Fernsehvorschau

Erzählen, wie es wirklich war

Von Michael Hanfeld

Fremd im eigenen Land: Ben Winter (Ken Duken) kann die Kriegserfahrung nicht verwinden

Fremd im eigenen Land: Ben Winter (Ken Duken) kann die Kriegserfahrung nicht verwinden

02. Februar 2009 Ben Winter starrt aus dem Fenster. Hinter ihm liegt Afghanistan, landen wird die Bundeswehrmaschine, in der er mit seinen Kameraden sitzt, in der Heimat. In Wahrheit aber kehrt er zurück in die Fremde. Denn fremd geworden sind ihm seit dem Sprengstoffanschlag, den er überlebte und dem sein Freund Torben zum Opfer fiel, alle, die vertraut schienen - die Freundin, die Eltern, die Kumpels. „Geht's dir gut“, fragt Tine, die ihm bald sagen wird, dass sie schwanger ist. „Na klar, war 'ne klasse Zeit“, sagt Ben. Das Grauen, dem er nur scheinbar mit heiler Haut entkommen ist, verschweigt er. Während seine Familie ihm um den Hals fällt, fährt im Hintergrund der Sarg seines Freundes vorüber. Der Vater des Verstorbenen bleibt mit seiner Trauer allein.

Ein fröhliches Willkommen soll es geben. „Bislang warst du Ben Winter aus Deidesheim, jetzt bist du Ben Winter, der Held“, sagt ein Freund des Rückkehrers. „Hast denen da unten gezeigt, wo der Hammer hängt“, bekommt er noch zu hören. Doch schon beim anschließenden Grillen zeigt sich, dass Ben niemandem etwas gezeigt hat, sondern ein Gezeichneter ist. Den Geruch von verbranntem Fleisch erträgt er nicht. Seine Freundin will wissen, wie denn das Essen in Kundus war.

Außer Kontrolle

Der Ursprung des Traumas: Ben vor seinem tödlich getroffenen Freund Torben (Franz Dinda)

Der Ursprung des Traumas: Ben vor seinem tödlich getroffenen Freund Torben (Franz Dinda)

Bens Eltern (Kirsten Block, Oliver Stritzel) verstehen gar nichts, stumm stehen sie vor dem plötzlich Verstummten, seine unkontrollierbaren Wutanfälle bekommen Tine (Mira Bartuschek) und sein Freund Ivan (Torben Liebrecht) ab, den Ben krankenhausreif prügelt. Sobald ein Glas zerspringt, brennen seine Sicherungen durch. Er beginnt zu laufen. Mit vollem Sturmgepäck rennt er durch die Weinberge, bei Tag, bei Nacht und trifft schließlich die schlaflose Nachbarin Lona Reimann (Ulrike Folkerts), Ärztin in dem Krankenhaus, in das Ivan eingeliefert wird. Sie als Einzige erkennt, wie es um Ben steht, der sein Problem verdrängt, bis er auf der Straße zusammenbricht.

Sein Problem hat einen Namen: Von einer „posttraumatischen Belastungsstörung“ sprechen die Mediziner. Oftmals mit Verzögerung setzt sie ein, kommt in Schüben, und wer sich ihr nicht von Beginn an stellt, droht unter die Räder zu geraten. Mit einer äußeren Verletzung wüsste Ben umzugehen, doch ehe er in der Hartmännerwelt der Bundeswehr als Weichei mit Dachschaden gilt, verschließt er sich lieber. Bis es nicht mehr geht.

Allgemeine Sprachlosigkeit

Der Film „Willkommen zu Hause“ hat ein Thema; eine Handlung, das merkt man, musste der Drehbuchautor Christian Pfannenschmidt erst finden. Immer wieder sind den Personen in diesem Stück leicht hölzerne Dialoge aufgegeben. Das mindert die Wucht der Erzählung nicht, vor allem zum Ende hin. Und es erklärt sich aus der allgemeinen Sprachlosigkeit, die ob des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan in unserer Gesellschaft herrscht. Was mit den deutschen Soldaten im Norden Afghanistans passiert, kratzt, um es deutlich zu sagen, hierzulande keinen. Es interessiert niemanden, es wird verdrängt, im kleinen, privaten Kreis wie in der großen Politik. Die spricht von einem „humanitären Einsatz“, dabei ziehen die Soldaten in ein Kriegsgebiet; in einen Krieg, den sie nicht führen wollen und sollen, der aber über sie kommt.

Wie lange hat es gedauert, bis der Verteidigungsminister bei den Toten endlich von „Gefallenen“ sprach, und wie lange, bis endlich Einigkeit herrschte über einen Ort, an dem dieser Gefallenen gedacht werden kann? Wenn es um Afghanistan und um die Bundeswehr am Hindukusch geht, lügen sich alle in die Tasche. Den klarsten Satz, den wir zu diesem Thema gehört haben, sprach der frühere Verteidigungsminister Peter Struck: Die Freiheit der Bundesrepublik Deutschland werde auch am Hindukusch verteidigt. Wobei dann immer noch die Frage bleibt, welche die Afghanen an uns stellen: Was haben wir davon? Wo bleiben der versprochene Fortschritt, die Demokratie, der Wohlstand, die Menschenrechte?

Mangel an Zivilcourage

„Ich will deinen verdammten Krieg nicht in meinem Haus, ich will meinen Frieden“, blafft Bens Mutter ihren Sohn irgendwann an und läuft ihrerseits davon. Niemand will diesen verdammten Krieg, schon gar nicht zu Hause, noch nicht einmal wahrnehmen will man ihn. Dabei wäre das Interesse die mindeste Form der Anerkennung für die inzwischen nach Zehntausenden zählenden Soldaten der Bundeswehr, die in den vergangenen Jahren in Afghanistan Dienst taten.

Jeder nichtige Anlass kann Ben plötzlich überfordern. Seine Nachbarin Lona (Ulrike Folkerts) nimmt sich seiner an.

Jeder nichtige Anlass kann Ben plötzlich überfordern. Seine Nachbarin Lona (Ulrike Folkerts) nimmt sich seiner an.

Auf diesen Umstand hat zuletzt ganz nüchtern der bei einem Attentat schwer verletzte Bundeswehrsoldat Boris Schmuda hingewiesen, als er in der vergangenen Woche in der Talkshow von Reinhold Beckmann zu Gast war. Von einem allgemeinen Interesse aber spürt man in unserem Land wenig. Es mangelt an der Zivilcourage, sich zu einem militärischen Engagement zu bekennen, das man durchaus begründen kann und begründen muss, schließlich zahlen die Soldaten dafür unter Umständen mit dem denkbar höchsten Preis - ihrem Leben. Um diese Konsequenz wiederum mogelt man sich herum, indem versucht wird, die Bundeswehr so weit wie möglich von kriegerischen Auseinandersetzungen fernzuhalten. Dabei ergibt der Einsatz einer Armee, die nicht kämpfen soll und auch ihrem humanitären Auftrag immer weniger nachkommen kann, weil die Soldaten eingepfercht werden und ihre Camps möglichst gar nicht mehr verlassen sollen, gar keinen Sinn mehr.

Zurück in die Fremde

Wer einmal in Afghanistan war, kann das Befremden verstehen, das Ben „zu Hause“ verspürt. Er will zurück in dieses fremde Land von eigentümlicher Schönheit, in das geschundene Land, wo man nicht fragt, wie das Essen ist, sondern, ob es etwas zu essen gibt. Im Deidesheimer Supermarkt plärrt ein Mädchen, weil es nicht genug von den Süßigkeiten bekommt, die Kinder in Kundus haben gar nichts, im Jahr acht nach der Vertreibung der Taliban leben viele Afghanen noch immer im Elend. Doch nicht nur das treibt Ben um, wie wir vom ersten Augenblick an sehen. Bevor sein Freund Torben (Franz Dinda) auf die Straße tritt, auf der ihn eine Bombe zerfetzt, haben die beiden Hölzchen gezogen, wer den Wagen verlassen sollte, um nachzusehen, was ist. Torben zieht den Kürzeren. Kein Wunder, dass Ben sich schuldig an seinem Tod fühlt. Seine traumatischen Erinnerungen an diesen Moment führt uns der Regisseur Andreas Senn in Flashbacks vor, jedes Mal zeigt er uns ein Stück mehr vom Anschlag, der Torben das Leben gekostet und Bens Leben für immer verändert hat.

Trauriges Zeremoniell: Der Sarg des toten Torben Kesselbach wird nach Deutschland überführt

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Für ihre Schilderung haben sich der Autor, der Producer Benjamin Schacht und die Produzenten Nico Hofmann und Jan Kromschröder der denkbar besten Expertise versichert: Der Oberstarzt Karl-Heinz Biesold, der am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg als Leitender Arzt der Neurologie und Psychologie seelisch verwundete Soldaten versorgt, stand bei der Recherche Pate und bürgt für die Akkuratesse, mit der Christian Pfannenschmidt das Krankheitsbild von Ben Winter zeichnet. Den schließlich spielt Ken Duken ganz und gar überzeugend mit all den Feinheiten, die es braucht, einen seelisch Verwundeten darzustellen. Am Ende kann Ben dem Vater (Karl Kranzkowski) seines toten Freundes gegenübertreten und ihm erzählen, wie es wirklich war, damit auch er seinen Frieden machen kann.

Eigentlich sollte der Film im vergangenen Herbst laufen, zu der Zeit, als der Bundestag die Verlängerung des Bundeswehr-Mandats beschloss. Doch erst kam eine Fußballübertragung dazwischen, dann die amerikanische Präsidentenwahl, schließlich Barack Obamas Amtsantritt, die große Politik hat die Programmplanung klein gemacht. An Brisanz und Bedeutung nimmt das dem ersten deutschen „Vietnam-Film“, dem ersten, der den Bundeswehreinsatz in Afghanistan fiktional verarbeitet, nichts. Hoffentlich auch nichts von der Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

Willkommen zu Hause, um 20.15 Uhr im Ersten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: obs, SWR/Andreas Bšhmig

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