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Kritik an Wikileaks

Daniel Ellsbergs Pentagon-Papiere waren besser

Alles schon bekannt und in verwirrender Ausführlichkeit dargestellt? Die Veröffentlichung der amerikanischen Geheimdokumente über den Krieg in Afghanistan bringt die Internetplattform Wikileaks in die Kritik.

Von Jordan Mejias, New York

Nichts Neues aus Afghanistan? Die Wikileaks-Veröffentlichung ist in Kritik geraten.Nichts Neues aus Afghanistan? Die Wikileaks-Veröffentlichung ist in Kritik geraten.

28. Juli 2010 

Heute geschehen, gestern kommentiert. Das ist die Forderung, die in Zeiten des Internets und seines radikalen Simultaneitätsvermögens an die Nachrichtenübermittlung gestellt wird. Die mehr als neunzigtausend amerikanischen Geheimdokumente, die WikiLeaks über den Krieg in Afghanistan veröffentlicht hat, mussten die ganze Absurdität eines solchen Verfahrens offenbaren. Immerhin hat die wahrlich nicht unumstrittene Internetplattform Hilfe bei drei erfahrenen Nachrichtenverwertern gesucht, die sich wochenlang durch den Informationsberg wühlten. Aber was die restlichen Medien nun davon halten und zu halten hätten, ist alles andere als klar und nachvollziehbar.

Sogar auf ein und derselben Website wie der des Nachrichtenmagazins „Time“ gehen die Meinungen, und es sind wohl nicht mehr als Meinungen, spektakulär auseinander. Da befindet Starkolumnist Joe Klein, die WikiLeaks-Enthüllung sei zu vergleichen mit der kommunistischen Tet-Offensive, die Anfang 1968 den Vietnamkrieg neu mischte. Und da wischt Aryn Baker, Korrespondentin in Islamabad, den Dokumentenschwall mit der Bemerkung vom Tisch, er sei so aufschlussreich wie das Ergebnis, das einer erzielt hätte, der in Google „ISI hilft den Aufständischen in Afghanistan“ eingegeben hätte. Das Spiel, das ISI, der pakistanische Geheimdienst, treibe, sei längst bekannt. Über den Kontext des gesamten Geschehens gäben die Dokumente jedoch keinerlei Auskunft.

Pixel des Krieges

Genau das aber stellt sich zunehmend als elementare Schwachstelle des vermeintlichen Enthüllungscoups heraus. Niemand mehr zieht ernsthaft eine Parallele zu den Pentagon-Papieren, deren Veröffentlichung 1971 für Aufruhr sorgte. Diese nämlich waren von Verteidigungsminister Robert McNamara bestellte Gutachten über den Verlauf des Vietnamkriegs und nicht, wie im vorliegenden Fall, ein Sammelsurium von Berichten aus dem Kriegsgebiet, also von Nachrichten, die noch umhüllt sind vom fog of war, dem vielbeschworenen Kriegsnebel. Im „Columbia Journalism Review“ erklärt denn auch Greg Jaffe, Militärreporter der „Washington Post“, dass er darin keinen „entscheidenden Augenblick“ im Verlauf des Kriegs und seiner Beurteilung erkennen könne. Als Mediengeschichte sei der Vorgang interessanter als in militärischer und außenpolitischer Hinsicht.

Auch Amy Davidson, die überraschend flott für den „New Yorker“ das Wort ergreift, zweifelt am Erkenntniswert der Dokumente und preist ihn schließlich doch: „Was bedeutet es, die Wahrheit über einen Krieg zu erzählen? Ist es, technisch gesprochen, eine Lüge, wenn die Regierung behauptet, sie habe Vertrauen in Hamid Karzais Regime und betrachte ihn als legitimen Staatslenker – oder ist es einfach absurd? Ist es eine Lüge zu sagen, wir hätten einen Plan für Afghanistan, der einen Sinn ergibt? So gesehen, stellt jedes WikiLeaks-Dokument ein Pixel eines Bildes dar, das in der Tat der offiziellen Kriegsbeschreibung widerspricht, und zwar auf drastische Weise.“

Vermischung von Journalismus und Aktivismus

Nun ist es ja keineswegs so, dass die Medien, denen WikiLeaks verwehrt hat, die Dokumente im Voraus zu studieren, neidisch auf die bevorzugte Konkurrenz eindreschen. Die „New York Times“, die zu den drei auserwählten Gutachtern gehört, hat auf ihrer Meinungsseite einen Artikel veröffentlicht, in dem Andrew Exum hart mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange ins Gericht geht. Exum, der selbst zwei Jahre in Afghanistan als Offizier diente und jetzt im Center for a New American Security über die Sicherheit der Nation nachdenkt, traut jedem zu, der nur ein Drittel der Berichterstattung über den Afghanistankrieg in seiner Lokalzeitung liest, sich darüber ein ebenso ausführliches Bild zu machen wie einer, der sich durch den neuen Informationsbrei gegessen hat. Die Enthüllungen, die WikiLeaks verspreche, seien in Wirklichkeit nur zusätzliche Beispiele für Vorkommnisse, die wir bereits kennten.

Jaffe von der „Washington Post“ hatte schon den „Leuten von WikiLeaks“ das zweifelhafte Kompliment gemacht, sie seien ziemlich geschickt darin, uns zu manipulieren und viel Reklame für ihre Unternehmungen zu ergattern. Exum, der in Afghanistan eine Einheit befehligte, die, wie er glaubt, von Assange als „Mördertruppe“ bezeichnet worden wäre, lässt nunmehr alle Höflichkeiten fahren. Assange sei kein Journalist, sondern ein parteilicher Aktivist, aber was er vorhabe, sei noch nicht recht auszumachen. Er sei schnell bereit, von „Kriegsverbrechen“ zu reden, liefere aber für die Vorfälle, über die er urteile, nicht den geringsten Kontext.

Sollte es ihm um die Sache des Friedens gehen, dann seien er und seine Art des Engagements weniger hilfreich, als er denke: „Indem er die Wasser zwischen Journalismus und Aktivismus trübt und seine Organisation in die Afghanistan-Debatte eingreift, ohne schwierige moralische Fragen und den Mangel an guten politischen Optionen erkennbar zu berücksichtigen, ist er gerade unbesonnen und destruktiv wie der Soldat oder die Soldaten, die derart verachtenswert die Dokumente überhaupt erst durchsickern ließen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
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