20. November 2008 Der erste Ball landete ja ziemlich lautlos im deutschen Tor. René Adler boxte in die Luft und vorbei war es nach 24 Minuten mit dem null zu null. Beim zweiten Treffer der Engländer, in Minute 38 oder so, da konnte man es hören. Zumindest konnte man es sich einbilden, es besser gehört zu haben denn je. Gehört zu haben, wie der Ball bei dem vermeintlichen Abseitstor, das abseits nicht war, ans innere Torgestänge klatschte. Eine neue Richtmikrofon-Kamera macht es angeblich möglich, nach dem Motto: Mit dem Zweiten hört man besser.
Wäre die Meldung der neuen Tontechnik am 1. April gekommen, wir hätten sie für einen formidablen Witz gehalten: Eine Kamera mit Richtmikrofon, die während der gesamten Spielzeit den Ball verfolgt? Damit man ihn besser hören kann? Eingestellt auf den Bereich für Töne bis hundert Hertz? So dass man zwar den dumpfen Aufprall beim Schuss, nicht aber den Fluch eines gefoulten Spielers hört? Was haben wir davon? Wäre es nicht viel interessanter zu hören gewesen, was Marco Materazzi einst Zinedine Zidane an den Kopf geworfen hat? Und was nun René Adler dem Schiedsrichter zurief, der auf Tor erkannte und nicht auf ein Foulspiel des englischen Stürmers, mit dem Adler die Arme gekreuzt hatte?
War das Mikro auf die Trommler am Spielfeldrand ausgerichtet?
Nein, das hörten wir alles nicht. Das Spiel muss sauber bleiben, wir konzentrieren uns auf den Ball. Wobei wir vor unserem - zugegebenermaßen nicht über ein Dolby-Digital-Surround-System verfügenden - Fernseher schon den Eindruck hatten, dass das neue Richtmikrofon nicht auf den Ball, sondern auf die Trommler am Spielfeldrand ausgerichtet war. Dumpfe Wirbel begleiteten das ganze Spiel, auf dem Platz wirbelten - in Maßen - nur die Spieler der englischen Mannschaft.
Das neue Kamera-Mikro - falls es wirklich neu und vorhanden sein sollte, vielleicht haben wir ja auch eine akustische Fata Morgana erlebt - braucht jedenfalls niemand. Dafür braucht Béla Réthy, der ZDF-Kommentator, dem zu lauschen schon bei einem abwechslungsreichen Spiel mühsam ist, ganz dringend eine neue Brille. Denn er sah erst in der Zeitlupe und erst drei oder vier Minuten später, dass Tim Wiese - in der zweiten Halbzeit im deutschen Tor stehend - in der 78. Minute einen Schuss mit einer sagenhaften Katzensprungparade an den Pfosten gefingert hatte und der Ball nicht einfach so ans Aluminium flog.
Das war selbst uns aufgefallen, obwohl wir uns doch ganz auf den Sound of Football konzentriert hatten. Und auch, dass der entscheidende Treffer von Terry zum 2:1 für England in der 84. Minute ein Abseitstor war, hätte man erkennen können, ohne die ewige Zeiten später eingespielte Superzeitlupe abzuwarten. Angesichts solcher Nachhilfestunden für den Kommentator relativiert sich wenigstens die allfällige Schiedsrichterschelte.
Mit dem Ohr am Ball
Zu einem gelungenen Spiel im freien Klangraum jedenfalls trug der ZDF-Kommentator genau sowenig bei wie die deutsche Mannschaft. Ein unansehnlicher Grottenkick, bei dem besonders auffiel, dass die deutschen Mittelfeldspieler den Ball nicht annehmen, nicht behalten und nicht passen können. Flog die Kugel Richtung Rolfes, war sie so gut wie verloren. Und auch bei den meisten anderen Spielern der deutschen Mannschaft war sie nicht gut aufgehoben. Erstaunlich nur, dass Béla Réthy bei den Engländern fortwährend von der zweiten Mannschaft sprach, die da spiele, und nicht einmal die deutsche Mannschaft auf Angehörige der ersten Elf durchzählte. Vielleicht wäre ihm da ja etwas aufgefallen.
Dafür sagte er so schöne Sätze wie den, dass eine Szene, wie sie Adler beim ersten Treffer widerfuhr, auch zu einer Karriere gehöre und Adler ja doch sonst ein ganz passabler Torwart sei. Das klingt bei Réthy allerdings wie eine Empfehlung für die Kreisklasse. In der spielt übrigens auch der Stadionreporter des ZDF, Boris Büchler. Von dem Spieler Marvin Compper wollte Büchler doch nach dem Spiel tatsächlich wissen, wie er in der Erlebniswelt Nationalmannschaft angekommen sei. Von was für Erlebnissen sollte der Verteidiger da schon berichten nach diesem Nationalmannschaftsstandspiel? Die Pfiffe des Publikums im Berliner Olympiastadion waren nicht zu überhören. Dafür brauchte es kein neues Richtmikrofon.
Mit dem Ohr am Ball oder mit dem Ball auf Ohrenhöhe bleiben, das braucht wirklich niemand; schon gar nicht bei einem solchen Spiel.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa