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Du bist Google

Von Kilian Trotier

Schlechter Datenschutz: Unter den unsicheren Netzwerken bietet Facebook noch den besten Schutz

Schlechter Datenschutz: Unter den unsicheren Netzwerken bietet Facebook noch den besten Schutz

22. September 2007 Die Tentakel der Internetkrake „Google“ finden demnächst neue Beute. Sie finden zwar nicht jeden, aber viele Millionen Nutzer im Netz - und zwar nicht nur dem Namen nach, sondern höchstpersönlich. Und zwar über das amerikanische Vorbild der hiesigen Studentenplattform „studiVZ“ - die Website „Facebook“.

Neununddreißig Millionen Nutzer sind auf dieser Plattform miteinander verbunden, um zu kommunizieren, Fotos und Videos auszutauschen. Und jetzt kommt es: „Facebook“ gibt seine neununddreißig Millionen Nutzer mit ganzem Profil für Google und andere Suchmaschinen frei. Bislang war die Facebook-Gemeinschaft vor äußeren Zugriffen geschützt. Das ändert sich radikal: Wer nun einen Namen googelt, dem wird an prominenter Stelle das Facebook-Foto der jeweiligen Person geliefert. Zurzeit seien diese Kurzsteckbriefe nur über den Suchmodus auf der eigenen Seite zu finden, in wenigen Wochen könnten sie aber über Google, „Yahoo“ oder „MSN Live“ ermittelt werden, verkündet der Facebook-Entwickler Philip Fung stolz. Big Google is watching you.

Die Schleusen sind offen

Wer bei „Facebook“ Mitglied ist, bekommt dieser Tage eine kurze Mitteilung, die verrät, dass nun die Schleusen für die Suchmaschinen offen sind. Persönlichkeitsrechte beeinträchtige das nicht, heißt es da, schließlich können sich jeder dem Zugriff der Suchmaschinen durch eine Änderung seiner Einstellungen entziehen. Hinter dieser Vorgehensweise steckt eine äußerst erfolgreiche Methode: Plattformen wie Facebook, studiVZ oder das von mehr als einer Million Jugendlichen bevölkerte „schülerVZ“ sind darauf angelegt, möglichst viele Menschen möglichst schnell und unkompliziert miteinander in Kontakt treten zu lassen. Datenschutz erscheint da als Relikt aus vergangenen Zeiten, weshalb die Grundeinstellungen, die man als Nutzer vorfindet, zunächst immer auf vollständige Offenheit getrimmt sind. Wer seinen Bekanntheitsgrad einschränken will, muss die Einstellungen aktiv ändern.

Darum kümmern sich aber die wenigsten, und so gelten Facebook und studiVZ als perfekte, weil extrem offene Kontaktbörse für die vernetzte Jugend. Meist werden über die Plattformen schon bestehende Freundschaften gepflegt. Neben einer Art E-Mail-Ersatz - private Nachrichten werden ohne die Einsicht der anderen Nutzer versendet - können Einträge auf einer Pinnwand hinterlassen werden, die alle Mitglieder sehen können. Da geht es häufig um Bilder; Facebook und studiVZ sind gigantische Fotobörsen.

Auch Unbeteiligte lesen mit

Gewaltig gewandelt hat sich durch die flächendeckende Verbreitung von Facebook, studiVZ und schülerVZ das Kommunikationsverhalten der jungen Generation. Die Einzel-Email als elektronischer Nachfolger des historischen Postbriefs ist schon fast von gestern. Bei Facebook kommuniziert man gleichzeitig mit einzelnen und mit vielen und kann den Nachrichtenverlauf sehen. Die Startseite von Facebook zeichnet die Aktivitäten der Mitglieder für alle Freunde der jeweiligen Person minutiös nach. Sekundengenau erfahren wir, wann wer wem was geschrieben hat. Auch Unbeteiligte lesen mit. Dadurch wird der Druck aufgebaut, kommunizieren zu müssen, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Viele Mitglieder scheuen nicht davor zurück, ganz private Mitteilungen durchs Netz zu posaunen. Die Angabe des Beziehungsstatus gilt als beliebtes Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen. In Amerika ist die Entwicklung derart fortgeschritten, dass in Sudentenkreisen nur eine auf Facebook bestätigte Beziehung auch als ernstzunehmende gilt. Die digitale Öffentlichkeit ist zum Gradmesser des Privatlebens geworden. Geht eine Beziehung zu Bruch, werden alle Freunde darüber mit einem zerbrochenen Herzen informiert. Und anstatt nach Telefonnummern zu fragen, schaut man schnell bei Facebook oder studiVZ nach, ob das nette Mädchen von der letzten Party dort nicht einen Account besitzt. Einmal als Freundin hinzugefügt, erhält man sogleich Gratisinformationen über ihren Beziehungsstatus, ihre Hobbys und ihre politische Einstellung.

Zehntausend Neuanmeldungen täglich

Die Anziehungskraft von Facebook und studiVZ hält unvermindert an. Fast zehntausend Neuanmeldungen registriert das studiVZ täglich, beim amerikanischen Vorbild sind es mit 150.000 fünfzehnmal so viele - ein gewaltiges Potential, das nach vermarktung schreit. Als Faustpfand der Anbieter gilt, dass die Nutzer extrem aktiv sind. Die Hälfte der studiVZ-Mitglieder loggt sich wenigstens einmal am Tag ein. Die Online-Branche weiß um diesen Wert, und die Unternehmen investieren munter. Auch in dieser Hinsicht ist Facebook Schrittmacher. Im Mai gelang dem erst dreiundzwanzig Jahre alten Gründer Mark Zuckerberg ein richtungweisender Coup. Er verkündete auf einem Kongress in San Francisco, von nun an dürften andere Firmen ihre Programme in das Facebook-Portal einbauen. Seither kann man sich vor neuen Anwendungen nicht retten. Geschenke wie ein etwas grimmig dreinblickender Biber können digital verschickt, Glückskekse verteilt und Städte, die man besichtigt hat, auf einer Weltkarte eingetragen werden. Hinzukommt auf die Vorlieben des Nutzers abgestimmte Werbung.

Das studiVZ kann zwar quantitativ nicht mithalten, eröffnet seinen Mitgliedern aber ebenso neue Angebote. Dank einer Kooperation mit „Yahoo“ kann man über studiVZ das gesamte Netz nach Begriffen absuchen. Bald soll ein Dienst freigeschaltet werden, über den die Benutzer sich in Echtzeit im studiVZ schreiben.

Ein digitales Betriebssystem

Die Entwicklung weist in eine Richtung: Facebook und studiVZ wandeln sich von sozialen Plattformen in ein digitales Betriebssystem. Eines Tages könnten die Videos und Bilder, die in Massen auf Facebook und studiVZ archiviert sind, durch E-Mail- und Textverarbeitungsprogramme ergänzt werden. So wäre es möglich, Daten, die zurzeit noch auf einem einzelnen Computer gespeichert sind, digital zu hinterlegen, damit sie an jeder Stelle der Welt abgerufen werden können.

Als kleine digitale Plattform für Studenten der Harvard-Universität gestartet, hat sich Facebook in drei Jahren zu einem vielversprechenden Unternehmen gemausert. Sein Kapital ist die junge Generation. „Second Life“ war gestern, jetzt heißt es: Du bist Google.

Text: F.A.Z., 22.09.2007, Nr. 221 / Seite 41
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS

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