FAZ.NET-Fernsehkritik

Wir sind alle Familienhelden

Von Matthias Hannemann

03. März 2008 Deutschland hat ein merkwürdiges Verhältnis zu seinen Kindern. Es kommt auch im Zeitalter des Elterngeldes von dem Gedanken nicht los, als seien Kinder eine Angelegenheit von Frauen allein. Bei Anne Will zum Beispiel saß am Sonntagabend nicht ein einziger Mann auf dem Podium, als es um um „Kinder, Krippe, Karriere“ gehen sollte. „Geballte Frauenpower“, nannte das die Redaktion. Und zählte im Vorfeld erst einmal nach, was die herbeigerufenen Kinderbeauftragten denn so an Kindern aufzufahren hatten: Renate Schmidt, Jahrgang 1943, drei Kinder. Christa Stewens, Jahrgang 1945, sechs Kinder, Michaela Freifrau Heereman, Jahrgang 1949, sechs Kinder, Claudia Roth, Jahrgang 1955, keine Kinder, Christa Müller, Jahrgang 1956, ein Kind. Anne Will, Jahrgang 1966, keine Kinder.

Schließlich war noch die Musikerin Judith Holofernes zugegen: Jahrgang 1976, immerhin schon ein Kind. Im Sommer soll der kleine Friedrich sogar mit Mutterns Band „Wir sind Helden“ auf Tour gewesen sein, in einem eigenen kleinen und windeldichten Tourbus. Ihren Beitrag zum ersehnten Kindersegen sieht sie damit geleistet: „Jetzt bin ich Mutter geworden“, gab Holofernes gleich nach der Geburt zu Protokoll, „Aber ich habe keine Intention, Deutschland aufzuforsten.“

Der kühne Schritt nach vorn wird ausgebremst

Mit der Absichtserklärung der Großen Koalition, irgendwann einmal 150 Euro Betreuungsgeld für jene zu zahlen, die mit den Knirpsen daheim bleiben, wird es wohl nie etwas. Denn nicht einmal hier im Fernsehen, im bevorzugten Mittel der deutschen Kindererziehung, kam die bayrische Familienministerin Christa Stewens dazu, den auf dem Petersberger Koalitionsfriedens erzielten Kompromiss als kühnen Schritt nach vorn zu bezeichnen. Vielmehr kündigte, kaum dass die rote Aufnahmelampe lief, die einstige Bundesfamilienministerin Schmidt im Namen des amtierenden und aller zukünftigen Finanzminister Widerstand bei der Umsetzung an.

Während die Hausfrau eines karrieresüchtigen Möchtegern-Revolutionsführers, Christa Müller, für den Fall der Fälle aber trotzdem schon einmal 1600 Euro im Monat pro Nase und überhaupt endlich mehr Umverteilung forderte. „Liebe Christa, da ist dein Mann doch der erste, der ins Ausland geht, damit er diese Steuern nicht mehr zahlen muss!“ So entwaffnete Renate Schmidt zwar auch die Liebste Lafontaines, als sei der Gedanke an die Steuerschraube der Sozialdemokratie schon immer fremd gewesen. Eine Lösung aber war das noch nicht.

Wunderbar, wie sie das als Nicht-Politikerin formuliert hat

Was also tun, will man nicht auf Jahre hinaus eine Materialschlacht um Statistiken, Prognosen und anderweitigen Polit-Schabernack führen? Oder Hirnforschung diskutieren - mit einer Sozialistin? Das kleine Talkshow-Wunder geschah, als wieder einmal alles gesagt schien, Michaela Freifrau Heerreman ihr Loblied auf das Mutterdasein gesungen und Claudia Roth mehr Emanzipation und Gleichberechtigung gefordert hatte: Anne Will entschloss sich, einer Vertreterin der gebärfähigen Generation das Wort zu überlassen.

Und Judith Holofernes sagte: Erstens, dass sie von der ideologisch geführten Diskussion gehörig die Nase voll habe. („Wo sind wir denn - wieder?“). Zweitens, dass diese ganze Debatte bloß Selbstzweifel bei allen Beteiligten wecke. Drittens, dass die Lösung doch schlichtweg darin liegen müsse, die Definition des Idealwegs zwischen Kind und Karriere jeder Familie einfach selbst zu überlassen, wenn es nur endlich mehr Möglichkeiten zur Betreuung gäbe. Und viertens: Einfach einmal etwas kreativ zu sein. „Dann ist am Ende sogar denkbar, dass beide arbeiten, Mutter und Vater, und zwar beide etwas weniger als üblich, um gemeinsam mehr Zeit für die Familie zu haben.“

Hoppla! So nah war ein Gast bei Anne Will vielleicht noch nie davor, den gordischen Knoten zu durchtrennen. „Das war ganz wunderbar, wie Sie das als Nicht-Politikerin formuliert haben“, bedankte sich Frau Will, mit Freudentränen im Auge, die wir uns freilich nur eingebildet haben. Die Damen auf dem Podium fühlten sich allesamt bestätigt oder nickten so, als ob. Und selbst die beiden Väter, die den Abend über auf einem fernen Sofa hocken mussten wie auf einem Sünderbänkchen, um bei Anruf kurz den Hausmann und den Karrieremann zu geben: nickten.

Ende gut. Alles gut. Wir sind Helden, allesamt. Und schalten um auf die Wickelunterlage.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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