Von Peer Schader
13. Februar 2008 Wie bitte? Das soll's gewesen sein? Dafür hat die ARD also diese Woche die Städte mit Postern vollgehängt und Programmzeitschriften, Magazine und Illustrierte mit Anzeigen zugepflastert, als gelte es, die gesamte Nation für ein Jahrhundertereignis vor dem Fernseher zu versammeln? Haben wir vielleicht was verpasst? Oder war das wirklich schon alles, was Bruce Darnell da zum Auftakt seiner Stylingshow im Ersten zu bieten hatte? Dann ist die Krönung des neuen Prinzen der ARD gründlich daneben gegangen.
Nein, eine Revolution am Vorabend hat niemand erwartet, als die ARD freudestrahlend bekannt gab, Darnell würde künftig statt bei Pro Sieben im Ersten flennen, um den Sendeplatz um kurz vor sieben aus dem schlimmen Tief zu retten, in das sich die ARD mit ihren Qualitätsproduktionen hineingeritten hat. Das konnte so nicht weitergehen. Aber wie es jetzt weitergeht, das ist schon ein Schock: mit einem auf zwanzig Minuten ausgewalzten Magazinbeitrag, den die Privatsender schon seit Jahren im Frühstücksfernsehen oder in Mittagsmagazinen zeigen? Herzlichen Glückwunsch, Herr Programmdirektor Struve, das ist ein neuer Tiefpunkt.
Du brauchst Spaß im Leben!
Dabei liegt es nicht einmal an Bruce Darnell. Der hat zum Auftakt seiner neuen Styling-Show alles aus sich herausgeholt, was herauszuholen ist: ein bisschen heulen, ein bisschen gut zureden, ein bisschen umarmen und ein Potpourri seiner schönsten Sprüche, von sexy und direkt auf de Punkt bis Ich will ein Skandal. Aber ob das für zwanzig Folgen reicht - oder sogar länger?
Im Grunde genommen ist seine neue ARD-Sendung eine Typberatung im Schnelldurchlauf. Ein paar Stunden sind Zeit, um einem jungen Menschen Selbstvertrauen zu verpassen, oder zumindest ein paar vernünftige Klamotten und einen neuen Haarschnitt. Die 22-jährige Wirtschaftsstudentin Christina, schlank und gutaussehend, hat Bruce zum Auftakt zur Seite nehmen müssen und ihr beibringen, dass sie schlank ist und gutaussehend, und dass Brustvergrößerungen das Leben auch nicht unbedingt besser machen.
Er hat sie in sein tolles Loft gebeten, mit ihr getanzt (wegen des Körpergefühls) und Kissenschlacht gemacht (wegen Du brauchst Spaß im Leben!), nachher hat sie Schminktipps bekommen und ist mit einer der beiden blonden Bruce-Assistentinnen (Hanni und Nanni, nein: Kati und Anne) einen BH mit Einlage kaufen gegangen, und die Assistentin hat gesagt, dass man auch beim Ausstopfen aufpassen muss, denn: Es gibt Männer, die steh‘n nicht drauf, wenn sie ‘ne Frau auspacken und dann nur Schaumstoff in der Hand haben.
Wie beim Wohnungsrenovieren
Zum Schluss war Christina glücklich, und das nicht nur weil Bruce ihre Mama als Überraschungsgast zu sich gebeten hatte, sondern auch, weil sie so toll aussah im Spiegel, nachdem sie den grauen Rollkragenpullover ausgezogen bekommen hat, den Pferdeschwanz gelöst und in schicken Glitzerfummel gesteckt wurde, mit einem Ponyhaarschnitt, der die Studentin ausgerechnet ein bisschen wie Darnells Ex-Chefin Heidi Klum aussehen ließ.
Aus dem schüchternen Mädchen ist eine selbstbewusste junge Frau geworden, bilanzierte der Sprecher aus dem Off mit zufriedener Stimme, und das klang dann endgültig wie in einer dieser Renovierungs-Dokusoaps, wo das Fernsehen anrückt, um komplette Wohnungen neu zu streichen: Aus dem düsteren Wohnzimmer mit den alten Holzmöbeln ist ein modern eingerichteter Wohlfühlraum zum Träumen geworden. Da kommen einem glatt die Tränen.
Man kann das natürlich in Ordnung finden, wenn Darnell und seine Hanni-Nannis ihren Kandidaten so einen Motivationsschub verpassen, der ihr Leben von Grund auf verändert. Man könnte aber genauso gut darüber meckern, dass es fatal ist zu suggerieren, jungen Menschen, die ganz offensichtlich ein schweres Problem mit ihrem Selbstbild haben, mit ein bisschen Kindergartenpsychologie zu helfen.
Für einen Schluss hat's nicht gereicht
Worüber sich hingegen nicht streiten lässt, sind die katastrophal hektischen Schnitte, mit denen die ARD Bruce zusammengekittet hat. Mag sein, dass das die Show modern wirken lassen soll, aber das Bildgeflimmer und die hektischen Wackelschwenks bewirken genau das Gegenteil, so als hätte ein Achtzigjähriger zu viel MTV gesehen und nachher versucht, einen Videoclip zusammen zu bauen. In Interviews bemängelte Darnell zuletzt immer wieder, bei Germany's Next Topmodel hätte Pro Sieben die vielen ernsthaften Gespräche herausgeschnitten, in denen er die Kandidatinnen so intensiv beraten hätte.
Darnell kann noch keine Zeit gehabt haben, um sich anzusehen, was in seiner ARD-Flennparade von diesen Gesprächen übrig bleibt: noch weniger nämlich. Nicht einmal für einen Schluss hat es gereicht. Nachdem der Motivator seine Studentin im neuen Dress in die Disko geschleppt hatte, blendete die ARD einfach zum Abspann über, ohne finales Wort vom Meister, ohne echtes Fazit der Protagonistin, ohne Lust und Laune.
Kann schon sein, dass Darnell nach der Dauerpräsenz der vergangenen Monate nun erst einmal gute Quoten holt. Aber wenn das Erste mit seiner Dr.-Sommer-Ersatzberatung tatsächlich dauerhaft Erfolg haben sollte, ist dem Vorabend im Ersten, der sich so lange durch Qualität auszeichnete, tatsächlich nicht mehr zu helfen.
An der Zielgruppe vorbei
Die jüngeren Fernsehzuschauer haben Bruce Darnell nicht von Pro Sieben zur ARD begleitet. Den Start von Bruce verfolgten nach Senderangaben 2,05 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 8,1 Prozent). In der jüngeren Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer, auf die die ARD im Werberahmenprogramm bis 20 Uhr auch angewiesen ist, betrug der Marktanteil lediglich 6,3 Prozent.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa