Von Nina Rehfeld, Phoenix
17. September 2007 Zunächst die entscheidende Nachricht: Britney Spears ist bei der gestrigen Emmy-Verleihung nicht im Shrine Auditorium erschienen, um sich für ihren tölpelhaften Auftritt bei den kürzlichen MTV-Awards zu entschuldigen, wie das Klatsch-Magazin US Weekly zuvor verbreitet hatte.
Und nun zu Ernsterem: Bei der Berichterstattung über die diesjährige Emmy-Verleihung gilt es ausnahmsweise mit einer Kategorie zu beginnen, die sonst niemanden interessiert: beste Regie einer Serienepisode. David Chase heißt der Mann, der hier gewann, er ist der Schöpfer der Sopranos und des unverschämt abrupten Serien-Finales vor wenigen Wochen, das sich als womöglich größter Paukenschlag des Fernsehjahres entpuppte: Chase hatte, im Angesicht wilder Spekulationen über Tony Sopranos Verhaftung, Ermordung oder Überlaufen, die Familie Soprano beim Abendessen mit einer ebenso schlichten wie feierlichen, vor allem aber ungeheuer irritierenden Schwarzblende verabschiedet (siehe auch: Bei uns gescheitert und doch sehenswert: Die Sopranos).
Abgesang auf das Erwachsenenfernsehen
Und dieser denkwürdige Schluss, für den Chase nun einen Emmy erhielt, markiert mit Blick auf die diesjährigen Fernseh-Oscars offenbar zugleich einen Abgesang auf das sogenannte Erwachsenenfernsehen in den Vereinigten Staaten. Denn geehrt wurden auf der kreisrunden Bühne (die in offenbar unvorhersehbarer Unhöflichkeit der Hälfte der Gäste bloß die Rückenansichten der Gewinner und Präsentatoren bot), vor allem junge, bunte Neuankömmlinge, darunter NBCs30 Rock als beste Comedyserie, America Ferrera als beste Comedy-Darstellerin für ihren Auftritt als hässliches Entlein der Glamourpresse in ABCs Ugly Betty (siehe auch: Erfolgs-Telenovela: Ugly Betty), Katherine Heigl als beste Nebenarstellerin in NBCs rasend beliebter Krankenhausserie Grey´s Anatomy und Jeremy Piven als bester Nebendarsteller in HBO´s Entourage über den Aufstieg eines jungen Hollywoodstars. Die viel gehypte NBC-Serie Heroes um eine Handvoll Kids mit seltsamen Kräften ging überraschend leer aus, aber unerwartete Auslassungen (und überraschende Ehrungen, wie das Obsiegen von James Spader aus ABCs zunehmend selbstgefälliger Anwaltsserie Boston Legal über Hugh Laurie als misanthroper Doktor in Fox´House) gehören zu Emmy-Verleihungen wie Regen zu einer Radtour.
Zwar konnte Sally Field mit ihrer Auszeichnung für ABCs Familiendrama Brothers and Sisters, das mit Afghanistan-Veteranen und konservativen TV-Talkern im Figuren-Panoptikum aktuelle politische Befindlichkeiten der amerikanischen Gesellschaft auslotet, eine Ehrung als beste Schauspielerin verbuchen. Doch mit den ebenso tiefgreifenden wie unbemühten Meisterwerken der vergangenen Fernsehjahre - Six Feet Under, die frühen Staffeln von Nip/Tuck und Rescue Me - kann sich die etwas angestrengte ABC-Produktion kaum messen.
Lust auf Leichtes
Unterdessen schafften es die letzten großen noch laufenden HBO-Serien wie der revisionistische Western Deadwood, das sinnlich-sinistre Historiendrama Rome und die schonungslose Metropolen-Milieustudie The Wire in diesem Jahr nicht einmal in den Kreis der Nominierten. Die Sopranos wurden zwar noch mit einem Abschiedspreis als beste Dramaserie (und mit mehreren stehenden Ovationen) bedacht. Man mag das Verschwinden des Erwachsenenfernsehens aber als Hinweis darauf wahrnehmen, dass man hierzulande nach der komplexen Kost der vergangenen Jahre wieder Lust auf Leichtes hat.
Gern gesehen ist derzeit zumindest bei den Mitgliedern der Academy of Television Arts and Sciences - stimmberechtigt sind bei der Emmy-Verleihung dort registrierte Fernseh-Kreative über 13 Jahre - Selbstbezügliches. Tina Feys experimentierfreudige und politisch respektlose Serie 30 Rock dreht sich um die Produktion einer Comedyserie in den Kreativ-Etagen von NBC, der in New York unter der Addresse 30 Rockefeller Center residiert. Entourage, das lose auf der Karriere von Markie Mark Wahlberg basiert und von diesem auch produziert wird, verfolgt den Aufstieg eines jungen Schauspielers in der Blase Hollywood. Der als bester Comedydarsteller augezeichnete Ricky Gervais spielt in der BBC-Serie Extras ein schwarzes Schaf in derselben Welt. Und Ugly Betty dreht sich um eine stilistisch orientierungslose Durchschnitts-Betty in der durchgestylten Redaktion einer New Yorker Modezeitschrift.
Dagegen erwiesen sich bei den Fernsehfilmen und Mehrteilern zwei Western als Sieger und damit als Leuchttürme für ein oft totgesagtes Genre: AMCs Broken Trail holte Emmys für den besten Mehrteiler und Robert Duvall als besten Hauptdarsteller, HBOs Bury My Heart at Wounded Knee wurde als bester Fernsehfilm ausgezeichnet.
Sekundenkurze Wegblende
Dass die Ära hysterischen Reinheitswahns im amerikanischen Fernsehen trotz einer kürzlichen Gerichtsentscheidung gegen die Eingriffswut der amerikanischen Medienbehörde FCC noch nicht vorüber ist, zeigten mehrere kurze Programmunterbrechungen durch den austrahlenden Sender Fox, der ansonsten eine eher espritarme Show unter der Moderation von TV-Saubermann Ryan Seacrest inszenierte. Ray Romanos Stichelei gegen seine ehemalige Fernseh-Gattin Patricia Heaton (die in der kommenden TV-Saison neben Kelsey Grammer spielt), sie gehe nun wohl mit einem anderen ins Bett, straften die Fox-Zensoren ebenso mit einer sekundenkurzen Wegblende in ein leeres Studio wie die Worte von Sally Field: Wenn den Müttern die Leitung der Welt überlassen wäre, gäbe es keine gottverdammten Kriege.
Dabei schien die wahre Gefahr von anderer Stelle zu drohen: Obwohl gleich mehrere Schauspielerinnen, darunter Sally Field, Glenn Close und Kyra Sedgwick, zu Elogen auf die vielzähligen interessanten Frauenfiguren im aktuellen amerikanischen Fernsehen anhoben, bestach die weibliche Garderobe der Veranstaltung mit derart großzügigen Dekolletées, dass man einen neuen Nippel-Skandal bereits heraufziehen sah. Womöglich hat Fox ihn den Zuschauern bloß vorenthalten.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS