17. Oktober 2007 Polen hat es schwer in den deutschen Medien. Hier wird Präsident Lech Kaczynski mit einer Kartoffel verglichen, worauf er stehenden Fußes erkrankt und einen Besuch in Berlin absagt, obwohl die taz, die Urheberin des Vergleichs, sich bei der Kartoffel entschuldigt; dort wird sein Zwillingsbruder, Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski, dem Gelächter preisgegeben, weil er als hartnäckiger Jungeselle mit seiner Katze zusammenlebt, sein Konto von seiner Mutter führen lässt und trotzdem eine Gänsehaut bekommt, wenn Homosexuelle in seinem katholischen Vaterland Demonstrationen veranstalten.
Mariusz Muszynski, der Beauftragte der polnischen Regierung für die Beziehungen zu Deutschland, hat jetzt im Auftrag des Außenministeriums zusammen mit einigen Freunden in einer dicken Broschüre verkündet, warum deutsche Journalisten kein gutes Haar an Polen lassen: weil sie samt und sonders von dem Ideal abweichen, dem sie in der Demokratie folgen sollen, nämlich selbstlose, unvoreingenommene, überparteiliche Mittler zu sein. Statt dessen sähen sie ihr oberstes Ziel darin, immer und überall die Diplomatie der Großmacht BRD tatkräftig zu unterstützen, welche seit Bismarck nur im Sinn habe, den ganzen Kontinent mit einem Netz bi- und multinationaler Verträge zu überziehen, dessen Fäden schließlich alle nach Berlin liefen.
Eine Theorie der Selbstgleichschaltung
Warum unterstützen die deutschen Journalisten so rückhaltlos dieses Netzwerkkomplott und verhöhnen im Chor das kleine Polen, das gegen die Großmacht-Gewebe der Deutschen so wacker seinen eigenen Faden spinnt? Muszynski weiß es: weil für die deutschen Eliten, also auch die Journalisten, der Konsens in der Außenpolitik einen Bestandteil ihrer Sittlichkeit darstellt. Auch über den Inhalt dieses Konsenses weiß der Autor Bescheid: Derjenige Faktor, dem die deutschen Eliten Einigkeit in Fragen außenpolitischer Strategien zu verdanken haben, ist die Staatsräson.
Ausgehend vom Begriff der Staatsräson, entwickelt Muszynski eine Theorie der Selbstgleichschaltung der deutschen Medien, welche vor allem dadurch möglich sei, dass den Lesern im Lande letztlich egal sei, was in den außenpolitischen Spalten der Zeitungen stehe. Der Haken bei der Sache liege darin, dass die deutsche Gesellschaft in ihrer Masse eher auf Konsum eingestellt ist und kein Interesse an der Außenpolitik als solcher zeigt, stellt er sachkundig fest. So könne das Heer der Korrespondenten es sich leisten, ungestraft als Regierungsherolde zu schreiben, statt als Dienstleister eines wissensdurstigen Publikums.
... und unpatriotische Polen sind gekauft
Es hieße aber Muszynski und seine Freunde völlig misszuverstehen, wenn man ihm unterstellte, er übe mit dieser Analyse Kritik an dem Nachbarn im Westen. Im Gegenteil: Im patriotisch gestimmten Polen der Brüder Kaczynski kann die vaterländische Sittlichkeit der deutschen Journalisten nur Neid hervorrufen - und Zorn auf die eigenen Journalisten, die es an Disziplin leider fehlen lassen. So muß man leider feststellen, dass die Mehrheit der polnischen Medien eine kritische Haltung gegenüber der polnischen Regierung kennzeichnet. heißt es in dem Bericht. Statt die polnische Sicht zu verteidigen, konzentrierten sie sich auf parallele Attacken, die sich gegen die polnischen Regierenden richteten. Kein Wunder übrigens, da doch durch Jahrhunderte der (deutschen) Besatzung im Kollektivbewusstsein der Polen Begriffe wie Staatsräson und Nationalinteresse völlig verblasst seien.
Auch das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit nach Muszynski. Wenn die polnischen Journalisten so schmählich unpatriotisch und von bösem Willen geleitet über ihr eigenes Land schrieben, so liegt das, wie er willig verrät, nicht zuletzt daran, dass polnische Medien zum großen Teil in den Händen von Fremdkapital liegen. Dass damit vor allem deutsches Kapital gemeint ist - Polens größte Zeitung, das Boulevardblatt Fakt, gehört Springer -, versteht sich von selbst.
Text: F.A.Z., 17.10.2007, Nr. 241 / Seite 42
Bildmaterial: dpa
Morbide Schaulust: der Tatort ... es wird Trauer sein und Schmerz übt ![]()
Google Book Settlement: ohne Deutschland, aber auch beim zweiten Anlauf umstritten
Auktion: Madoffs Habseligkeiten unter dem Hammer
Interview: Hat Ihnen Tennis einen Schlag versetzt, Mister Agassi?
Alle waren Sigmar: auf ihrem Parteitag spricht sich die SPD verzweifelt den Mut zur Erneuerung zu