FAZ.NET-Fernsehkritik

Ein Glaubwürdigkeitsproblem? Ich?

Von Matthias Hannemann

Blumig, mehr nicht: Andrea Ypsilanti, unbeirrt

Blumig, mehr nicht: Andrea Ypsilanti, unbeirrt

10. November 2008 Sie nicht. Sie sitzt nicht im Studio. Sie ist unantastbar, steht nur per Aufzeichnung zur Verfügung, träumt sich, je länger das Gespräch dauert, gar in die erste Dauerwerbesendung zur neuen Hessen-Wahl hinein. Dabei hat Andrea Ypsilanti, die sich vor einer Woche um diese Zeit noch auf dem Weg zur Macht in Wiesbaden wähnte, an diesem Sonntagabend bei „Anne Will“ auch nicht mehr zu sagen als in den vergangenen Tagen auch. Auch hier stilisiert sie sich zum Opfer, versucht sie ungeachtet aller Einwände die Flucht nach vorn.

Ob sie nicht ein Glaubwürdigkeitsproblem habe, wenn sie nun zwar nicht mehr Spitzenkandidatin, aber weiterhin Partei- und Fraktionsvorsitzende sei, fragt Anne Will schließlich. Ein Glaubwürdigkeitsproblem? Ach was, flötet Andrea Ypsilanti, das haben in Hessen doch alle. Und bittet um eine „zweite Chance“, in welcher Eigenschaft auch immer. Vielen Dank für das Gespräch.

Vielen Dank für das Gespräch

Vielen Dank für das Gespräch

Schon scharren bei dieser Sendung zum Thema „Ypsilanti gescheitert - SPD in Gewissensnot“ Ypsilantis Statthalter im Studio mit den Füßen, hier Bodo Ramelow von der Linken, dort Sozialdemokrat Ralf Stegner. Zwar hält sich, verglichen mit den vielen Verbal-Entgleisungen der „ersten Empörung“ (Stegner), beider Abrechnung mit jenen vier Abgeordneten in Maßen, die sich der „innerparteilichen Solidarität“ in Sachen Linksruck widersetzten und im Studio nicht anwesend sind. Beide aber bemühen sich, Ypsilantis Parolen wieder auf- und Hessens CDU anzugreifen. Sie versuchen sich gar, besonders Ramelow, in Anspielungen auf den Jahrestag der Reichspogromnacht, den 9. November 1938, nur um irgendwie die Spendenaffäre und den Fall Hohmann ins Gedächtnis rufen zu können.

Lautstärke per Gästeliste gedämpft

Damit laufen sie ins Leere, schon weil auch der Gastgeberin zuweilen die Luft wegbleibt und niemand in Berlin-Adlershof die Lust verspürt, auf diesem Niveau zu diskutieren.

Anne Will hat die Lautstärke ohnehin gedämpft, per Gästeliste. Die ist zwar denkbar unspektakulär. Doch neben Ramelow sitzt immerhin der Medien- und Talkshow-erprobte Bruder Paulus, Leiter des Kapuzinerklosters Dieburg; er fordert, kaum überraschend, mehr Respekt für Meinungen, die nicht mehrheitsfähig sind, mehr Gespür für Werte in der Politik. Auch sitzt dort die Bürgerrechtlern Vera Lengsfeld, die sich eine Weile als Verteidigerin der Union und Jägerin des verlorenen PDS-Parteischatzes versucht und gerne gewusst hätte, ob die SPD-Spitze nicht schon lange das klärende Unheil kommen sah.

Vor allem aber harrt dort neben Stegner, ganz elder-statesman, der Sozialdemokrat Klaus von Dohnanyi aus, einst Bürgermeister vom Hamburg. Der saß schon hier, als Anne Will im Februar, kurz nach der Hessen-Wahl, zum Thema „Wird die Linke salonfähig?“ diskutierte. Und der lässt nun erst recht nicht aus der Ruhe bringen, ist „dankbar“ für die Entscheidung der vier, die widerstanden, macht Andrea Ypsilanti als Hauptschuldige des ganzen „Schlamassels“ aus, fordert nach dem „unglaublichen Wagnis“ ihren Rücktritt auch als Parteivorsitzende in Hessen, die klare Abgrenzung der SPD-Spitze auch von Bündnissen mit der Linken auf Landesebene - und auch sonst eine Abkehr von jeglichem Parteikader-Denken. Obama, meint Dohnanyi, mache es vor.

Yes, we can? Um es ausnahmsweise einmal mit Bodo Ramelow zu formulieren: Die Antwort wird davon abhängen, ob sich die Sozialdemokraten bei Wahlen weiterhin als „Zufallsgenerator“ erweisen, bei dem man „vorne drückt und nicht weiß, was hinten rauskommt“ oder nicht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Reuters

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