Cologne Conference

Vier Damen beim arabischen Spätschoppen

Von Harald Keller

Der Episodenfilm „10 Days to War“ illustriert reale Begebenheiten kurz vor Be...

Der Episodenfilm „10 Days to War“ illustriert reale Begebenheiten kurz vor Beginn des zweiten Irak-Kriegs.

08. Oktober 2008 Mitte der sechziger Jahre befasste sich Tom Wolfe in einem seiner funkelndsten Texte mit der Person und den Thesen des Medienphilosophen Marshall McLuhan. Um dessen Methode verständlich zu machen, genügte Wolfe am Ende ein einziger bildhafter Satz: McLuhan, dieser kanadische Englischprofessor, habe in aller Ruhe einen Schritt beiseitegetan und aus diesem Abstand heraus erkannt, was alle anderen stets übersehen hatten.

Dieses Innehalten zum Zwecke der Erkenntnis fällt inzwischen ungleich schwerer als zu McLuhans Zeiten. Erst recht bei einer Festivalveranstaltung wie der heute beginnenden Cologne Conference, bei der ein Termin den anderen jagt, diverse Empfänge und Preisverleihungen absolviert werden müssen und die gebeutelte Branche sich ihrer Zukunftsaussichten vergewissert. Auf dem Stundenplan der „Cologne Conference Lectures“ steht etwa ein Thema wie „Die neue Matrix der Medien im 21. Jahrhundert“, wobei das Programmheft nicht verrät, welche der vielfältigen Bedeutungen des Wortes Matrix hier zur Anwendung gelangt.

Tribalistische Nutzergruppen

Man kann sich über „Essentials für den Premium Content von morgen“ unterrichten lassen, aber auch einfach gucken gehen. Unter den Reihentiteln „Top Ten des internationalen Fernsehens“ und „Look“ wird aufgeboten, was das Medium aktuell zu leisten imstande ist. Und gerade hier kann Zurüstung erfahren, wer angesichts des Wandels und der Weitung der Medienwelt bei gleichzeitigem Zerfall des Publikums in tribalistische Nutzergruppen nervöses Herzflattern bekommt. Eher am Rande des Blickfelds, also spät am Freitagabend, wird die sechzigminütige, von der Holländerin Bregtje van der Haak verantwortete Dokumentation „Satellite Queens“ gezeigt, die förmlich dazu einlädt, sich darauf zu besinnen, was das Medium Fernsehen auf kulturellem und publizistischem Gebiet zu bewirken vermag.

Um vier Frauen geht es dabei: Um die libanesische Moderatorin Rania Barghout, die ägyptische Journalistin Fawzia Salama, die palästinensische Schauspielerin Farah Bseiso und aus Saudi Arabien die Wissenschaftlerin, Frauenrechtlerin und allein erziehende Mutter Muna Abu Suleiman, die einzige übrigens, die ein Kopftuch trägt. Sie sind die „Satellite Queens“: An jedem Sonntag verfolgen bis zu zweihundert Millionen Zuschauer aus allen Ländern ihre Talksshow „Kalaam Nawaem“. Produziert wird sie vom Sender MBC (Middle East Broadcasting Centre), die in Dubai beheimatet ist.

Kontrovers, aber nicht konfrontativ angelegt folgt dieser panarabische Spätschoppen seit vier Jahren einem lockeren Pro-und-Contra-Prinzip. Die Verschleierung der islamischen Frauen steht hier ebenso zur Debatte wie Fragen der Mode, des Brauchtums, der Sexualität, der Partnerbeziehungen. Der enorme Publikumszuspruch darf dabei nicht mit uneingeschränkter Zustimmung gleichgesetzt werden. Regelmäßig erhält das Quartett feindselige Briefe, darunter auch Drohungen. Die Filmautorin Bregtje van der Haak attestiert ihren vier Protagonistinnen eine Vorbildfunktion – nicht nur in den arabischen Ländern, sondern auch für die Töchter bildungsferner Einwandererfamilien in Europa.

Krieg und Islam

Bregtje van der Haak begann sich nach den Terroranschlägen vom Herbst 2001 für die arabische Welt zu interessieren. Ihr Film ist nicht der einzige aus der diesjährigen Kölner Auslese, der sich indirekt auf dieses Ereignis bezieht. Als Eröffnungsfilm prominent plaziert ist die britische Produktion „10 Days to War“. Die acht gerade mal zwölfminütigen Episoden beschreiben reale Begebenheiten aus den Tagen vor Beginn des zweiten Irak-Kriegs – ein Countdown, der erschüttern muss, weil er von Nötigung, Täuschung und schierer Inkompetenz berichtet. Stephen Rea und Kenneth Branagh sind in Episodenhauptrollen zu sehen.

Ebenfalls von der britischen BBC stammt der Fernsehfilm „White Girl“, der sich, auf einer wahren Begebenheit beruhend, dem Thema Islam auf ungewöhnliche und besonders einfühlsame Weise nähert. Die elfjährige Leah (Holly Kenny) lernt die fremde Religion kennen, als sie mit ihrer Mutter Debbie (Anna Maxwell Martin) und zwei jüngeren Schwestern vor dem brutalen Stiefvater Stevie (Daniel Mays) in das vorwiegend von Muslimen bewohnte Bradford flieht. Die neue Wohnung bietet wenig Raum, die Familie ist mittellos, die Mutter muss putzen gehen. Dann steht eines Tages Stevie vor der Tür, und Debbie lässt sich zu Leahs größter Verbitterung wieder mit ihm ein. Zuflucht findet sie bei den pakistanischen Nachbarn, wo ein gesundes Frühstück selbstverständlich ist und die vom Koran befohlenen Rituale jenen Halt in den Alltag bringen, den Leah daheim schmerzlich vermisst.

Zurück in die Sechziger

Einen zweiten Schwerpunkt bilden Filme, die auf die sechziger und siebziger Jahre zurückgehen. Gestalterisch wie inhaltlich sticht Alex Gibneys „Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson“ hervor. In dokumentarischen und gespielten Szenen, mit Johnny Depp als Erzähler, lässt Gibney das schillernde Leben des Reporters und Schriftstellers Hunter S. Thompson Revue passieren, der mit „Angst und Schrecken in Las Vegas“ berühmt wurde. Aber Thompson lieferte nicht bloß jene literarischen Verfremdungen, die er als „Gonzo-Stil“ bezeichnete.

Er war kein Salonjournalist, sondern ein engagierter und aufmerksamer Reporter, der etwa monatelang mit den Hell’s Angels umherzog und die Kampagne des demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern begleitete. McGovern zählt denn auch, wie Jimmy Carter und eben Tom Wolfe, zu den Zeitzeugen, die dabei helfen, sich ein Bild zu machen von diesem widersprüchlichen Autor, der 2005 freiwillig aus dem Leben schied.

In der Höhle des Serienkillers

In „Inside the Manson Gang“ erzählt der Regisseur Richard Hendrickson, wie er zu Anfang der siebziger Jahre Zugang zu jener berüchtigten Kommune erhielt, die von Charles Manson gegründet worden war und eine Mörderbande hervorgebracht hatte. Zur Zeit des Prozesses gegen Manson filmte Hendrickson mit Genehmigung des Sektenführers auf der Farm der Kommunarden und fing ein scheinbar friedliches, naturverbundenes Hippie-Dasein ein, mit viel Gesang und Tanz. Die technisch unzureichenden Bilder unterlegte Hendrickson damals mit einem gegrummelten Kommentar.

Darin wertet er jeden noch so harmlosen Vorgang als bedrohlich und vermutet in einem der Manson-Jünger gar den berüchtigten Zodiac-Killer. Hendrickson kann sich die unbewiesene Behauptung erlauben, weil dieser Serienmörder aus San Francisco bis heute nicht identifiziert wurde. Wie er aber mit teils dürftigen filmischen, textlichen und musikalischen Mitteln die Dinge in einen Zusammenhang zwingt, hat eher mit Generalparanoia zu tun als mit solidem Dokumentarismus.

Ernste Gegenwartsthemen

Bei den Fernsehspielen fällt auf, dass die Auswahlproduktionen selbst dort ernste Gegenwartsthemen behandeln, wo sie in erster Linie unterhalten wollen. Das gilt für die zweiteilige Neuverfilmung des Science-Fiction-Klassikers „The Andromeda Strain“ ebenso wie für die schräge Sitcom „Flight of the Conchords“ und die bitterkomische Drama-Serie „Breaking Bad“, deren Hauptdarsteller Bryan Cranston vor wenigen Wochen für seine Leistung als krebskranker, vom Leben gedemütiger Chemiker einen Emmy als bester Schauspieler entgegennehmen durfte.

Es wäre erfreulich, wenn solche Produktionen Impulse für das einheimische Fernsehgewerbe zeitigten. Ein Präzedenzfall liegt vor: Als 2003 in Köln die britische Pseudo-Doku-Soap „The Office“ des Comedy-Genies Ricky Gervais gezeigt wurde, murmelte es hie und da, dass man so etwas auch mal in Deutschland machen sollte. Es blieb nicht bei leeren Worte: Ein gutes Jahr später feierte die artverwandte Büro-Tragikomödie „Stromberg“ Premiere.

Das Programm der Cologne Conference

Die Cologne Conference 2008, die vom 8. bis 13. Oktober stattfindet, bietet unter der Fülle der Veranstaltungen auch manche Überraschung - etwa das Regiedebüt des französichen Schriftstellers und einstigen Filmstudenten Michel Houellebecq: „La Possibilité d'une Ile“ (Samstag, 20 Uhr).

Die amerikanischen Serien „Flight of the Conchords“ und „Breaking Bad“ werden am Donnerstag um 18 Uhr 30 und 22 Uhr gezeigt, die Dokumentationen über Hunter S. Thompson und die „Satellite Queens“ am Freitag um 20 Uhr und 22 Uhr. Die beiden jeweils neunzig Minuten langen Teile der Neuverfilmung von „The Andromeda Strain“ laufen ebenfalls am Freitag von 20 Uhr an, „Inside the Manson Gang“ am Freitag um 22 Uhr und eine älterere Dokumentation mit dem Titel „Manson“ am Samstag um 23 Uhr.

Neben dem Eröffnungsfilm „10 Days to War“ (Mittwoch, 20 Uhr) wird wohl auch das Werkstattgespräch über den Regisseur Terrence Malick (Freitag, 18.30 Uhr) vom Krieg und seiner Darstellung handeln müssen - eine Auswahl seiner besten Filme bietet dazu Anschauungsmaterial.

Für Nostalgiker des Fernsehens gibt es neben Hunter S. Thompson noch einen anderen Journalisten zu sehen: Baby Schimmerlos, die von Franz Xaver Kroetz gespielte Figur, in einer Retrospektive von Helmut Dietls Serie „Kir Royal“.

Die Veranstaltungsorte liegen größtenteils in Gehnähe voneinander auf dem Gelände des Kölner MediaParks; das vollständige Programm findet sich unter www.cologne-conference.de. (wiel.)

Text: F.A.Z.

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