Von Dieter Bartetzko
18. August 2007 Harald Schmidt, den sogar die Regenbogenpresse längst liebevoll den Chefzyniker des deutschen Fernsehens nennt, ist einem Millionenpublikum gewesen, was vor hundert Jahren Karl Kraus der Wiener und Berliner Hautevolee war - eine Mischung aus Prophet, Klassenclown, notorischem Spielverderber und pathologischem Nörgler, den man, je dreister seine Späße werden und je hartnäckiger er einem die Leviten liest, umso mehr bewundert. Gewesen. Denn inzwischen scheinen die Deutschen, glaubt man den sinkenden Einschaltquoten, ihres Dompteurs überdrüssig zu werden.
Als Zuchtmeister ist Harald Schmidt ein typisch deutsches Phänomen. Denn in Amerika und England, wo Unterhalter seines Schlags gang und gäbe sind, lacht man unbeschwert über deren gezielte Anstandslosigkeit. In Deutschland schwingt im Gelächter des Publikums die erschrockene Freude von Musterschülern mit, aus deren Mitte sich endlich einmal einer wagt, sämtliche Honoratioren mit Dreck zu bewerfen - und die Furcht, früher oder später selbst aufs Korn genommen zu werden.
Das Zittern des Musterschülers
Harald Schmidt ist bekennender Klassenclown. Dass er auch das Zittern des Musterschülers kennt, zeigte sich, als er, zu dieser Zeit noch der uneingeschränkt regierende personifizierte Sarkasmus, im März 2001 Günter Gaus Rede und Antwort stand. Todernst war dieser Harald Schmidt, nervös und verkrampft. Aber er war auch von einer sprachlos machenden Wahrhaftigkeit. Er sei ein sehr konservativer Mensch, bekannte er und gab - daher wohl auch die Gnadenlosigkeit, mit der er Neulinge, den alten Adam herauskitzelnd, in Grund und Boden stampft - ein manifestes Misstrauen gegen alles Neue zu.
Erstaunt hörte man ihn erläutern, dass er einem ehernen Wertekanon folge, in dem an erster Stelle eine intakte Familie steht, gefolgt vom Wunsch, die eigenen Kinder klassisch ausbilden zu lassen - und vom Bekenntnis zur Ethik des Christentums. Genau betrachtet ist diese Haltung nicht so erstaunlich, wie sie im ersten Moment scheint. Sie passt sogar haargenau zu den Bosheiten, der Häme und den Geschmacklosigkeiten des Mannes, der sich vom Klassenclown zum Henker aller Umgangsformen und Denknormen entwickelte: Harald Schmidts Auftritte sind die Ausbrüche eines von übersteigertem Geltungsbedürfnis enthemmten Moralisten. Womit wir wieder beim Karl Kraus des Bildschirms wären.
In illustrer Gesellschaft
Schmidt sieht sich anders: Im Grunde sei er Conferencier, erklärte er Gaus. Auf dessen In diesem altmodischen Sinn? antwortete er stolz mit Ja. Denn das Treiben eines Conferenciers greife vor einem Riesenpublikum genauso wie im Hinterzimmer von Pension Rosi. Mit dieser Selbsteinschätzung begibt Schmidt sich in illustre Gesellschaft. Nicht nur in die der Legenden Kulenkampff und Frankenfeld, die im bigotten Wirtschaftswunderland bisweilen eine freche Lippe riskierten, sondern auch in die eines Werner Finck, den die Nazis wegen doppelbödiger Moderationen inhaftierten, oder eines Wolfgang Neuss, dessen bissige Monologe die junge Bundesrepublik fürchtete, bis man ihn von Leinwand und Bildschirm verbannte. Harald Schmidt hat in seinen ersten Fernsehjahren mit seinen Attacken und Dreistigkeiten zwar nur Kopf und Kragen als angehender Bildschirmstar riskiert, aber dazu gehört schon sehr viel Mut zum Risiko in unseren medienhörigen Tagen.
Auch mit der Pension Rosi hat er recht. Denn um zu werden, was er ist, hat Harald Schmidt gerackert und geackert wie wenige. Was zur Nachfeier seines heutigen fünfzigsten Geburtstags am kommenden Freitag als Hommage über den Bildschirm rasen wird, wirkt oft, als habe der Chefzyniker jahrzehntelang Klamotten gedreht - Schmidt im Fummel, Schmidt als tuntiger Polizist, als Tattergreis, Hausfrauenschlampe und Exhibitionist; nichts, was schon in Opas Kino Frohsinnskreischen weckte, hat er ausgelassen. Das ist keine Schande, eint es ihn doch mit anderen Großen wie Rudi Carrell oder Thomas Gottschalk, die er zu seinen Vorbildern zählt.
Können als Schauspieler
Was ihn von diesen unterscheidet, ist nicht nur die kalkulierte Wonne, mit der er - wie beispielsweise mit seiner Hitler-Parodie - in heikelste Tabuzonen stolzierte, sondern vor allem sein Können als Schauspieler. Letzteres dementiert er tiefstapelnd: Um nicht als Kantinenschauspieler zu enden, sei er nach seiner Schauspielausbildung und tristen Anfängen am Augsburger Stadttheater 1984 an das Düsseldorfer Kom(m)ödchen gegangen. Die Galligkeit und Schlagfertigkeit, die er als Kabarettist trainiert hatte, behielt er, angereichert mit jeder Menge Kaltschnäuzigkeit, als designierter Spaßmacher der Nation bei. Von 1989 an MAZ ab!, 1990 Pssst und Schmidteinander, 1992 bis 1995 Verstehen Sie Spaß? - von Sendung zu Sendung schärfte er sein Profil, verschliss Partner, brüskierte Gäste, Kandidaten und Programmdirektoren.
Das Publikum aber jubelte. So ebnete Schmidt sich den Weg zu jenem schwarzen Satiriker-Thron, den er am 5. Dezember 1995 mit seiner Harald Schmidt Show direkt gegenüber dem sonnengelben Hochsitz der Sabine Christiansen einnahm. Hier das Fernsehparlament der Republik, da ihre APO: die treffendste Zustandsbeschreibung dieser Ausgewogenheit des Scheins lieferte Franz Müntefering, als er auf Schmidts mokante Bemerkung, er erscheine fast mehr bei Christiansen als im Bundestag, mit einem Würden Sie mich häufiger einladen, wäre ich öfter auch bei Ihnen konterte.
Der Anfang vom Ende
Jeder Löwe des öffentlichen Lebens gierte danach, von Dirty Harry zum Kaminvorleger degradiert zu werden. Das war der tägliche Beweis der misanthropen Weltsicht Schmidts - und der Anfang vom Ende. Denn irgendwann mussten er und das Publikum der permanenten Demaskierungen und Tabubrüche müde werden.
Mit dem Überdruss kam die Selbstbetrachtung: Er habe nie Menschen mit einer Gehaltsstufe unter zehntausend Euro bloßgestellt, erklärte Schmidt unlängst in einer Publikumsdiskussion im Anschluss an seine Late Night Show, als die er bei der ARD seine Sat.1-Show nach einer vorangegangenen einjährigen Pause seit 2004 fortsetzt. Alle, die mehr verdienen, haben es (Schmidts Folter, versteht sich) verdient! Da sprach der Moralist.
Von Kerner bis Böttinger
Wer aber ist derjenige gewesen, der preistreibend und bis zuletzt das Gegenteil beteuernd, die Sender wechselte? Derselbe, der Verstehen Sie Spaß? abgab, weil er es leid sei, hilflose kleine Leute zu entwürdigen, oder der am Tag des Massakers an einer Erfurter Schule aus Pietät auf seine Sendung verzichtete und tags darauf auf Johannes B. Kerner eindrosch, weil der die Abgefeimtheit besessen habe, am selben Abend nach Erfurt zu fahren und betroffene Schüler nach ihren Gefühlen zu fragen? Welchem Wertekanon folgte Schmidt, als er die Fotografie der Talkmasterin Bettina Böttinger neben die einer Klosettbrille hielt und erklärte, die Gemeinsamkeit zwischen beiden bestünde darin, dass kein Mann sie anfasse? Harald Schmidt, dem bei Bedarf auch zotige Worte zur Verfügung stehen, wird nicht beanstanden, dass man in diesem Zusammenhang, auf den Bühnenjargon zurückgreifend, von einer Rampensau spricht, der für einen Lacher nichts heilig ist.
Der Scharfrichter im Comedy-Format erklärte Günter Gaus, er könne eigentlich nur Harald Schmidt spielen. Das ist untertrieben. Nicht umsonst wählte ihn die Fachzeitschrift theater heute nach seiner Rolle als Lucky in Becketts Warten auf Godot am Bochumer Schauspiel zum Nachwuchsschauspieler des Jahres 2002. Auch in Daniel Bessets Die Direktoren war er 2002 brillant. Er sei den langen steinigen Weg von dreißig Jahren Fernsehen gegangen, um endlich dorthin zu kommen, wo man ihn anfangs nicht haben wollte - ins Theater. Diese feixende Bemerkung in einer Schmidt-Show war sein Ernst. Das erkennt man gegen Ende der eineinhalbstündigen Sendung, mit der die ARD den Geburtstag eines ihrer größten Stars in Abwesenheit des unlustigen Betroffenen feiert.
Kanonade aus Schnipseln
Besser gesagt: abfeiert. Denn die unkommentierte, wild durcheinander wirbelnde Kanonade aus Schnipseln fast aller Schmidt-Sendungen - verantwortlich: Klaus Michael Heinz - nervt spätestens nach dreißig Minuten unerträglich. Trotz Lichtblicken wie Schmidts genialem Einfall, mittels eines Metronoms eine Livesendung auf Zeitlupentempo zu dehnen und das atemlos lachende Publikum auf die astronomischen Kosten jeder überzogenen Minute hinzuweisen - das ist keine Würdigung, sondern die geheime Rache des Mediums an seinem größten Quälgeist.
Dass Harald Schmidts Masche ausgeleiert ist, beweisen ausgerechnet Kollegen, die ihn in dieser Sendung enthusiastisch feiern: Elke Heidenreich, Mariele Millowitsch, Ingolf Lück und Helge Schneider, Biolek, Gottschalk, von der Lippe, Alsmann und - ja, auch er, der einst Abservierte - Herbert Feuerstein liefern, (Schmidt liebt Klassik) klassische Musik mit ernsten Gesichtern und erwartungsgemäß grässlichen Tönen. Das hätte vielleicht vor fünfzehn Jahren als Schändung des guten Tons Lachsalven ausgelöst. Jetzt wirkt es nur noch öde. So wie der Entschluss, Oliver Pocher im Herbst Harald Schmidt zur Seite zu stellen. Der Dompteur zurück zur Comedy-Dollerei? Im Bochumer Schauspiel warten lohnendere Aufgaben.
Die ARD-Geburtstagssendung Herr Schmidt wird fünfzig, will aber nicht feiern läuft am kommenden Freitag um 21.45 Uhr im Ersten.
Text: F.A.Z., 18.08.2007, Nr. 191 / Seite 39
Bildmaterial: ARD/Klaus Görgen, CINETEXT, Cinetext/GAL, Constantin/Cinetext, Constantin-film, ddp, dpa, dpa/dpaweb, dpa/ZDF/Katrin Knoke, obs, picture-alliance/ dpa, REUTERS, Sat.1, Sat.1/Juergens