NDR, wird Nachfolger von Günter Struve. Die Intendanten haben die Personalie im Einvernehmen mit den Vorsitzenden der Rundfunkgremien beschlossen. Herres sei ein hervorragender Journalist und Rundfunkmanager“, sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff. Der neue Direktor werde das Erste mit der ihm eigenen Souveränität und Sachkompetenz weiterentwickeln“. Ohne seinen Vorgänger Struve freilich stünde das Erste nicht da, wo es steht, nämlich unangefochten auf Platz eins als Marktführer und als Nummer Eins in der Infokompetenz“. NDR-Intendant Jobst Plog ist zufrieden, dass sein Sender erneut zentrale Verantwortung in der ARD“ übernehme.
Der Senderverbund hat lange nach einem Chef fürs Erste gesucht. Das Erbe von Günther Struve anzutreten, der seinen Job seit 1992 macht, ist keine kleine Aufgabe. Struve ist es schließlich in seiner unverwechselbar machiavellistischen Art gelungen, das Erste zum Marktführer zu machen. Diesem Ziel – das größtmögliche Publikum zu erreichen – hat Struve alles andere untergeordnet, was man dem Programm auch ansieht. In weiten Strecken ist es dem der Privatsender zum Verwechseln ähnlich geworden, es behauptet zwar einen Grundversorgungsauftrag, setzt dabei auf Fußball, für den jeder Preis bezahlt wird, und auf Unterhaltung – mit Personal, das man bei Privatsendern abwirbt. Zuletzt geschah dies mit dem Model-Trainer Bruce Darnell (siehe auch Bruce Darnell: Auf dem Catwalk), der mit einer sogenannten Coaching“-Show im Vorabendprogramm des Ersten auftritt, zuvor war er in der Pro-Sieben-Marionettenshow von Heidi Klum aufgetreten. Die ARD hat ihn angeblich nicht zuletzt mit einer außergewöhnlich hohen Gage gelockt.
Weichspülerszenarien jeden Freitag
Volker Herres hingegen steht als Direktor des NDR für die Informationsleistung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Mit ihm und seinen Mitstreitern ist der NDR in der ARD zur ersten Adresse des Dokumentarfernsehens aufgestiegen, jüngst war das zu erkennen an der Dokumentation Das Schweigen der Quandts“ oder davor an dem Zweiteiler Die RAF“.
Darauf kann Herres nach seinem Wechsel von Hamburg in die Programmdirektion nach München aufbauen, bei der Unterhaltung hingegen hat er Pionierarbeit zu leisten, erreicht die ARD mit diesem Teil des Programms, trotz allen finanziellen Einsatzes, unter den jüngeren Zuschauern doch nur Marktanteile im einstelligen Bereich. Bei den Fernsehfilmen wiederum trennen sich im Ersten die Welten von einem Tag auf den andern: Mittwochs gibt es ein gemischtes Programm, mit herausragenden, auch problematischen und nicht in erster Linie frauenaffinen“ Stücken, Weichspülerszenarien jeden Freitag, gefertigt von der ARD-Produktionstochter Degeto, und sonntags dann die gänzlich anders verfassten Markenprodukte Tatort“ und Polizeiruf“.
Ringen und Ränke
Dass Herres im richtigen Moment schnell und hart (und richtig) entscheiden kann, hat er kürzlich bewiesen, als er Eva Herman nach ihrem familienpolitischen Ausflug ins völkische Nirwana als Moderatorin vor die Tür setzte: Ende einer Irrfahrt. Begonnen hat Herres seine eigene Laufbahn Anfang der achtziger Jahre als Redakteur beim ZDF; beim NDR ist er seit 1987, wo er 1991 als Leiter der Intendanz das klassische Karriere-Sprungbrett betrat, 1995 wurde er Fernsehchefredakteur, im Frühjahr 2004 Direktor, seit dem vergangenen September sehen wir ihn als Moderator im ARD-Presseclub“.
Dem Temperament und persönlichen Auftreten nach ist der Wechsel von Zampano Struve zu Programmdirektor Herres ein gewaltiger. Mal sehen, ob sich das im Programm – das jeder Chef des Ersten in einem ewigen Ringen mit den Landessendern auf die Beine stellen muss – niederschlägt. Von Günter Struve heißt es, dass er sich nach seiner aktiven Programmchefzeit gerne in Los Angeles als Sender-Handelsreisender und Rundfunkdiplomat mit Blick auf Hollywood niederließe. Interessant wird auch zu sehen sein, in welche Richtung sich das Personalkarussell jetzt beim NDR bewegt, nachdem Volker Herres gen München zieht. Bei der Wahl zum NDR-Intendanten hatte man ihm im Sommer durch das frei entwickelte Gerücht, er sei der Kandidat der Ministerpräsidenten von Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, übel mitgespielt. In München dürften ihn auch allerlei Ränke erwarten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP