Von Peer Schader
09. Juli 2009 Wahrscheinlich muss man sich die Programmentwicklung bei RTL wie eine Produktionsstraße in der Automobilherstellung denken: In der Mitte montieren riesige Roboter mit Greifarmen vollautomatisiert neue Sendungen zusammen, die denen aus der Saison davor ziemlich ähnlich sehen, am Ende überprüft ein Redakteur noch mal, ob auch alle Schrauben fest angezogen sind, dann stellt sich die Chefin vor die Journalisten und redet von bedarfsorientierter Programmentwicklung oder der Konzentration auf Sendeplätze mit Optimierungspotential.
Wenn RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt über die Inhalte spricht, mit denen ihr Sender Geld verdient, klingt das immer sehr technisch. Verkaufen will sie Abenteuer, Emotion und Spaß - aber durchgeplant ist alles mit dem Taschenrechner, bis auf die fünfte Stelle nach dem Komma. Dass ihr eine der Sendungen, die sie Werbekunden und Zuschauern vorstellt, selbst Spaß machen könnte, lässt sie sich nicht anmerken. Bei der Präsentation des Programms für die nächste Saison beschränkte sich die RTL-Chefin deshalb aufs Wesentliche: Alles bleibt, wie es ist, denn es läuft ja eigentlich ganz gut, schauen Sie mal, wir haben ein paar Trailer vorbereitet, draußen gibt es Häppchen, schönen Dank, dass Sie da waren.
RTL lässt die Eifel mit Lava überfluten
Während der Konkurrent Sat.1 unter seinem neuen Geschäftsführer Guido Bolten alles unternimmt, um sich mit neuem Programm wieder ins Gespräch zu bringen, steuert RTL in die entgegengesetzte Richtung: immer schön auf Kurs bleiben, um nicht die Marktführerschaft zu gefährden. Also gibt es ab Herbst noch mehr Real Life-Sendungen, die nicht so teuer zu produzieren sind wie fiktionale Programme. Zum Schuldenberater und der Super-Nanny gesellt sich ein Jobvermittler (Endlich wieder Arbeit) und ein Streitschlichter (Nachbarschaftsstreit - Kolb greift ein). Und am Nachmittag testet RTL sogenannte Scripted Reality: Sendungen, die wie Dokusoaps aussehen, aber mit Schauspielern besetzt sind (Familien im Brennpunkt und Verdachtsfälle). Damit hofft Anke Schäferkordt endlich gegen die Gerichtsshows und Pseudo-Krimis auf Sat.1 bestehen zu können.
In der Primetime wechseln sich weiter amerikanische Serien und Dokusoaps ab, der Sonntag ist trotz deutlicher Quotenschwäche in den vergangenen Wochen für Blockbuster und eigenproduzierte Fernsehfilme reserviert, die man in Köln doch noch nicht ganz aufgegeben hat, obwohl gerade erst zwanzig Mitarbeiter in der Fiction-Abteilung entlassen wurden. Fiction-Chefin Barbara Thielen versichert allerdings, dass es trotzdem neue Entwicklungen geben werde - alles andere wäre jetzt, da zumindest die deutsche Serie mit Doctor's Diary und Lasko wieder leichten Aufwind verspürt, auch fatal. In der neuesten Serienhoffnung Countdown wird der Tathergang von Kriminalfällen in Rückblicken erzählt. Und für seinen Event-Zweiteiler Der Vulkan mit Matthias Koeberlin, Heiner Lauterbach und Katja Riemann lässt RTL die Eifel mit Lava überfluten. In Sachen Comedy wird Mirja Boes mit ihrer neuen Sketchshow Ich bin Boes vorgeschickt, der Rest wird mit Live-Bühnenprogrammen von Kaya Yanar, Rüdiger Hoffmann und Cindy aus Marzahn gefüllt.
Es bestünde sicher noch Optimierungspotential
Wir werden uns in allen Genres auf länger laufende Reihen konzentrieren, erklärte Schäferkordt in Hamburg, weshalb es in den kommenden Monaten weniger einzelne Shows geben soll - natürlich um Geld zu sparen. Zu den Ausnahmen gehört Das große Ost-West-Duell - Ist die Mauer wirklich weg?, das Günther Jauch im Oktober moderiert. Oliver Geißen wird zwar seine nachmittägliche Talkshow los, darf sich aber am Abend in 18 - Forever Young mit Prominenten an die Zeit erinnern, in denen sie volljährig wurden. Und Sternekoch Christian Rach steuert nicht nur neue Folgen seiner Restauranttester-Reihe bei, sondern will in Rachs Restaurant Arbeitslose zu Gastro-Fachkräften ausbilden, um mit ihnen gemeinsam ein neues Lokal zu eröffnen - was sich immerhin ganz spannend anhört. Die schon seit einiger Zeit bekannte Absage der neuen Staffel Ich bin ein Star - Holt mich hier raus erwähnte Schäferkordt mit keinem Wort.
Dass RTL im kommenden Jahr mitten in der Krise nicht das komplette Programm auf den Kopf stellt, mag aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar sein. Aber hinsichtlich spannender neuer Ideen, die das Fernsehen zum Erlebnis machen, bestünde sicher noch - um es in Schäferkordts Worten zu sagen -: Optimierungspotential.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ZB